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SENDETERMIN Do, 12.2.2009 | 22:00 Uhr | SWR Fernsehen

Kooperation schlägt Selektion?

Die Evolutionstheorie hat, seit es sie gibt, die Gemüter beunruhigt. Und das tut sie auch heute noch. Denn im Mittelpunkt steht der Begriff Zufall. Der reine Zufall sei es, sagt Darwin, der eine Veränderung eines Lebewesens bewirkt. Und wenn es sich mit dieser Veränderung besser lebt, dann wird dieses Wesen im Überlebenskampf Erfolg haben. Wer bei dem Kampf der Arten nicht mitkommt, ist dagegen schnell weg vom Fenster. Fressen und gefressen werden - es ist ein grausames Spiel, das die Evolutionstheorie beschreibt. Doch pünktlich im Darwin-Jahr meldet die Wissenschaft bei diesem zentralen Punkt Zweifel an.

Spielbrett von Mensch-ärger-Dich-nicht

Die Evolution ist offenbar kein "Rausschmeiss-Spiel" wie "Mensch-ärger-Dich-nicht".

Der Freiburger Arzt und Evolutionsforscher Professor Joachim Bauer sieht die treibende Kraft der Evolution nicht in permanenter Verdrängung: „Die Evolution ist eine Entwicklung nicht etwa von kämpfenden Einzelwesen, sie ist auch nicht eine Entwicklung von kämpfenden Arten, sondern die Evolution ist eine Entwicklung von Systemen, die miteinander leben.“

"Survival of the fittest"

Da geht es ans Eingemachte von Darwins Theorie: Die oberste Spielregel der Evolution wäre demnach nicht Kampf und Konkurrenz, sondern Kommunikation und Kooperation zwischen Lebewesen. Ein einfacher Vergleich: Die Evolution wäre demnach primär kein „Rausschmeiß-Spiel“ (wie etwa „Mensch ärgere dich nicht“), sondern eher eine Art „Entwicklungs-Spiel“ (etwa wie „Die Siedler), bei dem die Teilnehmer durch permanenten Austausch von einfachen zu komplexeren Lebensmodellen gelangen.

Spielbrett von "Die Siedler" mit einigen Figuren

Die Evolution scheint eher ein "Entwicklungs-Spiel" wie "Die Siedler" zu sein.

Auch Darwin beobachte, dass die „höchste Befriedigung“ für Mensch und Tier darin liege, ihren „sozialen Instinkten“ zu folgen. Mit der obersten Regel „Verdrängungskampf“ ließ sich das schlecht vereinbaren. Darwin rettete seine Theorie indem er schloss, Kooperation stärke einfach die Arten im Überlebenskampf.

Glückshormone bei faires Verhalten

Die moderne Gehirnforschung sät aber wieder Zweifel an der Programmierung des Lebens auf Kampf und Verdrängung. Normale Menschen empfinden keine Belohnungsgefühle, wenn sie anderen Schmerz zufügen. Dagegen lassen Fairness und Kooperation die Glückhormone strömen.

Die Genforschung legt da noch nach: Kommunikation und Kooperation zeigen sich schon auf molekularer Ebene im Erbgut. Forscher beobachten erstaunt die Aktivität von Genen: Das Erbgut lebender Wesen ist demnach keineswegs nur passiver Spielball evolutionärer Zufallsentwicklungen.

Professor Bauer dazu: „Die vollständige Entschlüsselung des Erbgutes des Menschen, und die vollständige Entschlüsselung des Erbgutes vieler weiterer Arten, die inzwischen auch schon gelungen ist, zeigt, dass in jedem Erbgut kleine, ich würde mal sagen: genetische Instrumente vorhanden sind. Das sind kleine DNA-Stücke, die in der Lage sind, wie genetische Werkzeuge das eigene Erbgut umzubauen.“

Werkzeugkoffer der DNA

Computergrafik: DNA mit verschiedenen Bausteinen

In Krisenzeiten wird die DNA umgebaut.

