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SENDETERMIN Do, 9.5.2019 | 22:00 Uhr | SWR Fernsehen

Per Kreuzfahrtschiff, Flieger, Bus oder Auto? Klimaverträglich in den Urlaub

Reisen belastet Umwelt und Klima. Drei Viertel der von Touristen verursachten CO2-Emissionen entstehen schon bei der An- und Abreise. Aber man kann auch klimafreundlich reisen.

Wir Deutschen sind Reise-Weltmeister, gefolgt von den USA und Großbritannien: Pro Jahr gehen von Deutschland aus mehr als 50 Millionen Reisen in andere Länder. Aber was uns gut tut, belastet die Umwelt. Urlaub bedeutet zusätzliche CO2-Emissionen, und Kohlendioxid ist der Hauptverursacher der globalen Erderwärmung. Es sorgt dafür, dass Wärme in der Atmosphäre zurückgehalten wird. Der CO2-Fußabdruck zeigt, dass touristische Aktivitäten vor Ort im Schnitt nur etwa vier Prozent der gesamten CO2-Emissionen einer Reise verursachen. Dagegen fällt die Unterkunft mit 21 Prozent schon viel mehr ins Gewicht.

Großes Einsparpotential: Verkehrsmittel zur An- und Abreise

Die stärksten Umweltbelastungen resultieren aus der An- und Abreise – nämlich 75 Prozent. Genauer: 40 Prozent aus dem Flugverkehr, 32 Prozent aus der Nutzung von Autos und 3 Prozent aus Reisen mit Bus und Bahn. Allein diese Zahlen machen das Ausmaß des Einsparpotenzials bei der Transportmittelwahl deutlich. Während die CO2-Emissionen in Deutschland allgemein seit 1990 um 28 Prozent gesunken sind, ist der Verkehr der einzige Bereich, in dem die Emissionen sogar steigen.

Ein Reisebus auf der rechten Fahrspur einer Autobahn.

Allein die Wahl des Verkehrsmittelts entscheidet maßgeblich über die Umweltverträglichkeit einer Reise

Am Institut für Energie- und Umweltforschung (ifeu) in Heidelberg arbeitet Dr. Kirsten Biemann in der Abteilung Mobilität. Sie vergleicht die Umweltauswirkungen verschiedener Verkehrsmittel beim Reisen. Der CO2-/Emissionsrechner "ecopassenger" ist im Internet für jeden zugänglich und zeigt die diversen Luftschadstoff- und Treibhausgasemissionen, die bei einer Reise anfallen. Je weiter entfernt das Urlaubsziel, desto größer sind natürlich die Emissionen auf dem Reiseweg und die damit verbundenen Klimawirkungen.

Beispiel Frankfurt-Barcelona:
Bei einem Hin- und Rückflug zwischen Frankfurt am Main und Barcelona entstehen pro Person rund 442 Kilogramm CO2 (mit Klimafaktor). Dieser Ausstoß entspricht durchschnittlich fast zweieinhalb Monaten Autofahren.
Bei einer Fernreise von Frankfurt nach Cancún in Mexiko werden für Hin- und Rückflug pro Person 3,25 Tonnen CO2 ausgestoßen. Das entspricht dem durchschnittlichen CO2-Ausstoß von stolzen 16 Monaten Autofahren.
Zum Vergleich: die Pro-Kopf-Jahresemission liegt in Deutschland bei 11,6 Tonnen CO2-Ausstoß.

 

Flugreisen: Besonders klimaschädlich

Die fatalen Umweltauswirkungen des Fliegens sind vielen Reisenden überhaupt nicht bewusst. Dabei verantwortet der Flugverkehr nach Angaben der Klimaschutzorganisation atmosfair etwa bis zu zehn Prozent der vom Menschen verursachten Klimaerwärmung. Fernflüge mit Zwischenstopps fallen besonders ins Gewicht, da beim Starten, Steigen und Landen am meisten CO2 verursacht wird. Das Umweltbundesamt erwartet bis 2030 eine Verdreifachung der Kohlendioxid-Belastung allein durch den deutschen Flugverkehr.

Ein Flugzeug mit Kondensstreifen ist am blauen Himmel zu sehen.

Was von der Erde aus so schön anzusehen ist, ist aus Klimaschutzsicht ein Problem

Autoreise: Die Anzahl der Mitreisenden entscheidet

Auf den CO2-Ausstoß hat die Personenzahl einen großen Einfluss, vor allem beim Auto: Von Mainz nach Barcelona und zurück entstehen pro Person beispielsweise 458 Kilogramm CO2. Bei zwei Reisenden halbiert sich der CO2-Ausstoß. Bei drei Personen ist es ein Drittel. Ein mit vier Personen besetztes Auto hat fast nur noch ein Viertel der Klimawirkung eines Fluges von Frankfurt nach Barcelona und zurück. Auf den ersten Blick kann dieses Ergebnis überraschend sein, da die Fahrt mit einem Pkw (z.B. schon bei Benziner Euro 6, mittelgroßes Auto) mit nur einer Person auf der Strecke den CO2-Ausstoß eines Flugzeuges sogar übertrifft. Der entscheidende Grund ist die Auslastung: Flugzeuge sind im Schnitt mit etwa 70 Prozent an Fluggästen sehr gut ausgelastet - ein Pkw mit fünf verfügbaren Plätzen nur zu 20 Prozent, wenn nur eine Person darin fährt.

