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SENDETERMIN Do, 9.1.2014 | 22:00 Uhr | SWR Fernsehen

Künstliches Herz Eine Brücke zu einem neuen Leben

In Deutschland leiden fast zwei Millionen Menschen an einer verringerten Leistung des Herzens. In manchen Fällen hilft nur eine Transplantation, doch ein Spenderherz findet sich oft schwer. Ein Kunstherz gilt inzwischen als gute Übergangslösung.

Ein Arzt hält ein vollimplantierbares Kunstherz in der Hand.

Herzkrank über Nacht

Jörg Böckelmann war immer ein lebenslustiger Mensch. Täglich ging der 53-Jährige mit seinem Hund spazieren oder an den Wochenenden zum Hechtfischen an den Angelteich. Er war viel unterwegs - Herzprobleme hatte er nie. Doch am 21. Dezember 2011 veränderte sich sein Leben radikal: Kurz nach dem Schlafengehen bleibt sein Herz plötzlich stehen. Zum Glück ist seine Frau noch wach. Sie ruft sofort den Notarzt, versucht ihren Mann wiederzubeleben. Als Krankenschwester weiß sie genau, was zu tun ist und auch die Sanitäter sind schnell vor Ort, um ihn ins Krankenhaus zu bringen. Auslöser für den Herzstillstand: ein Infekt, der zur Entzündung des Herzmuskels geführt hatte. Jörg Böckelmann überlebt, doch sein Herz ist seitdem stark geschwächt, bringt nur noch 20 Prozent seiner Leistung. Diagnose: schwere Herzinsuffizienz. Die Ärzte raten ihm zu einem Spenderherz.

Künstliche Pumpe ist eine Alternative zum Spenderherz

An der Medizinischen Hochschule Hannover - einem der größten Herzzentren Europas - werden pro Jahr rund 20 solcher Herztransplantationen gemacht. Ginge es nach Herzchirurg Jan Schmitto könnten es jedoch mehr als doppelt so viele sein. Das Problem: Es gibt zu wenige Spenderorgane. Die Zahl an Spendern ist auf dem niedrigsten Stand seit zehn Jahren, die jüngsten Transplantationsskandale haben die Situation noch einmal dramatisch verschärft, und die Bereitschaft zur Organspende weiter sinken lassen.

Doch es gibt eine Alternative zum Spenderherz, zumindest vorübergehend: ein Kunstherz. 2012 bekam Jörg Böckelmann ein solches künstliches Herz implantiert - eine mechanische Pumpe, die sein geschwächtes Herz unterstützt.

Und so funktioniert das System: Das künstliche Herz wird bei einer OP an die linke Kammer des eigenen Herzens angeschlossen und mit einer Gefäßprothese verbunden. Das Blut fließt aus dem Herzen in eine Pumpe, in der sich eine Turbine 3.000 Mal pro Minute dreht. Sie unterstützt das geschwächte Herz und hilft, den Körper wieder besser mit Sauerstoff zu versorgen. Betrieben wird das Kunstherz mit Batterie. Dazu führt aus dem Bauch des Patienten ein Kabel, an dem die Akkus und eine Steuereinheit angeschlossen sind.

Modell eines Kunstherzens

Modell eines Kunstherzens

Der große Vorteil des Kunstherzens ist, dass dadurch wieder mehr Blut in den Körper gelangt und das kranke Herz entlastet wird. Das führt zu einer besseren Durchblutung der lebenswichtigen Organe wie Niere, Lunge und Leber und damit insgesamt wieder zu einer deutlichen Leistungssteigerung und einer besseren Lebensqualität.


Kunstherzen auch als Langzeitlösung denkbar

Allein an der Medizinischen Hochschule Hannover stehen derzeit über 60 Patienten auf der Warteliste für eine Herztransplantation, aber nur für weniger als die Hälfte gibt es ein Spenderherz. Dagegen wurden an der Klinik seit 2004 fast 400 Herzunterstützungssysteme (Kunstherzen) implantiert und jährlich werden es mehr.