Die DNA nutzt also aktiv eine Art „Werkzeugkoffer“: So genannte Transpositionselemente setzen Gene an andere Stellen oder verdoppeln sie. Der Körperbauplan einer Spezies wird so verändert - vor allem dann, wenn die Umwelt unbehaglich wird. Klingt abenteuerlich: Gene betreiben aktive Evolution?

Joachim Bauer sieht die beständige molekulare Kommunikation im Erbgut als Ursache: „Wie kann das Erbgut feststellen, ob ökologische Stressoren da sind? Und wir müssen in der Tat lernen: Genome haben sensorische Eigenschaften. Sie können über molekulare Signale offenbar feststellen, wenn in der Umwelt die Bedingungen bedrohlich, vital bedrohlich werden. Und sie können dann molekular darauf reagieren.“

Die kreativen Elemente im Erbgut können demnach zweierlei: Veränderungen einer Art einleiten, aber auch Veränderungen aktiv verhindern, solange die Umwelt nicht bedrohlich ist, so Professor Bauer: „Natürlich sind diese Werkzeuge nicht immer aktiv, denn wir hätten keine stabilen Arten. Aber unter gewissen Krisenbedingungen werden diese Werkzeuge freigelassen, sie werden plötzlich aktiv, und dann kommt es zu einem Entwicklungsschub.“

Entwicklungsschub in Krisensituationen

Im Erbgut lassen sich wirklich lange Phasen genetischer Stabilität nachweisen; aber auch - während globaler Krisen - schnelle Schübe evolutionärer Entwicklung. Nicht Artenkonkurrenz sondern Vulkanismus, Meteoriten und Eiszeiten löschten in der Geschichte der Evolution viele Lebensformen aus – und beförderten die Kreativität der Gene. Diese Evolutionsschübe sind mit Darwins Idee permanenter Zufallsentwicklungen nicht zu erklären.

Kein Zufall also – kommt da nicht wieder Gott ins Spiel? „Kreationisten“ und Verfechter des „Intelligent Design“ bestreiten die Möglichkeit einer Evolution ohne planenden Schöpfer. Passt da die unglaubliche „Kreativität von Genen“ nicht gut ins Bild? Im Sinne Darwins meint Joachim Bauer, dass Gott in wissenschaftlichen Erklärungsmodellen nicht weiterhilft. Das „kooperative Gen“ erklärt Bauer mit Biologie, nicht mit Schöpferplänen.

Darwins Theorie wird weitergeschrieben

Tröstliches hätte es dennoch, wenn Darwins Idee der gnadenlosen Selektion nicht die oberste Spielregel der Natur sein sollte: Damit würde auch dem „Sozialdarwinismus“, der Kampf und Verdrängung in der menschlichen Gesellschaft legitimiert, die Grundlage entzogen. Joachim Bauer leitet aus den neuen Erkenntnissen auch sozialpsychologische Konsequenzen ab: „Was wir über das Leben denken, hat Einfluss darauf, wie wir leben“, sagt er. Und: „Wir sollten ein balanciertes Bild der Biologie haben. Wir sollten sehen, dass in der Evolution natürlich Arten untergegangen sind, dass überall da, wo Ressourcen knapp sind, auch Konkurrenz und Kampf eine große Rolle spielen, dass auf der anderen Seite aber die wirklich intrinsischen Kernkräfte der Biologie in Kooperation und Kommunikation bestehen; dass es also nicht unser biologisches Schicksal, sozusagen, als Menschen ist, uns gegenseitig die Köpfe einzuschlagen.“

Für Joachim Bauer bleibt Darwin der größte Biologe aller Zeiten, der ja auch schon das kommunikative Wesen alles Lebendigen beschrieben hat. Die Forscher stoßen den Vater der Evolutionstheorie also nicht vom Sockel. In seinem Geiste hinterfragen sie scheinbar Selbstverständliches, und bauen so weiter an der großen Theorie vom Fortschritt des Lebens.