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SENDETERMIN Do, 26.3.2015 | 22:00 Uhr | SWR Fernsehen

Lichtverschmutzung Verlust der Nacht

Sowohl der Himmel als auch unsere Städte werden nachts immer heller. Doch welche Auswirkungen hat diese so genannte Lichtverschmutzung auf unseren Schlaf und auf unsere Gesundheit?

Einen nachts richtig dunklen Ort zu finden, ist heutzutage gar nicht mehr so einfach. Einige wenige gibt es jedoch, zum Beispiel den ehemaligen Truppenübungsplatz Münsingen auf der Schwäbischen Alb. Wer dorthin kommt, kann wahre Finsternis erleben. Schützenswert findet das unter anderem Dr. Matthias Engel. 2011 hat der studierte Physiker und Maschinenbauer zusammen mit einem kleinen Team das ehrenamtliche "Projekt Sternenpark Schwäbische Alb" initiiert. Es setzt sich für den Erhalt des prachtvollen Sternenhimmels auf der Alb ein. Das Ziel: Die Einrichtung eines Sternenparks und die Anerkennung als Dark-Sky-Park.

Milchstraße für viele Neuland

Auf der Schwäbischen Alb habe man einen "annähernd natürlicher Nachthimmel", so Engels Begründung für die gewünschte Schutzmaßnahme. Neuland für viele Menschen: "Ein Drittel der Deutschen haben die Milchstraße noch nicht mit eigenen Augen gesehen", so Dr. Matthias Engel weiter. Dafür sei es in unseren Städten einfach zu hell.

Städte sind nachts hell

Unweit des ehemaligen Truppenübungsplatzes Münsingen wird klar, was Dr. Matthias Engel meint. Von dort ist der Ballungsraum Stuttgart zu sehen - selbst in der Nacht noch enorm hell erleuchtet. Ein typisches Phänomen für Großstädte, doch warum eigentlich? Und was für Auswirkungen hat das viele Licht auf unseren Schlaf und unsere Gesundheit?

Warum das viele Licht?

Erforscht wird das seit Langem in Berlin, unter anderem von Dr. Franz Hölker. Er ist Leiter des interdisziplinären Projektes "Verlust der Nacht". Darin untersuchen Wissenschaftler verschiedener Disziplinen die ökologischen, gesundheitlichen sowie kulturellen und sozioökonomischen Auswirkungen von künstlichem Licht in der Nacht. Was ist seine Erklärung dafür, warum wir es uns in unseren Städten nachts so hell machen? "Menschen sind eigentlich tagaktiv", so der Forscher, "und wir neigen dazu, die nächtliche Umgebung zu erleuchten, um uns sicherer zu fühlen." Zudem habe Licht in der Nacht positive Assoziationen wie Wohlstand, Modernität und wirtschaftliche Aktivität.

Licht und Gesundheit

Bleibt die Frage, welche Auswirkungen künstliches Licht auf unseren Schlaf hat. Das untersuchen Wissenschaftler an der Charité. Vor einiger Zeit hat ein Team um Schlafmediziner Dr. Dieter Kunz dazu im Labor Menschen übernachten lassen und sie dabei vor dem Schlafengehen 30 Minuten lang verschiedenen Lichtquellen ausgesetzt. Die waren entweder eher bläulich, kalt oder aber orangefarben, warm. Das Ergebnis: Warmes Licht am Abend verändert die Produktion des Schlafhormons Melatonin kaum, kaltes dagegen setzt sie stark herab. Außerdem waren durch das Licht die Gehirnströme der Probanden verändert. Die Tiefschlafphase, normalerweise zu Beginn der Nacht zu finden, war nach hinten verschoben.

Das sei eine gewisse Ähnlichkeit zu Veränderungen, die sie bei Patienten mit Depressionen sehen, so Dr. Kunz. "Aber ansonsten ist praktisch jede Funktion, beeinträchtigbar", Lernvorgänge etwa oder auch Metabolismus, wie zum Beispiel Veränderungen, die man bei Fettleibigkeit, Diabetes oder Bluthochdruck sieht.

Tagsüber zu wenig Licht, abends zu viel

Zuviel Licht vor dem Schlafengehen, ist also nicht zu empfehlen. Tagsüber dagegen brauchen wir Menschen es hell, um richtig munter zu werden. Doch wie viel Licht kriegen wir im Alltag tatsächlich ab? Auch das haben Dr. Kunz und sein Team untersucht. "Überraschend war, dass es im Grunde eine Umkehr gibt, dass die Menschen sehr wenig Licht tagsüber bekommen, dass sie aber abends, da, wo eigentlich Dunkelheit herrschen sollte, dass sie dort wesentlich mehr Licht bekommen." Das habe negative Konsequenzen für das Gesamtsystem an inneren Uhren und alles was da dran hängt, zum Beispiel Schlaf.

Lösungen für Jedermann

Was können wir also anders machen, um besser zu schlafen? Tagsüber öfter mal an die frische Luft gehen und in den hellen Himmel schauen. Abends nicht auf dem Tablet lesen. Das bläuliche Licht gaukelt unserem Körper vor, es sei mitten am Tag - und wir werden wieder wach. Ein klassisches Buch ist da besser. Außerdem vor dem Einschlafen möglichst warmes Licht tanken und das nur kurz.

Öffentliche Beleuchtung

Soweit das, was wir selbstständig tun können. Im öffentlichen Raum dagegen sei in Sachen Licht die Politik gefordert, sagt Dr. Franz Hölker: "Bisher wurde in der öffentlichen Beleuchtung eigentlich immer nur von Untergrenzen ausgegangen, um zum Beispiel Verkehrssicherheit gewährleisten zu können. Was aber eine zukünftige Beleuchtung braucht sind wissenschaftlich fundierte Obergrenzen, um zu wissen, ab wann aus künstlichem Licht in der Nacht Lichtverschmutzung wird." Das sei ein Wissen, um letztlich auch den Schlaf des Menschen zu schützen.

Selbst mit einem veränderten Beleuchtungskonzept, wird es flächendeckend in der Nacht sicher nie wieder so dunkel werden, wie etwa auf der Schwäbischen Alb. Doch unserer eigenen Gesundheit zu Liebe sollten wir versuchen, die Nacht in den Städten nicht länger zum Tag zu machen. Einige Gemeinden, wie etwa Römerstein, haben daher bereits auf abgeschirmte warmweiße Straßenbeleuchtung umgestellt. Deren Licht zeichnet sich durch einen geringen Blauanteil aus und minimiert die negativen Auswirkungen auf Mensch und Tier.