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SENDETERMIN Do, 4.9.2014 | 22:00 Uhr | SWR Fernsehen

Reportage mit Lena Ganschow Landschaftspflege mit Schafen

Die Bilderbuchidylle von grasenden Schafen trügt. Viele Schäfer leben heute hauptsächlich von Landschaftspflege - eine harte Arbeit, wie Reporterin Lena Ganschow feststellt.

Schafe sind ökologische Rasenmäher

Landschaftspflege nennt sich das, was Schafe genüsslich schmatzend verrichten. Sie sollen verhindern, dass die Streuobstwiesen um Baden-Baden total zuwuchern. Mittendrin die Chefin: Ute Svensson ist Schäferin aus Leidenschaft. Sie setzt auf Coburger Fuchs- und Pommersche Landschafe. Beides Rassen, die für den Job bestens geeignet sind. Die Paarhufer sind günstiger als Mähmaschinen, erklärt Svensson der SWR-Odysso-Reporterin, und außerdem sorgen sie als Transporteur von Samen und Sporen für die Artenvielfalt in der Wiese. Ihr "goldener Tritt" befestigt den Boden und verstopft Wühlmauslöcher. Nicht zu vergessen: der kostenlose Naturdünger, den die Tiere hinterlassen.

Bezahlt wird die Landschaftspflege überwiegend von den Gemeinden, aber auch von Privatleuten. Daran hängt Svenssons Existenz. Lammfleisch bringt noch ein bisschen was, das Fell jedoch ist schon lange nichts mehr wert. Schlimmer noch, es ist ein Verlustgeschäft: Zwei Euro bezahlt Ute Svensson pro Schaf fürs Scheren, 50 bis 90 Cent bekommt sie für die Wolle. Moderne Kunstfasern und die Konkurrenz aus Fernost verderben die Preise.

Schäfer - ein Beruf mit Nachwuchssorgen

Zu tun gibt es in der Schäferei immer was. So muss man den Schafen zum Beispiel regelmäßig ein Entwurmungsmittel verabreichen. Lena Ganschow probiert dies unter Svenssons Anleitung aus und lernt schnell: Schäfer sollten körperlich fit sein, denn bis man das Schaf in der richtigen Position hat, bedarf es einiger Kraftanstrengung. Zudem hat fast jeder Arbeitstag 13 Stunden, ein Beruf mit wenig Freizeit. Klar, dass es da Nachwuchssorgen gibt.

Die Wissenschaftsreporterin trifft Leona Sakowski. Ungewöhnlich für eine junge Frau, wollte sie den Job unbedingt und hat bei Ute eine dreijährige Ausbildung zur Schäferin gemacht. Nach dem Abitur und einigen anderen beruflichen Versuchen ist sie jetzt ausgebildete Tierwirtin. Was anderes wäre für sie auch nicht infrage gekommen und sie gerät ins Schwärmen, wenn sie über den Rhythmus der Schafe und der Jahreszeiten spricht. In diesen Takt, so philosophiert sie, müsse sich auch der Mensch einfügen - für Leona insgesamt eine runde Sache. Die Naturverbundenheit ist ihr wichtig und nicht das Geld, das sie vielleicht in einem anderen Beruf verdienen könnte.

Zum Schäferhandwerk gehört auch die Hundeausbildung. Svensson vertraut auf Altdeutsche Hütehunde, arbeitswillige und temperamentvolle Genossen. Leider zählen diese Vierbeiner zu den vom Aussterben bedrohten Haustierrassen. Die Hunde sollen die Herde zusammenhalten, aber bis sie diese Aufgabe perfekt beherrschen, dauert es vier Jahre. Doch auch danach kommt es durchaus vor, dass Svensson zeigen muss, wer "Chef im Ring" ist. Doch ohne die Unterstützung ihrer tierischen Helfer wäre sie aufgeschmissen, die Herde könnte sie alleine nicht kontrollieren.

