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SENDETERMIN Do, 24.5.2018 | 22:00 Uhr | SWR Fernsehen

Ernährungsextremist Leben als Rohkostler

Wie gesund ist Rohkost? Und kann man sich ausschließlich von rohem Obst und Gemüse ernähren, ohne Mangelerscheinungen? Ultra-Triathlet Arnold Wiegand lebt als veganer Rohkostler und Extrem-Sportler.

Extremer Sport und extreme Ernährung

1993 beschloss Arnold Wiegand aus Kelkheim, sich vegetarisch zu ernähren. Kein Fleisch, keine Wurst und kein Fisch mehr auf dem Tisch. Zehn Jahre später, 2003, reichte ihm das nicht mehr. Arnold Wiegand, damals 38, hatte mittlerweile mit extremem Leistungssport begonnen. Er lief Ultra-Triathlons, also mehrfache Triathlons, auch genannt Ironman, wegen der mörderischen Dauer, die man nur mit eisernem Willen durchstehen kann. 42 Stunden Sport am Stück. In Distanzen ausgedrückt: Bei einem Wettbewerb wie dem Dreifach-Ironman brachte Arnold Wiegand gut 12 Kilometer Schwimmen, 540 Kilometer Radfahren und 125 Kilometer Laufen hinter sich. Videos aus der Zeit sind auf YouTube online und zeigen, dass der Sportler mit dem grauen Zöpfchen im Zieleinlauf meist noch locker ist – und irgendwie hat man das Gefühl, er könne gleich durchstarten und den nächsten Lauf machen.

„Ich laufe langsam, aber dafür lange“, sagt Wiegand. Seine Paradedisziplin ist das Schwimmen, gefolgt von Radfahren. „Beim Laufen habe ich meistens ein paar Plätze verloren.“ Seine hervorragenden Leistungen führt der Mann aus Kelkheim auf seine Ernährung zurück: „Bei der Umstellung auf vegane Rohkost habe ich halt festgestellt, ich habe ein höheres Energieniveau. Und das führe ich darauf zurück, dass die Lebensmittel besser verdaulich und noch lebendige Nahrung ist, weil es ja nicht zerkocht ist. Dadurch sind mehr Vitamine enthalten und auch die anderen Bestandteile werden nicht durchs Kochen zerlegt, sondern im Magen von mir.“

Was bedeutet Rohkost für den Körper?

Während Vegetarier auf Fisch und Fleisch verzichten, streichen Veganer auch Eier, Käse, Milchprodukte aller Art von ihrem Speiseplan. Rohkostler wie Arnold Wiegand gehen noch einen Schritt weiter, denn sie braten oder kochen ihre Nahrung nicht. Damit fallen aus dem Gemüse-Spektrum einige Sorten heraus. Kartoffeln und Auberginen enthalten unter ihrer Schale Solanin, das schwer verdaulich ist. Bohnen enthalten den Stoff Phasin, der Übelkeit und Erbrechen verursachen kann. Diese Stoffe werden durchs Erhitzen neutralisiert. Rohkostler schwören jedoch auf den Erhalt von Vitaminen und wichtigen Inhaltsstoffen, indem sie das Gemüse maximal auf 40 Grad erhitzen, also quasi nur anwärmen. „Ich habe mich sehr gründlich mit Ernährung beschäftigt, damit eben keine Mangelerscheinungen bei mir auftreten, sondern ich im Gegenteil leistungsfähiger werde“, erklärt Wiegand. Er arbeitet viel mit Pflanzenölen wie Leinöl, das zum Beispiel die wertvollen Omega-3-Fettsäuren aus Fisch ersetzt. Para- und Cashewnüsse, dazu viele Hülsenfrüchte wie gekeimte Linsen sowie Algen stehen ebenfalls auf seinem Ernährungsplan.

