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SENDETERMIN Do, 10.9.2015 | 22:00 Uhr | SWR Fernsehen

Stadt, Land, Flucht! Landflucht einer Familie

Familie Burk aus Ulm flüchtet nach vierzehn Jahren auf dem Land wieder zurück in die Stadt. Das Glück im Grünen konnten sie dort nicht finden. Aber warum? odysso geht der Frage nach, welche Motive die Menschen aufs Land oder in die Stadt ziehen.

Klein und abseits

Familie Burk will am liebsten gleich wieder ins Auto steigen und wegfahren. Doch sie halten es einige Minuten aus, denn für unsere Dreharbeiten sind sie zurückgekehrt, in das Dorf, in dem sie 14 Jahre lang gelebt haben. Straß, eine 2.000 Seelen Gemeinde. Jetzt laufen Sie vorbei an der Kirche mit Zwiebelturm, die Dorfstraße entlang bis zum kleinen Bach, wo die Enten brüten. Doch so idyllisch es hier auch aussehen mag, die Familie vermisst nichts. "Es ist mal nett hier zu sein, aber ich spüre da nichts mehr", sagt Mutter Erika. Auch die Kinder Patric (16) und Naya (12) hängen nicht an diesem Ort, obwohl sie hier fast ihr ganzes Leben zuhause waren. "Es ist mehr eine Hassliebe, weil ich hier meine Kindheit verbracht habe. Aber ich mag die Stadt um einiges mehr, denn dort gibt es einfach alles", sagt Patric.
Vor vielen Jahren entschieden sich Erika und Alexander Burk ins Grüne zu ziehen. Ihre Kinder sollten in einer sicheren Umgebung aufwachsen in einem Reihenhaus auf dem Lande.

Warum aufs Land ziehen?

Die Familie Burk und ihre Wohnwünsche, aus Sicht der Wissenschaft ist ihr Verhalten charakteristisch für Familien. Sobald das erste Kind kommt, steht der Wunsch nach den eigenen vier Wänden an. Die hohen Kaufpreise in der Stadt treiben die Familien raus aufs Land. Aber nicht nur das Eigenheim, auch die Sehnsucht nach ländlicher Idylle kann ein Motiv sein, um aufs Land zu ziehen. Laut Kulturgeograph Marc Redepenning wird das Land in den Medien oft glorifiziert und als ein Ruhepol mit einer funktionierenden Gemeinschaft dargestellt. "Dieses Idyll ist natürlich auch in den Köpfen der Menschen vorhanden und die Frage ist, was für Erwartungen haben sie. Auf einem anderen Blatt steht was dann wirklich passiert", so Redepenning.

Ohne "Mama Taxi" geht gar nichts

Aus der erwarteten Ruhe wurde für Erika Burk Stress! Ein Grund waren die fehlenden öffentlichen Verkehrsmittel auf dem Land. Schnell wurde sie zu "Mama Taxi". "Kaum war ich zu Hause musste ich gleich wieder zum Bahnhof fahren und die Tochter abholen. Dann nach Hause, kurz essen vorbereiten, gleich wieder zum Zug den Sohn abholen." Erika lebte nur noch nach der Uhr, hatte kaum noch Zeit für sich und ihre Freunde. Die Kinder waren von ihr abhängig. Spontan mit Freunden treffen, die weiter weg wohnen? Auf dem Dorf war das für Patric und Naya kaum möglich. Die ganze Familie war gestresst von der Fahrerei.
Laut Professor Marc Redepenning belegen Studien, dass Menschen die pendeln müssen, die aber in ländlichen Gemeinden wohnen weniger Zeit haben sich in dem Dorf zu engagieren, im Verein mitzuarbeiten, bürgerschaftliches Engagement zu zeigen. Für Burks nicht möglich, zumal es ohnehin keine passende Vereine für die Kinder gab. Laut Professor Redepenning sind die Vereine aber oft die Eintrittskarte in die Gemeinschaft. "Das sind die Spielregeln, wie häufig auch ländliche Gemeinschaft funktioniert", so Redepenning.

Die Familie konnte sich zwar nach einiger Zeit im Dorf integrieren und engagieren, doch die ersten Jahre waren schwer.

Mehr Zeit zu Leben

Nach 14 Jahren stand die Entscheidung für Familie Burk fest. Sie verkauften ihr Haus und zogen zurück nach Ulm in eine Mietwohnung. 130 Quadratmeter Altbau, das Münster in Sichtweite, nebenan ein Park.
Endlich sind die Vier dort angekommen, wo sie wirklich leben wollen - in der Stadt. Ein Schritt vor die Tür und sie sind mitten im Geschehen. "Genau das ist das was ich wollte. Ich wollte nicht diese extreme Abgeschiedenheit", sagt Erika Burk. Hier kann die Familie alles zu Fuß oder mit der Straßenbahn erledigen: Erika läuft zur Arbeit, Patric fährt mit dem Skateboard zur Schule und Naya besucht ihre Freundinnen mit der Straßenbahn. Durch die kurzen Wege haben jetzt alle mehr Zeit.

Auch in Umfragen punktet die Stadt mit dem, was das Landleben eben nicht bieten kann.
Statt langer Anfahrt und Parkplatzsuche, liegen Geschäfte, Kino und Restaurants jetzt um die Ecke. "Die Zeit hat für uns jetzt eine andere Wertschätzung. Die empfindet man als Lebensintensiver", sagt der Vater Alexander Burk.
Für Kulturgeograph Marc Redepenning ist die Familie Burk eine leidenschaftliche Stadtfamilie. "Bei der Familie Burk ist sehr klar zu erkennen, dass sie doch sehr erlebnisorientiert ist, man sagt auch es gibt einen Lebensstil der Ausgehfreudigen der gut vernetzen und ich glaube, wenn das für sie wichtig ist, ist die Stadt der bessere Ort für diese Familie ist. Das heißt aber nicht, dass das für alle Menschen und für jeden die richtige Entscheidung ist".