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SENDETERMIN Do, 18.5.2017 | 22:00 Uhr | SWR Fernsehen

Zellalterung Langsamer altern - durch Sport!

Regelmäßiges Training hält fit. Soweit, so bekannt. Aber Sport kann auch den natürlichen Alterungsprozess verlangsamen. Wie? Die Antwort steckt im Detail, nämlich in unseren Chromosomen.

Wenn Annemarie Groß ihre Sporttasche schultert, ist das inzwischen ein gewohnter Bewegungsablauf. Drei Mal die Woche geht die Rentnerin zum Krafttraining ins Fitnessstudio – und das sieht man ihr an. Schlank, straffer Körper – für Mitte Sechzig würde man die hellblonde, attraktive Frau kaum schätzen. Dabei war sie weiß Gott nicht immer so eine Sportskanone. "Also ich habe seit meiner Schulzeit eigentlich keinen Sport mehr gemacht", erzählt sie, und man mag es kaum glauben. "Die Idee kam eigentlich von meinen Kindern, die hatten mich motiviert, ich sollte doch endlich mal was tun." Ihre Kinder hatten von einer großangelegten Studie der Sportmediziner der Universität des Saarlandes gelesen. Es wurden Teilnehmer gesucht: Sport-Laien wie Annemarie Groß damals.

"Und daraufhin hab ich mich dann entschlossen, mich an der Studie zu beteiligen – wobei ich immer so im Hinterkopf hatte: ich hab eh keine Chance mehr, mit meinem Alter." Doch sie hatte eine Chance. Mit ihren damals fast 60 und ihrem allgemein guten Gesundheitszustand war sie die perfekte Kandidatin für die Studie. Das Ziel: herausfinden, wie genau sich Bewegung auf den Körper auswirkt – und zwar bei Menschen, die vorher nicht regelmäßig trainiert haben. Dabei hatten die Wissenschaftler nicht nur verschiedene Faktoren im Blick – etwa, wie sich der Blutdruck, der Grundumsatz oder die Zellalterung unter regelmäßiger Bewegung verändern - sondern auch, welche Art des Trainings welchen der Faktoren besonders gut beeinflusst.

Trainieren im Dienste der Wissenschaft

Vier Gruppen trainierten also im Rahmen der Studie sechs Monate lang nach Plan: Eine Gruppe machte Krafttraining, darunter Frau Groß. Eine Gruppe joggte, machte also Ausdauertraining. Die dritte Gruppe joggte auch, im intensiven Intervalltraining. Und die Kontrollgruppe trainierte gar nicht. Mit Annemarie Groß wurden 265 weitere Probanden zur Studie zugelassen. Voraussetzung: keine Vorerkrankungen, 30 bis 60 Jahre, und: kein regelmäßiger Sport vor Beginn der Studie. Das Ganze startete vor fünf Jahren – nun liegen alle Ergebnisse der umfassenden Studie vor. Vor und nach der Trainingsphase gab es für alle Probanden einen Belastungstest, bei dem die persönliche Fitness ermittelt wurde. Gemessen wurden Herzfrequenz, der Laktat-Wert des Blutes und die maximale Sauerstoffaufnahme des Körpers bei Auslastung.

Den Blutdruck der Probanden hatte Dr. Anne Hecksteden, Sportmedizinerin an der Universität des Saarlandes, genau im Blick - und bald ein erstes Studienergebnis: Der Blutdruck steigt mit der Belastung erst stark an, und fällt danach wieder ab. Bei manchen Probanden fiel er aber nicht auf das Ausgangsniveau, sondern noch darunter. Interessant: genau diese Probanden konnten durch das Training ihren Blutdruck auch langfristig senken. Auch Annemarie Groß. Die Sportmediziner können dank ihrer Ergebnisse aus der Studie nun also vorhersagen, ob jemand hinsichtlich seines Blutdrucks von regelmäßigem Sport profitieren kann – noch bevor derjenige überhaupt anfängt zu trainieren. Wichtig für die Praxis. "In der Zukunft kann das dem Hausarzt dann in der medizinischen Entscheidung helfen: kann ich es bei diesem Menschen jetzt erstmal nur mit mehr Bewegung zu versuchen, oder ist es doch besser, wir beginnen direkt mit den Medikamenten – und der Bewegung, das soll ja kein oder sein", erklärt Anne Hecksteden ihre Ergebnisse und lacht.

Wie altern unsere Zellen?