Die Chirurgen in Hannover haben für die OP eine einzigartige minimal-invasive Technik entwickelt. Dabei wird nur ein kleiner Teil des Brustbeines durchtrennt und ein Schnitt unterhalb der Brust gesetzt. Dann schließen die Ärzte die künstliche Pumpe an die Herzspitze der linken Herzkammer an. Durch die kleinere Wunde soll das Infektionsrisiko minimiert werden, die Operation ist schonender und wird besser vertragen.

Jan Schmitto sieht großes Potenzial für die Kunstherzen, auch als Langzeittherapie: "Ein Kunstherz ist im Prinzip für alle Patienten geeignet, die auch von einer Herztransplantation profitieren würden." Weil es zu wenige Spenderherzen gebe, erführen Kunstherzen zunehmende Bedeutung. "Sie dienen als Therapieoption, um Leben zu retten und die Lebensqualität der Patienten zu steigern", erklärt der Herzchirurg.

Ein Leben am Kabel

Doch das Leben mit einem Kunstherz ist mit zahlreichen Einschränkungen verbunden. Damit sich keine Gerinnsel bilden, muss Betroffener Böckelmann jeden Tag Medikamente nehmen. Blutverdünner, Blutdrucksenker, Tabletten gegen Herzrhythmusstörungen. Außerdem muss die offene Stelle, aus der das Kabel kommt, alle zwei Tage desinfiziert werden. Seine Frau hilft ihm dabei.

Die größte Einschränkung aber ist die ständige Abhängigkeit von Technik und Energieversorgung. "Ich bin bis an die Zähne bewaffnet", meint Jörg Böckelmann scherzhaft. Tatsächlich kann er das Haus nie ohne Akkus verlassen, im Auto schließt er sein Kunstherz an die Stromversorgung an, nachts hängt sein Leben an der Steckdose. Auch Duschen ist nur mit einer speziellen, wasserdichten Tasche möglich, auf Badengehen im Sommer muss er ganz verzichten. Zu groß wäre die Gefahr, dass Wasser die lebenswichtige Elektronik zerstört.

Komfortable Kunstherzen in der Erprobung
Forscher arbeiten an neuen, "komfortableren" Modellen. Wurden vor ein paar Jahren noch relativ große Pumpen verwendet, kommen heute komplexe Minicomputer zum Einsatz. Das große Ziel der Entwickler: Kunstherzen, die vollständig im Körper implantierbar sind und ohne Kabel außerhalb des Körpers auskommen.

Modell eines Kunstherzens

Kunstherz mit Rindergewebe

Vielversprechend ist ein Kunststoffmodell, das von französischen Ärzten und Raumfahrttechnikern entwickelt wurde. Der Clou: Es wurde innen mit Rindergewebe ausgekleidet, so soll das Material vom Körper besser angenommen und das Abstoßungsrisiko verringert werden. Zudem registriert das Kunstherz über Sensoren die körperliche Belastung seines Trägers und passt seine Pumpleistung an. Das Herz kann komplett implantiert werden, es wiegt nur 900 Gramm. Bis es beim Menschen einsetzbar ist, wird es zwar noch dauern. Doch es könnte in Zukunft vielen Herzkranken helfen.

Trotzdem sieht Herzchirurg Schmitto auch Nachteile solcher Kunstherzen: "Sollte ein vollständiges Kunstherz technisch ausfallen, wäre der Patient direkt tot. Bei den heutigen Herzunterstützungssystemen ist es dagegen so, dass das körpereigene Herz im Körper verbleibt und selbst bei einem technischen Ausfall immer noch die eigene Herzleistung den Patienten stabil bis in die Klinik bringt", warnt der Kunstherzexperte.

Weiterleben mit Kunstherz

Trotz vieler Einschränkungen - Jörg Böckelmann hat sich mittlerweile mit seinem Kunstherz arrangiert. Den 21. März, den Tag, als es implantiert wurde, feiert er nun als seinen zweiten Geburtstag. Auch seine Akkutasche empfindet er inzwischen als Teil seines Körpers. Sie hat sogar einen Namen: "Elli" folgt ihm auf Schritt und Tritt. Sein größter Wunsch: einmal zum Angeln nach Finnland - mit seinem Kunstherz. Denn nur zu Hause sitzen und auf einen Spender warten, das kommt für Jörg Böckelmann nicht in Frage.