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SENDETERMIN Do, 18.6.2015 | 22:00 Uhr | SWR Fernsehen

Histaminintoleranz Leben mit der Lebensmittelampel

Wer an einer Histaminintoleranz leidet, muss auf viele Lebensmittel verzichten. Doch der Stoffwechseldefekt ist noch immer nicht vollständig erforscht, die Diagnose schwer zu stellen…

Wenn Angelika Trump auf dem Wochenmarkt einkaufen geht, ist ein Din A4 Blatt ihr ständiger Begleiter. Doch es ist kein Einkaufszettel, sondern eine Lebensmittelampel. Sie sagt Angelika Trump, was sie essen darf und was nicht. Der Grund: Frau Trump vermutet bei sich eine Histaminintoleranz - ein Stoffwechseldefekt, bei dem Betroffene Histamin im Körper nicht abbauen können. Histamin wird vom Körper produziert, aber auch durch Lebensmittel aufgenommen. Zu viel Histamin kann uns aber vergiften. Angelika Trump meidet deshalb alle Lebensmittel, die viel Histamin enthalten. Ihre Lebensmittelampel hilft ihr, sich zu Recht zu finden. Sie hat sie selbst entwickelt, über Jahre, im Selbsttest. Das Ergebnis: fast 150 Lebensmittel hat sie von ihrem Speiseplan gestrichen. Alle, die viel Histamin enthalten. Besonders unbekömmlich sind zum Beispiel Tomaten und Erdbeeren, denn sie sind sogenannte "Liberatoren": sie enthalten nicht nur viel Histamin, sondern setzen auch das körpereigene Histamin frei. Angelika Trump bekommt nach dem Verzehr von Tomaten oder Erdbeeren grippeähnliche Symptome - Kreislaufprobleme, Schüttelfrost, Übelkeit, Durchfall.

Diagnose: Erleichterung

Einen Supermarkt betritt sie deshalb nur noch selten, weil die Lebensmittel dort nicht frisch genug sind - je reifer die Lebensmittel, desto höher der Histamingehalt. Auch Käse meidet sie: zu viel Histamin. Aber ist wirklich das Histamin schuld an ihren Beschwerden? Für Angelika Trump ist die Sache klar: Sie hat keine Allergien, keine Gluten- oder Laktoseintoleranz - und trotzdem Symptome, wenn sie bestimmte Lebensmittel isst. Nach einer langen Ärzte-Odyssee bestätigt ihr 2009 schließlich ein Bluttest einen geringen Wert des Enzyms, das Histamin abbauen soll. Diaminoxidase heißt das Enzym, der Bluttest, mit dem man seinen Wert bestimmen kann liefert dann den sogenannten DAO-Wert. Für Angelika Trump löst sich ein Rätsel. Endlich hat sie eine Ursache für ihre Beschwerden gefunden. "Das war für mich eine große Erleichterung weil ich dann endlich wusste was ich essen darf und was nicht", erzählt Angelika Trump. "Ich hab ein Jahr lang vieles ausgetestet, ich hab vieles weggelassen, aber es wurde einfach nicht besser. Ich konnte einfach nicht rausfinden, an was liegt es denn."

Ein umstrittener Bluttest

Für Betroffene ist die Diagnose Histaminintoleranz oft eine Erlösung nach Jahren der Ungewissheit. Wissenschaftlich ist sie aber noch immer umstritten: In den Leitlinien der deutschen Gesellschaft für Allergologie und klinische Immunologie und anderen Fachgesellschaften heißt es zur Histaminintoleranz: "Die wissenschaftliche Evidenz […] ist begrenzt, eine verlässliche Laborbestimmung zur definitiven Diagnose nicht vorhanden." Gemeint ist damit der Bluttest, den auch Angelika Trump gemacht hat. Er wird von den Fachgesellschaften nicht empfohlen, denn er allein gilt als nicht aussagekräftig. Denn der Wert ist zwar einfach im Blut nachzumessen, ist dort für die Betroffenen aber gar nicht relevant. Er müsste direkt im Verdauungstrakt gemessen werden. Außerdem nehmen wir Histamin nicht nur mit der Nahrung auf, sondern unser Körper produziert auch selbst Histamin. Bei jeder allergischen Reaktion wird es ausgeschüttet. Jeder Mensch hat zudem eine andere Toleranzschwelle, wenn es darum geht, wie viel Histamin er aufnehmen kann. Bei Frauen kann diese Schwelle sogar je nach Zeitpunkt im Zyklus variieren, geben Experten zu Bedenken. Zu viele Störfaktoren also für eine eindeutige Diagnose.

Nicht ohne meinen Arzt!

Angelika Trump hat deshalb nicht nur den Bluttest sondern auch eine Weglassdiät hinter sich. Sie eignet sich am besten, um sämtliche andere Faktoren auszuschließen. Ihre Blutwerte hat sie seitdem aber nicht noch einmal messen lassen - obwohl das so empfohlen wird. Denn nur wenn sich nach der Auslassdiät, die etwa 3 Wochen dauert, signifikante Unterschiede in den Blutwerten feststellen lassen, kann man auch wirklich das Histamin als Ursache für die Beschwerden bestimmen. Auch anderen Betroffenen, darunter vor allem Frauen, rät Angelika Trump deshalb zur Weglassdiät. Sie hat eine Selbsthilfegruppe gegründet und berät täglich Betroffene am Telefon. Die meisten schickt sie zum Arzt, wenn sie nicht schon eine Diagnose haben. Denn gerade weil der Weg zur eindeutigen Diagnose so schwer ist, gehen viele gar nicht zum Arzt oder lassen sich von einem Heilpraktiker beraten, der meist keine eindeutige Diagnose stellt. Doch dass Menschen nur auf einen Verdacht hin und ohne medizinischen Grund auf so viele Lebensmittel verzichten, will Angelika Trump nicht verantworten. Wer massive Probleme hat, sollte dem unter ärztlicher Begleitung nachgehen und auch vor dem kniffligen Weg bis zur eindeutigen Diagnose nicht zurückschrecken. Aber ein Ziehen im Bauch oder einmal Durchfall nach dem Essen - das sind noch keine Gründe dafür, Lebensmittel radikal vom Speiseplan zu streichen.