Sportmediziner Prof. Dr. Dr. Perikles Simon vom Sportmedizinischen Institut der Universität Mainz beschäftigt sich intensiv mit der Ernährung von Leistungssportlern. Für ihn ist der Fall von Arnold Wiegand, der mit einer reinen Rohkosternährung Höchstleistungen erbringt, etwas Besonderes: „Die meisten Menschen vertragen es schlicht und ergreifend nicht. Die versuchen, ihre Energiebilanz darüber zu decken und scheitern. Gleichzeitig ist es so unverträglich, dass es Blähungen erzeugt. Es gibt auch viele Menschen mit einer Fructose-Intoleranz, die Durchfall dadurch bekommen. Und wenn dann wichtige Nährstoffe fehlen, zeigt sich das sehr häufig im Blutbild, weil die Blutneubildung nicht mehr gut abläuft. Leistungsschwäche und Abgeschlagenheit sind dann die erste Folge davon.“

Arnold Wiegand lässt sich von den Mainzer Sportmedizinern testen. Eine Leistungsdiagnostik auf dem Laufband, ein Atemlufttest und ein Blutbild, das auch Mineralstoffe wie Jod, Zink, Eisen und die Vitamine D und B12 abfragt, sollen Auskunft über seinen tatsächlichen körperlichen Zustand geben. Prof. Perikles Simon: „Vegan und Rohkost ist schon ein schwieriges Unterfangen, da muss man sich sehr gut mit dem Thema Ernährung auseinander gesetzt haben. Und sich dann auch sehr sehr strikt an die Ernährung halten. Da kann man nicht sagen, Algen schmecken mir nicht, sondern die kommen dann auf den Tisch, weil da das drin ist, was ich dringend brauche.“

Die Umstellung auf Rohkost braucht Zeit und Training

Arnold Wiegand, mittlerweile 53 Jahre alt, hat vor einem guten Jahr mit dem Hochleistungstraining aufgehört: „Bei meinem letzten 10-fach Ironman hatte ich nach der Hälfte der Zeit Sehnenprobleme. Seitdem trainiere ich nur noch wie ein normaler Breitensportler, einmal Schwimmen und einmal Radfahren in der Woche.“ Dem Leistungstest sieht er gelassen entgegen.

Die Ergebnisse sind auch für Sportmediziner Simon erstaunlich. Zum einen hat Arnold Wiegand keine Mangelernährung: „Auch die bei Veganern und Rohkostlern problematischen Elemente wie Eisen, Vitamin D und B12, oder auch Eiweiß und Omega-3-Fettsäuren sind ausreichend vorhanden. Wiegand ist aber auch so schlau, problematische Stoffe zu substituieren, also in Form von Nahrungsergänzungsmitteln einzunehmen.“ Der Laufband-Test ergibt, dass Arnold Wiegand aus dem Stand heraus, ohne Training oder Vorbereitung, einen Marathon laufen könnte. „Der kann sechs bis sieben Stunden aus dem Stand heraus laufen, sozusagen auf ‚Nüßchen-Basis’, also nur mit ein paar Rosinen und Bananen zwischendurch“, erklärt Simon. Das jedoch liegt nicht an der Rohkost-Ernährung, sondern an einem phänomenalen und vor allem angeborenen Fett-Stoffwechsel. Was bedeutet, dass Wiegand bei einem Wettkampf sehr lange von seinem eigenen Stoffwechsel zehren und seine Zuckerreserven sparen kann.

Simons Fazit zur Rohkost-Ernährung: „Von Null auf 100 Prozent Rohkost würde nicht gehen. Auch die meisten Spezialisten haben einen Anteil an gekochter Nahrung mit dabei. Das ist einfach wichtig. Außerdem verwendet man Tricks, man püriert beispielsweise Rohkost, so dass sie eben leichter verdaulich wird. Der Körper ist dann schon in der Lage, die Verdauungsprozesse weiter zu optimieren, so dass eine Rohkost besser aufgenommen werden kann, aber das muss förmlich trainiert werden.“ Am gesündesten, so Simon, ist nach wie vor eine Mischernährung, in die möglichst viel Gemüse, Salat und Obst integriert wird.

Auch Arnold Wiegand hat seine Ernährung gelockert, seit er mit dem Wettkampftraining aufgehört hat, und isst jetzt häufiger gekochte Mahlzeiten.

Buch

Arnold Wiegand

Roh-Vegan + Sport. Vegane Rohkost und Ausdauersport

Verlag:
Books on Demand
Genre:
Sachbuch
Länge:
216 Seiten
Bestellnummer:
13 978-3-8423-4561-4
aus der Sendung vom

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Donnerstags um 22.00 Uhr im SWR Fernsehen.