Bus und Bahn: Die klimafreundlichsten Verkehrsmittel

Bei einer Zugfahrt von Mainz nach Barcelona hin und zurück werden nur 42 Kilogramm CO2 pro Person emittiert. Der direkte Vergleich der Verkehrsmittel zeigt: Mit 23 Gramm CO2-Ausstoß ist der Fernlinienbus der Öko-Champion, gefolgt von der Bahn mit 36 Gramm. Dann kommt der Pkw (139 g CO2) und als Schlusslicht das Flugzeug mit beträchtlichen 201 Gramm CO2 pro Personenkilometer. Fernbusse und Züge schneiden unter anderem bei der Umweltbilanz deshalb vergleichsweise so gut ab, weil sie in der Regel sehr gut ausgelastet sind und einen geringen Energieverbrauch haben. Und immerhin ein Teil der Fernbusreisenden verzichtet dann auch vor Ort auf eine Pkw-Nutzung.

Nur ein einziges Schiff fährt mit umweltfreundlichem Treibstoff.

Der Rußausstoß eines Kreuzfahrtschiffs ist größer als bei allen anderen Verkehrsmitteln

Kreuzfahrt-Boom: Großes Problem für Umwelt und Klima

Schiffe gehören wegen ihres Treibstoffes und mangelnder gesetzlicher Regulierungen zu den größten und dreckigsten Emissionsquellen überhaupt. Denn die Nutzung von Schweröl produziert signifikant höhere Emissionen von Luftschadstoffen wie Schwefeldioxide, Stickoxide, Feinstaub und Ruß als jeder andere Treibstoff. Der Schwefelgehalt übersteigt den von Treibstoffen an Land um das bis zu 3.500fache! Und Stickoxidkatalysator sowie Rußpartikelfilter – bei Diesel-Pkw und Lkw seit Jahren Standard – sucht man bei Kreuzfahrtschiffen meist vergebens. Im Jahr 2012 hat die Weltgesundheitsorganisation (WHO) die Abgase aus Dieselmotoren als genauso krebserregend wie Asbest eingestuft.

Nach Berechnungen des NABU emittiert ein Kreuzfahrtschiff durchschnittlich an einem Seetag rund 477 Tonnen CO2 - so viel wie 83.678 Pkws. Das entspricht in etwa so viel CO2 wie die gesamte Autoflotte der Stadt Kiel an einem Tag ausstößt.

Polar-Kreuzfahrten gefährden die Arktis

So genannte Polar-Kreuzfahrten sind eine besonders hohe ökologische Belastung, denn in arktischen Regionen sind die Rußpartikel aus Treibstoffen besonders schädlich: Auf dem arktischen Eis findet sich teilweise eine dunkelgraue bis schwarze Staubauflage, so genanntes Kryokonit. Diese Ablagerung enthält ein Gemisch von windverfrachteten mineralischen und organischen Emissionen von Waldbränden, Vulkanausbrüchen und diversen Abgasen etwa aus Kohlekraftwerken und von Schiffen. Diese Verschmutzungen beschleunigen auf Grund der erhöhten Absorption von Sonnenlicht das Abschmelzen des darunter liegenden Eises. Dadurch wird die unmittelbare Umgebung zusätzlich aufgeheizt - ein fataler Teufelskreis. Während die Schifffahrt derzeit für fünf Prozent der Rußemissionen in der Arktis verantwortlich ist, gehen Prognosen bis 2050 von einer Vervierfachung dieser Emissionen aus. Der Handlungsbedarf ist groß.

CO2-Kompensation: Jeder kann seine CO2-Emissionen, die bei einer Reise entstehen, berechnen lassen und durch eine freiwillige Zahlung, ausgleichen. Diese Spenden können an seriöse Klimaschutzorganisationen wie etwa myclimate Deutschland oder atmosfair eingezahlt werden. Diese Gelder werden dann in Entwicklungsländern in Klimaschutzprojekte investiert, die den CO2-Ausstoß am Ort des Projektes reduzieren. Wichtig ist, darauf zu achten, dass es sich um "Goldstandard zertifizierte" Klimaschutzprojekte handelt.
Grundsätzlich gilt: Vermeiden ist besser als kompensieren, aber kompensieren ist besser als gar nichts tun.

CO2 und Mobilität – Pessimistische Prognosen

Mit 11,6 Tonnen Treibhausgasen pro Kopf und Jahr liegen die Einwohner Deutschlands im Schnitt deutlich über dem weltweiten Durchschnitt von 6,8 Tonnen. Nach Angaben des Umweltbundesamtes müssten wir in Deutschland im Jahr 2050 auf Emissionswerte von nur einer Tonne pro Person und Jahr kommen, um die Treibhausgas-Neutralität zu erreichen! Ernüchternde Zahlen - und dieser Wert bezieht sich auf alle Lebensbereiche, nicht nur den Verkehr. In 20 Jahren werden weltweit schätzungsweise doppelt so viele Passagiere fliegen wie heute, und auch die Kreuzfahrtbranche wird weiter boomen – keine guten Aussichten für den Klimaschutz.

Wer also das Klima schützen will, sollte Verkehrsmittel wählen, die nicht nur schnell und bequem, sondern möglichst klimaschonend sind.

aus der Sendung vom

Do, 9.5.2019 | 22:00 Uhr

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