Bitte warten...

SENDETERMIN Do, 20.9.2018 | 21:00 Uhr | SWR Fernsehen

Fasten Weniger essen - länger leben

Kalorienreduktion wirkt geradezu verjüngend. Die Forschung ist den geheimnisvollen Mechanismen des Fastens auf der Spur.

Eine Grabstelle trotz langem Leben

„Ich habe diese Grabstelle zusammen mit meiner Frau vor ein paar Jahren gekauft. Mir wurde gesagt, dass die Preise hier schneller steigen werden, als die Immobilienpreise in der Nachbarschaft und da dachte ich, ich sollte es jetzt machen, bevor ich es mir nicht mehr leisten kann.“ Der Mann, der so an seine Zukunft denkt ist Morton Schatzman, Psychiater aus London. Nicht der baldige Tod bestimmt sein Handeln, sondern die Sorge um steigende Preise auf Londons begehrtestem Friedhof, denn Morton Schatzman will noch lange leben - mit weniger Essen.

Was kann man tun, um später zu sterben?

„Als ich 40 war, wurde mir bewusst, dass ich eines Tages wirklich sterben werde. Und da erinnerte ich mich daran und dachte, das wäre eine gute Art zu leben.“ Morton Schatzman ernährt sich seit über 30 Jahren kalorienreduziert: wenig Fett, wenig Kohlenhydrate. Als Odysso ihn vor elf Jahren das erste Mal besucht, zeigte er uns seinen Speiseplan und Trainingsplan: Gefrorener Lachs, Gemüse, Magerjoghurt, vier Mal die Woche Bohnen, reichlich Nüsse und Sprossen – und täglich eine halbe Stunde Ausdauer- und Krafttraining. Damals wie heute zählt er keine Kalorien, sondern er wiegt sich jeden Morgen. Hat er zugenommen, isst er eben weniger.

Gesünder Leben mit wenig Essen

„Viele, wenn nicht sogar die meisten Menschen in meinem Alter haben eine oder mehrere Krankheiten. Und was mich besonders freut ist, dass ich so etwas nicht kenne, keine Gelenkschmerzen zum Beispiel, oder andere Schmerzen. Ich fühle mich gut. Und das bestärkt mich in meiner Art zu leben.“

Morton Schatzman ist von seiner kalorienreduzierten Ernährungsweise überzeugt. Auch die Forschung beschäftigt sich mit dem Kalorienreduzierten Ernährungs-Konzept. Unter anderen das Max-Planck-Institut für die Biologie des Alterns in Köln. Der Biologe Sebastian Grönke untersucht an Mäusen und Fliegen, wie sich kleinere Futterrationen auf deren Organismus auswirken. Gesünder leben dank weniger Nahrung – das funktioniert anscheinend, so Sebastian Grönke: „Wenn man sich die Gesundheitsparameter ankuckt, dann sieht man häufig, dass die Leute, die sich langfristig dieser Diät unterziehen, 15 teileweise 20 Jahre jünger aussehen aufgrund ihrer Gesundheitsparameter. Das heißt, man kann schon davon ausgehen, dass man potentiell relativ deutliche Effekte bekommen kann.“

Auch die Experimente an Mäusen zeigen: schon 10 bis 15 Prozent weniger Futter wirken sich positiv auf Gesundheit und Lebenserwartung der Tiere aus. Noch stärker sind die Effekte bei einer Reduktion um 40 Prozent, so Grönke: „Eine reduzierte Futteraufnahme ohne Mangelernährung verlängert die Lebenszeit in sehr vielen Organismen, Tieren, die man getestet hat bis jetzt. Und es gibt auch Hinweise darauf, dass das im Menschen positive Effekte verursachen kann.“

Nichts für Weicheier

„Für mich wird es leichter, wenn ich es jeden Tag mache. Auf Reisen kann das das schon mal schwierig werden. Aber ich versuche immer, ein Hotel mit Fitnessraum zu finden. So muss ich meine Gewohnheiten nicht unterbrechen, egal wo ich bin. Für mich ist das sowas wie eine Religion, jeden Tag mein Programm durchzuziehen.“ Morton Schatzman glaubt fest daran. Seit seiner Ernährungsumstellung gehört das tägliche Fitnessprogramm fest zu seinem Leben. Und eben täglich kalorienarme Speisen, wie zum Beispiel gedünstetes Gemüse.

So viel Disziplin bringt nicht jeder auf. Die Kölner Forscher suchen deshalb Alternativen. Sie füttern ihre Tiere mit unterschiedlichen Rezepturen. Ihre Vermutung: Es muss doch Nahrungsbestandteile geben, die einen besonders großen Effekt erzielen. Und tatsächlich: Versuchstiere, die relativ wenig Eiweiß bekommen, sind im Alter gesünder und leben länger. Beim Menschen hätte diese Diät allerdings einen verringerten Muskelaufbau zur Folge. Denn Eiweiß beeinflusst nicht nur das Wachstum, sondern auch die Reparatur von Zellen. Viel Eiweiß bedeutet Wachstum, wenig Reparatur. Um beides zu bekommen hilft vielleicht Teilzeitfasten. Zumindest gibt es Hinweise darauf, so Sebastian Grönke: „Es gibt das so genannte Intermittent Fasting, das heisst, dass man zwei Tage die Woche fastet, oder man fastet jeden zweiten Tag. Fasten heißt in dem Fall auch nicht, dass man gar nichts mehr essen darf, sondern man reduziert deutlich die Nahrungsaufnahme an zwei, drei Tagen in der Woche und das kann auch positive Effekte haben. Man geht davon aus, dass die eigentliche Fastenperiode selber auch positiv ist.“

Disziplin ja, aber...

„Es gibt eine große Diskrepanz zwischen meiner Überzeugung und meiner Inkonsequenz.“ Morton Schatzman ernährt sich so, dass seine Zellen ständig auf Reparatur programmiert sind. Meistens jedenfalls, wie seine Frau Vivian einwirft: „Nach außen gibst Du dich sehr spartanisch. Aber wenn ich ein Stück Käse kaufe, dann isst du es auf. Wenn ich ein Dessert mache, dann isst du es auf.“

Vivian Schatman hält nicht viel von der Ernährungsweise ihres Mannes. Für sie ist ein längeres Leben nicht allein von der Lebensweise abhängig. Als Begründung gibt sie eine Anekdote: „Zwei Steinzeitmenschen sitzen in ihrer Höhle und unterhalten sich. Sagt der Eine zum Anderen: ich verstehe das nicht, wir machen doch alles richtig. Wir haben biologisches Essen, wir trinken klares Wasser, wir trainieren den ganzen Tag, die Luft die wir atmen ist sauber – und unsere Lebenserwartung beträgt nur 23 Jahre.“

Kein ewiges Leben

Morton Schatzman ist 81. Seine körperliche Verfassung spricht dafür, dass er noch deutlich älter wird. Aber mehr auch nicht: „Wie viele Menschen hatte auch ich die Vorstellung, dass wenn ich alles richtig mache, also wenn ich richtig atme, richtig esse, richtig trainiere, das Richtige denke – dann werde ich ewig leben. Doch dann wurde mir langsam klar: Das wird nicht klappen, egal was ich auch mache. Aber ich hoffe, ich werde jung sterben – das ist immer noch mein Ziel: Jung sterben und das so spät wie möglich.“

aus der Sendung vom

Do, 20.9.2018 | 21:00 Uhr

SWR Fernsehen

Das neue Odysso-Logo von 2019

Sendezeit

Donnerstags um 22.00 Uhr im SWR Fernsehen.