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SENDETERMIN Do, 23.1.2014 | 22:00 Uhr | SWR Fernsehen

Familie & Freunde Keiner ist alleine krank

Eine schwere Krankheit betrifft außer den Patienten immer auch sein Umfeld: Familie, Freunde, Kollegen. Und die sind oft überfordert: Unsicherheit, Tabus, übertriebene Rücksichtnahme können zu einem Teufelskreis der Überforderung aller Beteiligten führen. Barbara Eschweiler ist seit 2009 Krebspatientin. Sie und die Menschen in ihrem Umfeld schaffen es, durch einen klaren, offenen Umgang miteinander, diese gefährlichen Klippen zu umschiffen.

Kranker im Bett mit Angehörigen

Wer krank ist, steht meistens sehr im Fokus

Letzter Schliff fürs Boeuf Bourguignon: Ein ordentlicher Schuss Rotwein. Barbara Eschweiler und ihr Mann Christoph Seebert sind in der Küche ein eingespieltes Team; heute Abend haben sie Gäste. Die beiden sind kinderlos. Er ist im Vorruhestand, sie arbeitet Teilzeit – sie könnten das Leben genießen. Doch etwas kam dazwischen: Barbara Eschweiler kämpft seit drei Jahren gegen Krebs. Die Chemotherapie gegen ihren Brustkrebs wirkte. Doch 2011 wurden Knochenmetastasen entdeckt. Ein neuer Schock, mit dem sie umgehen musste – und auch ihr Umfeld, so erinnert sich Barbara Eschweiler: „Nach der Diagnose ist es schon so, dass man dann plötzlich so im Fokus steht, und zwar manchmal mehr als einem lieb ist, oder als es mir lieb ist. Es gab so eine Phase wo mein Mann so ein Stück weit in den Hintergrund gekommen ist, also so ein bisschen, fand ich, zu kurz gekommen ist – weil immer alle nach mir gefragt haben und keiner mehr gefragt hat, wie geht es meinem Mann eigentlich.“

Klar nimmt man sich da auch selbst zurück, sagt Christoph Seebert. Manchmal mehr als gut ist. Die Diagnose „Krebs“ stellt nun mal gnadenlos alles andere in den Schatten: „Man hat Geburtstag, da ist man Königin, und wenn man Krebs hat ist man auch Königin. Wenn man Geburtstag hat, ist man die Königin, wenn man Krebs hat auch. Dann darf man auch wirklich Sachen durchsetzen. Ich wollte eigentlich keine Katzen – wir hatten überlegt: lieber Hunde, Katzen – und dann war diese Diagnose da, und dann war es auch für mich keine Frage und keine Diskussion mehr: Wir holen uns Katzen.“

Die Tränen des Anderen aushalten

Paar sitzt in der Sonne auf Terrasse und hält sich an den Händen

Das Leben genießen: Trotz Krankheit gibt es viele sonnige Momente.

Das „Gewicht“ einer Krankheit kann eine Beziehung aus dem Gleichgewicht bringen. Mit übertriebener Hilfe und Rücksicht überfordert sich der Unterstützer auch manchmal selbst: „Der, der helfen will ist ja auch oftmals hilflos, und der macht Aktionen, indem der sich schlau macht, der schaut nach Lösungsmöglichkeiten. Und das Problem ist, man will natürlich stark sein, wenn der Partner in so einer argen Krise ist, und dann kann man es aber nicht durchhalten, und dann bricht man mal zusammen, und dann tröstet einen eigentlich der Betroffene.“

Die besten Freunde des Paares, Birgit Silomon und Rainer Lederich, wohnen in der Nachbarschaft. Unterstützer, so zeigen Studien, helfen vor allem, wenn sie als „wohlwollende Begleitung“ des Kranken auftreten. Barbara Eschweilers Freunde machen genau das: Sie eiern nicht rum, ermahnen auch nicht ständig. Und sie haben sich nicht aus Unsicherheit zurückgezogen. Sie gehen ganz selbstverständlich mit, durch die Berg- und Talfahrt der Gefühle, so Barbara Eschweiler: „Jeder, der jetzt halt mit uns ist, und der was mit uns zu tun haben will, der muss das mit halt aushalten. Es geht jetzt auch nicht darum, getröstet zu werden, sondern einfach da zu sein. Es ist manchmal wichtig, die Tränen von dem anderen einfach nur auszuhalten und ich finde, das ist es genau, und das ist ganz, ganz schwer.“