Selbst wenn der eigene Körper also schon mit Problemen wie etwa zu hohem Blutdruck zu kämpfen hat – das ist kein Hindernis für regelmäßigen Sport. Im Gegenteil. Annemarie Groß kam vor Beginn der Studie zwar ohne Blutdrucksenker aus, hatte aber immer einen grenzwertig hohen Blutdruck. Das ist Geschichte, seit sie mit dem Trainieren begonnen hat. Aber kann Bewegung unseren Körper auch langsamer altern lassen? Das untersuchte der Kardiologe Dr. Christian Werner von der Uniklinik des Saarlandes im Rahmen der Studie. Sein Fachgebiet ist unsere Zellalterung. Er wollte wissen, wie unsere Zellen altern und wie regelmäßiger Sport diesen Prozess beeinflusst. Bei Laien. Dass es bei Profis zu Veränderungen in der Zellalterung kommt, konnten er und sein Team bereits beweisen: "Wir haben eine Vorstudie durchgeführt mit sogenannten Master-Athleten. Das sind Menschen jenseits der 50, die im Schnitt 35 Jahre ihres Lebens ausgiebiges Ausdauertraining durchgeführt haben, also Triathlon, Marathon", erklärt Dr. Werner. "Und an dieser Gruppe von Menschen haben wir erstmals zeigen können, dass die Zellalterung deutlich reduziert ist im Vergleich zu Menschen, die nicht trainiert haben. Das war der erste Hinweis darauf, dass Sport eine richtige Anti-Aging Intervention ist." Aber klappt das auch bei Laien?

Schutzkappen – nicht nur für Schnürsenkel

Um das herauszufinden isolierte sein Team weiße Blutkörperchen, Leukozyten, aus dem Blut der Probanden der Studie. Leukozyten deshalb, weil sich in diesen Zellen am besten beobachten lässt, was sich auch in den Gefäßwänden unseres Herzens abspielt - und was es altern lässt. Für den Kardiologen und sein Team wichtig, um Herzerkrankungen besser verstehen und behandeln zu können. In den isolierten Leukozyten findet sich der Schlüssel unseres Alterns. Genauer: im Inneren des Zellkerns. Hier sitzt die Erbinformation. Jedes Chromosom hat am Ende seiner DNA-Stränge sogenannte Telomere. Wie die Kappen am Ende von Schnürsenkeln schützen die Telomere die DNA davor, auszufransen. Doch mit jeder Zellteilung verkürzen sich die schützenden Telomere. Wichtige Erbinformation droht verloren zu gehen, der DNA-Strang wie ein alter Schnürsenkel auszufransen.

Der natürliche Alterungsprozess schreitet also mit jeder Zellteilung voran. Nur unsere Schutzkappen können diesen Prozess verlangsamen. Doch sind die Telomere einmal kürzer geworden, ist das nicht umkehrbar. Das glaubten Wissenschaftler bisher zumindest. Dr. Werners Team konnte das Gegenteil beweisen: „Wir konnten in allen Probanden die Telomerlänge messen und haben gesehen, dass sich bei denen, die Ausdauertraining gemacht haben, die Telomerlänge um 15 - 20 Prozent verlängert hat", erläutert Dr.Christian Werner die erstaunlichen Ergebnisse. Damit konnte sein Team die "Anti-Aging- Wirkung" von Sport nachweisen. Zumindest für Ausdauersport. Eine Verlängerung der Schutzkappen fanden die Forscher nämlich nur bei den Probanden, die gejoggt waren – ob im intensiven Intervall-Training oder normal. Aber nicht in der Kontrollgruppe und auch nicht beim Krafttraining.

Besser als jede "Anti-Aging" Creme?

Aber auch hier zeigte sich die "Anti-Aging" Wirkung von Bewegung: Frau Groß´ Körper produzierte während ihres Krafttrainings Proteine, die sich schützend über die Telomere legen und so einem schnellen Verschleiß der Schutzkappen vorbeugen. Auch Krafttraining wirkt also gegen Zellalterung. Alle Probanden der Studie, die trainierten, hatten am Ende jüngere Zellen, als die der Kontrollgruppe, die nicht trainiert hatten. Dennoch kann natürlich auch regelmäßige Bewegung nicht die Zeit zurückdrehen: ein 50-Jähriger kann nicht mehr die Zellen eines 20-Jährigen erreichen.

Aber: auch wer nach langem Nichtstun, etwa mit 50, anfängt, regelmäßig (Ausdauer-)Sport zu treiben, kann mit 80 immer noch dieselben, fitten Zellen haben wie mit 50. Das konnten die saarländischen Forscher beweisen, und damit die gängige Lehrmeinung endgültig umstoßen. Und auch Annemarie Groß spürt die positive Wirkung ihres Krafttrainings – und das trotz Jahrzehnte langem Sportmuffel-Daseins: "Also heute fühle ich mich wesentlich besser" strahlt sie, "ich fühle mich körperlich besser und es geht mir mental viel, viel besser. Ein voller Erfolg!" Das gilt nicht nur für de Teilnehmer, sondern auch für die Macher der Studie. Frau Groß jedenfalls macht auch fünf Jahre nach der ersten Trainingsphase der Studie weiter mit dem Training. Es hält sie fit – und jung!