Bitte warten...

SENDETERMIN Do, 20.11.2014 | 22:00 Uhr | SWR Fernsehen

Medizinische Versorgung Landarzt - geht doch!

Wie bekommt man Ärzte aufs Land? In dem man die Arbeit flexibler und rentabler organisiert. Wie das geht, zeigt das Beispiel einer überörtlichen Gemeinschaftspraxis im Schwarzwald.

Eine Ärztin zeigt dem Patienten etwas auf dem Monitor

Landarzt aus Berufung

Liebeserklärungen an das Landarztleben: "Ich gehöre zur Region, das ist meine Heimat", sagt Hausarzt Dr. Gebhard Pfaff. "Wir können unsere Kinder hier springen lassen, der Kindergarten ist um die Ecke", ergänzt sein Partner Dr. Ralph Jäger. Sie kennen sich aus im Dorf, begleiten die Patienten ein Stück weit durchs Leben.

Die beiden Hausärzte aus Überzeugung leiten eine Gemeinschaftspraxis im mittleren Schwarzwald, in Hardt und Aichhalden. Genauer gesagt, sie gründeten eine "überörtliche Berufsausübungsgemeinschaft", ein gemeinsames Unternehmen an zwei getrennten Standorten.

Das sei eine zeitgemäße Interpretation der Hausarztrolle, meint Dr. Pfaff: "Der klassische Hausarzt hat in den 1980er Jahren eine Praxis gegründet oder übernommen, seine Frau hat die Anmeldung gemacht, und er hat morgens angefangen und abends irgendwann aufgehört und war immer erreichbar." Das Modell, sagt Dr. Pfaff, sei überholt. Er versucht Hausärzte als Teil eines Teams zu gewinnen und zu motivieren.

Zwei Standorte - ein Team

Am Anfang der Kooperation mit inzwischen vier Partnern und etlichen angestellten Ärzten stand eine gewagte Übernahme: Ein Arzt in Hardt ging in Rente und Dr. Pfaff übernahm dessen Praxis - die für ihn allein zu groß war. Aus der Hausarztpraxis im 15 Kilometer entfernten Aichhalden kam unverhofft Hilfe: Dr. Susanne Andreae arbeitete dort nur halbtags, weil sie ein Kind zu versorgen hatte. Doch sie hatte noch Freiräume, um dem dreifachen Vater Pfaff in seiner Praxis den Rücken freizuhalten.

So kamen sich die beiden Praxen näher und bald heckten Gebhardt Pfaff und Ralph Jäger das Teamkonzept mit zwei Standorten aus. Für Dr. Jäger ist der einsame Hausarzt auch anachronistisch: "Wenn man eine Einzelpraxis betreibt, ist das Personal abhängig von diesem einen Chef, die Patienten sind abhängig von diesem einen Menschen, dadurch fehlt irgendwann auch die Selbstkritik." Irgendwann, sagt Jäger, glaube man, man sei der König: "In einer Gemeinschaft dagegen wird man wieder kritisiert. Und davon profitieren auch die Patienten."

Pfaff sieht das gegenseitige Vertrauen als größte Herausforderung für die Teamarbeit, Vertrauen in den Partner und seine medizinischen und betriebswirtschaftlichen Entscheidungen.

Portrait Gebhard Pfaff

Dr. Gebhard Pfaff - Partner der Gemeinschaftspraxis

Flexibilität für Ärzte und Patienten

Seit Mitte 2013 läuft die Doppelpraxis Hardt-Aichhalden. Für Dr. Susanne Andreae, die in beiden Praxen arbeitet, war es interessant zu sehen, wie die Patienten reagieren, "denn die hatten vorher wirklich den einen Arzt, der immer da war, und jetzt haben sie fünf, die immer wieder mal da sind." Ihr Eindruck ist, dass die Patienten den Wechsel gut akzeptiert haben. Eine ältere Patientin sieht das auch so: Jetzt gebe es wieder frischen Wind und das sei in Ordnung.

Dass Patienten aber gerne von "ihrem" Arzt behandelt werden, war bei der Organisation der Teampraxis auch ein Thema. "Unser Modell", sagt Dr. Jäger, "bietet eine Möglichkeit für den Patienten, morgens und abends am gleichen Tag in die Akutsprechstunde zu kommen und einen Arzt zu sehen." Allerdings: Der Patient müsse dann aber mit dem Arzt vorliebnehmen, der dann für die Akutsprechstunde eingeteilt ist. Wenn der Patient einen bestimmten Arzt konsultieren möchte muss er unter Umständen zusätzliche Wartezeit für einen Termin in Kauf nehmen.

Inzwischen haben die Partner weitere Ärztinnen und Weiterbildungsassistentinnen eingestellt: Eine Fachärztin für Innere Medizin, Dr. Shahrzad Shirazi, hat sich gegen das Krankenhaus und für die Praxis auf dem Land entschieden: "Das hat mit dem Geld nichts zu tun gehabt", erklärt die Iranerin, "ich wollte einfach mehr Freiheit, mehr Freizeit für mich und meine Familie." Die Arbeit als Landarzt sei überhaupt nicht vergleichbar mit der aufreibenden Arbeit in einem Krankenhaus mit regelmäßigen Nachtschichten.

Auch Svetlana Peys aus Russland, Weiterbildungsassistentin zur Fachärztin, hat hier den passenden Rahmen gefunden: Sie hat eine Tochter, die sie nachmittags pünktlich vom Kindergarten abholen kann. Dafür macht sie in der Mittagspause - in den zwei Stunden, die sie für sich nicht braucht - nötige Hausbesuche. Ihre Situation ist für Dr. Pfaff exemplarisch für die junge Ärztegeneration: "Der ganz entscheidende Punkt sind die Arbeitszeiten. Wenn ich gesagt hätte: Nö! 17 Uhr geht nicht, 16 Uhr geht nicht, dann wäre sie nicht da." Alles andere - das Geld, zum Beispiel - sei dann auf einmal zweitrangig gewesen.

Den medizinischer Nachwuchs im Blick

Es fällt auf, dass die eingestellten Ärzte ausnahmslos weiblich sind: Sind es vor allem Frauen, die auf dieses Modell anspringen - eher Flexibilität als Geld und Status? Pfaff sieht hier den Trend der nahen Zukunft: Die meisten Medizinstudenten sind heute weiblich, von daher müsse man für den Nachwuchs auf berechtigte Wünsche - wie Zeit für die Kinder zu haben - eingehen. Aber, sagt Pfaff, auch Männer haben heute diese Bedürfnisse: "Mein Praxispartner kann und will morgens nicht vor halb neun anfangen, weil er sein Kind zum Kindergarten fährt." Und auch Dr. Pfaff sind seine Freiheiten wichtig: "Ich wohne hier in der Nähe, ich gehe zum Beispiel mittags heim und komme erst später wieder."

Hausarzt auf dem Land zu sein, bilanziert Dr. Pfaff, sei nach wie vor ein wunderschöner Beruf. Die Arbeit selbst habe sich gar nicht so sehr geändert, eher die Strukturen. Und darauf haben die Ärzte der Gemeinschaftspraxis Hardt-Aichhalden konsequent reagiert. Sie haben vor, sich weiter zu vergrößern und suchen Ärzte, die die gesunde Landluft schätzen - Teamfähigkeit ist natürlich Voraussetzung.

aus der Sendung vom

Do, 20.11.2014 | 22:00 Uhr

SWR Fernsehen

Das neue Odysso-Logo von 2019

Sendezeit

Donnerstags um 22.00 Uhr im SWR Fernsehen.