Mit dem Schafsreisebus auf die Sommerwiese

Lena Ganschow wird Zeugin einer großen Umsiedlungsaktion. Jedes Jahr im Sommer ziehen 700 Paarhufer um, von den Streuobstwiesen der Rheinebene hinauf in den Hochschwarzwald. Ab Anfang Juli sollen die Schafe dort oben zehn Wochen lang die Grinden beweiden. Zwei große Sattelschlepper fahren vor, quasi der Schafsreisebus zur Sommerweide. Und obwohl viele Tiere das Spiel schon aus den vergangenen Jahren kennen, gehen manche nur widerwillig in den LKW. Natürlich ist das Verladen auch ein bisschen stressig für die Schafe, das weiß Svensson, aber den Weg zu Fuß gehen wäre keine Alternative. Der 60 Kilometer lange Weg zum Ziel führt überwiegend durch Wald und dort würden die Tiere kaum etwas zu fressen finden - also Augen zu und durch. Die Reise geht auf 1.000 Meter Höhe, erst mal eine gewaltige Umstellung für die Schafe: Das Klima dort oben ist rauer, die Nahrung gewöhnungsbedürftig.

Schafe leisten Naturschutz und sorgen für Artenvielfalt

Die Grindenflächen stehen unter Naturschutz, maschinelles Mähen ist tabu. Also müssen auch hier die Schafe ran. Dafür wird Svensson von der Naturschutzbehörde bezahlt, mit der sie einen Landschaftspflegevertrag hat. Lena Ganschow trifft Charly Ebel vom Naturschutzzentrum Ruhestein. Die Reporterin will wissen, was die Landschaftspflege mit Schafen gerade hier so wertvoll macht. Der Naturschutzbeauftragte hat dafür gute Argumente: Es geht vor allem darum, die Artenvielfalt zu erhöhen.

Ebel zeigt auch gleich auf den "Übeltäter" der das verhindert. Vor allem das Pfeifengras sei ein Problem, erklärt der Fachmann, da es sich sehr stark ausbreitet und andere Arten verdrängt. Zum Glück finden die Schafe aber genau diese Pflanze besonders schmackhaft und fressen sie selektiv raus. Dadurch haben Heidelbeere, Besenheide und andere Zwergsträucher mehr Platz. Und an die sind wiederum Insekten gebunden, von denen Vögel leben. Durch die Schafs-Beweidung entsteht also eine ganze Kette von neuem Leben.

Ungewisse Zukunft für die Schäferei

Auch im Hochschwarzwald geht der Alltag weiter. Klauen schneiden steht auf dem Programm und Schäferin Svensson zeigt Reporterin Ganschow wie es geht. Größte Schwierigkeit: Die Schafe einfangen, denn sobald die spitz kriegen, was geplant ist, suchen sie das Weite. Schafe brauchen eben immer menschliche Betreuung, 365 Tage im Jahr. Rechnet man den ganzen Aufwand zusammen, beträgt Svenssons Stundenlohn etwa fünf Euro. Sie sieht die Zukunftsperspektiven für die Schäferei eher düster.

Auch der Schafreport 2011 für Baden-Württemberg kommt zu einem ernüchternden Ergebnis. Dort heißt es:"Die Haupterwerbsschäfereien in Baden-Württemberg erwirtschaften im Durchschnitt nur ein unbefriedigendes ökonomisches Ergebnis. Die erzielten Gewinne reichen bei vielen Betrieben nicht aus, um eine angemessene Entlohnung sicher zu stellen. Erst recht fehlen ausreichende finanzielle Mittel für Investitionen in die Weiterentwicklung des Betriebes."
So bleibt der Beruf des Schäfers etwas für absolute Idealisten, die aber dringend auf Unterstützung angewiesen sind, will man die allgemein anerkannten Leistungen in der Landschaftspflege erhalten.

aus der Sendung vom

Do, 4.9.2014 | 22:00 Uhr

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Donnerstags um 22.00 Uhr im SWR Fernsehen.