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SENDETERMIN Do, 7.4.2016 | 22:00 Uhr | SWR Fernsehen

Psychopharmakologie LSD-Therapie

Einst als "Horrortrip"-Droge verschrien, rückt LSD nun wieder in den Fokus der Medizinforschung: In der Schweiz belegen Studien den therapeutischen Nutzen des Halluzinogens.

Psycholytische Therapie

Vorbereitungen für die "Reise": Dr. Peter Gasser legt in einem großen Behandlungsraum Matten und Kissen aus. Leicht gedämmtes Licht, eine Kerze, meditative Klänge. Es wirkt ein bisschen esoterisch, aber so ist das hier nicht gemeint. Es gehe nur um die angenehme Atmosphäre, sagt der Schweizer Psychotherapeut: "Die Substanz bewirkt ja eine Schwächung der eigenen Abwehrmechanismen, des Sicherheitsgefühls. Ich versuche, dem Patienten Sicherheit zu vermitteln." Dazu gehöre auch, dem Patienten zu sagen: "Wenn Du Ängste hast - ich bin immer dabei." Peter Gasser führt "psycholytische Therapien" mit LSD durch - einer starken chemischen Droge, die lang anhaltende Halluzinationen bewirkt.
Einer seiner Patienten, Wilhelm Reimann (Name geändert), ein pensionierter Schullehrer, erinnert sich an seine erste Sitzung: "Mir war schon mulmig, LSD ist ja so behaftet mit ‚Teufelsdroge‘ und ist verboten." Wilhelm Reimann litt lange Zeit unter schwerer Depression. Nachdem eine Standardtherapie nicht half, begann er nach langer Bewilligungszeit bei Peter Gasser mit den LSD-Sitzungen: Alle zwei bis vier Wochen 100 oder 200 Mikrogramm LSD, als Kapsel genommen, das ist eine ganz ordentliche Dosis. Dann hinlegen, entspannen – und warten, was kommt. Neun Stunden dauert die betreute "Reise", die Gasser auch als Gruppensitzungen mit bis zu zehn Personen durchführt - mit Unterstützung der Krankenkasse. Erstaunlich?

Pionier der neuen Forschung

Peter Gasser darf das, weil er Pionierarbeit leistete: Mit Ausnahmegenehmigung führte der Solothurner Arzt als einziger Therapeut in Europa 2010 eine Studie mit LSD durch - Therapiesitzungen mit schwerkranken Krebspatienten. Bei Interviews nach einem Jahr, so Gasser, "sagten alle, die wir noch interviewen konnten, es hätte Ihnen was gebracht, auch aus der Distanz von einem Jahr." Sie würden sich ruhiger empfinden, innerlich, gelassener. Sie fanden zu einer Haltung: "Auch wenn man schwer krank ist, müssen nicht nur Schmerzen und Angst das Leben bestimmen."

Portrait in Profilansicht von Peter Gasser.

Dr. Peter Gasser - Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie FMH

Und so darf Peter Gasser seine "psycholytische Therapie" heute in begründeten Fällen bei Depressions- und Angstpatienten anwenden. Es ist ein kontrollierter Trip: Der Patient ist sich dabei immer bewusst, dass er halluziniert. Sein Zeitgefühl läuft allerdings aus dem Ruder, die Sinne sind überscharf, die Wahrnehmung schlägt Purzelbäume. Wilhelm Reimann erinnert sich an seine erste "Reise", an Licht und Farbenerlebnisse: "Die Musik hat sich in Bilder verwandelt, es war einfach ein ungeheuer beglückendes Erlebnis, auch plötzlich eine starke Verbundenheit mit allem." Er habe sich wieder als ein Mensch wahrgenommen, der Begeisterung empfinden kann. Er hatte immer gedacht, diese Fähigkeit existiere gar nicht mehr in ihm. Ein Schlüsselerlebnis, auf dem die Therapie aufbauen konnte.

Späte Grundlagenforschung

Eine Autostunde entfernt liegt Basel. Hier synthetisierte 1943 der Chemiker Albert Hofman - bei der Forschung zu einem Kreislaufstimulans - die Substanz Lysergsäurediethylamid, kurz LSD. Der Konzern Sandoz vermarktete es als "Delysid" - auch als Hilfsmittel für Psychiater: Die sollten sich damit besser in die Erlebenswelt ihrer Patienten hineinversetzen können.
Am Baseler Unispital macht Prof. Matthias Liechti heute Grundlagenforschung zu LSD. Das ist nötig, denn nach dem Verbot des Halluzinogens in den 60er Jahren in den USA brach die Forschung quasi ab. Sechzehn Versuchspersonen schickten die Baseler auf überwachte LSD-Trips. Zwanzig Stunden lang wurden sie mit dem Gerätepark der modernen Medizin gescannt: Das MRT offenbarte, was in bestimmten Gehirnregionen geschah. Mit Blutuntersuchungen und vielen anderen Tests protokollierten die Forscher präzise die körperlichen Effekte. "Es macht", sagt Prof. Liechti, "einen höheren Blutdruck, höhere Körpertemperatur, leicht erhöhte Herzfrequenz. Hormone verändern sich im Körper." Das Erregungshormon Cortisol wird erhöht, ebenso das Oxytocin, das das Gefühl von Nähe zu anderen vermittelt. Im Gehirn wurde - entgegen der Vorstellung einer "Horrortrip"-Droge - vorrangig Angstreduktion gemessen.
Üble Horrortrips haben auch die Versuchsteilnehmer im Baseler Unispital bisher nicht erlebt. Ein Viertel der Probanden habe aber angstvolle Phasen durchgemacht. Die Gesamtbilanz der Studie trübt das nicht, so Prof. Liechti: "Die gleichen Personen, die phasenweise Angst hatten, haben auch gesagt, es war insgesamt eine positive Erfahrung."

Kontrollierter Rahmen wichtig

Abhängig macht LSD, so der Stand der Forschung, nicht. Dennoch ist auch ein gut überwachter Trip kein netter Ausflug: Es ist richtig stressig, so der Therapiepatient Wilhelm Reimann: „Ich verliere an einem Tag mindestens ein Kilo, man schwitzt wahnsinnig, man hat fast das Gefühl, als hätte man Fieber." Er sei nachher total erschöpft, auch am nächsten Tag noch. Und: Dunkle, angstvolle Momente erlebte er auch während der "Reisen". Allerdings habe das Durchleben dieser schwierigen Situationen - während der Therapeut ihm immer betreuend zur Seite stand - heilsame Wirkung gehabt: "Angstgefühle während der LSD Sitzung, das bewirkt irgendwie, dass man später weniger Angst hat." Ausgiebige Nachbesprechungen der "Reisen" helfen ebenso, das Erlebte einzuordnen.
Sehr wichtig sei, das betonen sowohl die Baseler Forscher, als auch der Therapeut Peter Gasser, dass die Sitzungen in einem positiven, behüteten Rahmen mit gut ausgebildeter Betreuung stattfinden. Denn LSD, auch als Partydroge "Acid" bekannt, kann - unkontrolliert genommen - auch verheerend wirken. Die neuen Erforscher des LSD wollen die Droge keinesfalls verharmlosen. Dennoch: Das therapeutische Potenzial ist da. Die Vision von Peter Gasser ist, "dass dieses Medikament, LSD, wieder für ausgebildete Ärzte zugänglich wird."