Familie und Freunde mit einbeziehen

Es ist schwer, und üblich ist es auch nicht: Bei schwerer Krankheit verkleinert sich der Freundeskreis oft. Denn Menschen suchen sich Freunde, die ihnen selbst ähnlich sind. Ein Erkrankter wird seinem Umfeld aber „unähnlich“, er bedroht das „gesunde“ Selbstverständnis der anderen. Isolation und Verschlimmerung eines Leidens werden so zu einem Teufelskreis. Barbara Eschweiler hat dieses Problem nicht, auch dank ihrer Art, sagt Yannick Lungwitz, ihr Neffe: „...dass sie sich eben nie beschwert, dass sie auch nie sagt: Warum ich, oder irgendwie mit ihrem Schicksal hadert. Ich finde, sie macht es sehr gut und sie macht es sehr offen und sie macht es uns auch einfach, mit ihr darüber zu reden.“ Rainer Lederich meint: „Wenn sie Leid hat, guckt sie uns an und sagt: Jetzt brauch ich Hilfe!, und ansonsten äußert sie eher den Wunsch: Lasst uns normal leben, das macht es natürlich einfacher.“ Und Birgit Silomon ergänzt: „Sie ist keine Person, die jetzt nur braucht und nimmt und alle aussaugt, sondern im Gegenteil: Sie gibt uns auch viel, und klar: Sie merkt immer, wenn es mir auch mal nicht gut geht. Meine Freundin, die spürt das und sie fragt mich dann auch.“

Barbara Eschweiler gibt ihrem Umfeld, das Gefühl, dass nicht nur ihre Probleme zählen. Die Freundinnen reden sehr offen miteinander. Und die Männer? Birgit Silomon ist da überfragt: „Ich weiß es wirklich nicht, ob die Männer sich darüber austauschen. Ich glaube, mein Mann geht da eher rationaler mit um, der möchte, glaube ich, also das ist mein Eindruck, diese Emotionalität und diese Ängste gar nicht so an sich ranlassen.“ Ihr Mann Rainer Lederich sieht es etwas anders: „Natürlich tauschen wir uns auch ein bisschen aus, aber es ist nicht so, dass wir täglich miteinander telefonieren, oder in irgendeiner Form... das will der Christoph ja auch gar nicht.“

Mutiger Umgang mit Tabuthemen

Mit ihrem Mann, der selbst herzkrank ist, spricht Barbara Eschweiler offen über ihre Ängste. Aktuell steht sie eine neue Chemotherapie durch. Doch wenn auch das nicht hilft, wenn nichts hilft? Auch das, so sagt Birgit Silomon, sei kein Tabuthema den Freunden gegenüber: „Das ist schon irgendwie etwas, was wir alle natürlich auch wissen und worüber wir aber auch offen reden können, da ist kein Tabu da.“ Barbara Eschweiler sagt dazu: „Dieses Sterben, das ist immer wieder ein Thema. Auch dieses Vermitteln den anderen: Hey, das Leben für Euch geht weiter, das finde ich ganz ganz wichtig, dass der andere weiß, er darf weiterleben – also auch die Freunde – ihr dürft weiterhin Spaß und Freude haben.“

Barbara Eschweiler betrachtet sich nicht als Opfer, und lädt andere auch nicht dazu ein, sie in diese Rolle zu drängen. Für sich selbst haben sie und ihr Mann entschieden, nichts mehr auf die lange Bank zu schieben, so Barbara Eschweiler: Also als diese Knochenmetastasen diagnostiziert wurden, das war ganz dramatisch, vor allem, dass die Medikation nicht gewirkt hat. Und da war so dieses Gefühl: Jetzt sterbe ich! Und dann hat sich das aber auch wieder gesetzt und dann haben wir gesagt: Und jetzt leben wir! Und das ist, finde ich, eigentlich die bessere Entscheidung, so lange es geht.