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SENDETERMIN Do, 20.11.2014 | 22:00 Uhr | SWR Fernsehen

Medizinernachwuchs Warum Ärzte nicht aufs Land wollen

Viele Landärzte gehen in den nächsten Jahren in den Ruhestand. Willige Nachfolger gibt es wenige. SWR odysso hat nachgeforscht, was den Nachwuchs am Beruf des Landarztes stört?

Eine Medizinstudentin redet mit einem Patienten, ein Arzt steht hinter ihr

Mediziner arbeiten gern in großen Städten

Für viele Arztpraxen auf dem Land wird es keine Nachfolger geben. Zu diesem Ergebnis kommt eine Studie der Universität Trier, die im Sommer 2010 bundesweit über 12.500 Medizinstudenten zu ihren beruflichen Absichten befragte. Demnach finden Medizinstudenten die neuen Bundesländer am unattraktivsten. Aber auch innerhalb der Bundesländer gibt es große Abstufungen: In Rheinland-Pfalz zum Beispiel bildet der stadtferne Westerwald das Schlusslicht im Beliebtheitsranking der Studenten. Landstriche mit einer relativen Nähe zu einer größeren Stadt wie etwa das nahe Mainz gelegene Rheinhessen schneiden besser ab. Spitzenreiter bei den Medizinstudenten sind Stadtstaaten wie Berlin und Hamburg.

Die Studie aus Trier zeigt aber noch weitere Trends:

• Medizin wird in Zukunft verstärkt eine Frauendomäne. Der Frauenanteil an den Universitäten liegt bereits deutlich über 60 Prozent.
• Der Wunsch nach einer Tätigkeit als Angestellter oder als niedergelassener Facharzt ist deutlich größer als das Ziel, Allgemeinarzt mit eigener Praxis zu werden.
• Teilzeitbeschäftigung ist stark gefragt - vor allem bei Frauen. Die Vereinbarkeit von Familie und Beruf spielt bei der Zukunftsplanung junger Ärzte eine große Rolle.

Junge Ärzte wollen Familie und Freizeit mit dem Beruf vereinbaren

Die Ergebnisse der Trierer Umfrage zeigen deutlich, dass die Vorstellung vom Landarzt, der quasi als Einzelkämpfer 24 Stunden am Tag, sieben Tage in der Woche, verfügbar ist, nicht mehr zeitgemäß ist. Junge Mediziner wollen ihre Zeit frei gestalten können. Der Beruf soll mit Familie und Freizeit vereinbar sein. Das verdeutlicht auch eine Umfrage der Kassenärztlichen Vereinigung (KV) Niedersachsen aus dem Jahr 2010, in der sie 500 für eine Niederlassung auf dem Land geeignete Mediziner nach ihren Motiven für oder gegen das Land befragte. Von denjenigen, die sich eine Zukunft auf dem Land nicht vorstellen konnten, fürchteten 75 Prozent vor allem die Unvereinbarkeit von Beruf und Familie aufgrund einer zu großen Arbeitsbelastung. Diejenigen, die sich eine Niederlassung auf dem Land vorstellen konnten, dachten dabei oft an eine Gemeinschaftspraxis, in der Verantwortung, wirtschaftliche Risiken und Arbeit geteilt werden.

Viele Ärzte bewerten Landleben als wenig attraktiv

Viele Mediziner halten das Leben auf dem Land für grundsätzlich weniger attraktiv: Der Studie der KV Niedersachsen zufolge bewerten 77 Prozent der befragten "Landgegner" Theater, Kinos, öffentliches Leben und die Möglichkeiten in einer Stadt höher als frische Luft und schöne Landschaften. Einige Medizinstudenten befürchten außerdem, dass sie auf dem Land alles mit einem Auto erledigen müssen, weil der öffentliche Nahverkehr schlecht ausgebaut sei und die täglichen Ziele zu weit auseinanderlägen, um sie mit einem Fahrrad erreichen zu können.

Außerdem halten 72 Prozent der "Stadtfreunde" die Berufsausübung auf dem Land für weniger abwechslungsreich, da sie dort immer dieselben Patienten und deshalb nur ein kleines Spektrum an Krankheiten behandeln würden. Genau diesen Aspekt schätzen "Landbefürworter" hingegen. Es entstünde mehr Nähe zu den Patienten, Landärzte begleiteten nicht nur einzelne Patienten, sondern unter Umständen auch deren Eltern und Kinder, denken sie.

Wer aufs Land will, kommt vom Land

Medizinstudenten, die sich vorstellen können, eine Praxis auf dem Land zu eröffnen, kommen meist vom Land, zeigt die Trierer Umfrage. Die medizinische Ausbildung schafft nur wenige Möglichkeiten, den Landarztberuf und das Leben auf dem Land kennen zu lernen. Studenten aus der Stadt haben kaum Gelegenheit, Erfahrungen auf dem Land zu sammeln - die Entscheidung für den Landarztberuf ist folglich mit vielen Ungewissheiten und Risiken verbunden.

Ob TV-Serien wie "Der Bergdoktor" oder "Der Landarzt" helfen können, das Berufsbild des Landarztes positiv zu prägen, ist fraglich. Etwas mehr als eine gezeigte Fernsehidylle wird wohl nötig sein, um junge Mediziner aufs Land zu locken.