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SENDETERMIN Do, 5.2.2015 | 22:00 Uhr | SWR Fernsehen

Kriminalistik Kapitulation vor dem Einbruch?

Das Problem der steigenden Wohnungseinbruchszahlen ist in aller Munde. Doch wie hat die Polizei regiert? Ein Blick hinter die Kulissen bei der Kripo Karlsruhe.

Ein vermummter Einbrecher betritt über eine Terrassentür eine Wohnung.

Die Steigerung der Wohnungseinbrüche lag 2013 in Baden-Württemberg bei 32 Prozent und in einzelnen Polizeipräsidialbereichen (PP) wie in Karlsruhe sogar bei 65 Prozent. Das sind allein im PP Karlsruhe im Januar und Februar 2014 jeweils rund 280 Wohnungseinbrüche - dazu kommen noch Gaststätten- und Geschäftseinbrüche. Im März ging die Polizei mit diesem Problem aktiv an die Lokalpresse um die Öffentlichkeit zu sensibilisieren. Wenn die Bürger mehr aufpassen, machen sie es den Einbrechern schwerer, so das Kalkül der Polizei. Doch zunächst fragen sich viele, ob die Polizei noch Herr der Lage ist. In Tiefenbronn zum Beispiel engagieren aufgebrachte Bürger nach mehreren Laden- und Gaststätteneinbrüchen einen eigenen Wachschutz für ihre Kleinstadt. Der Polizeiposten schließt gegen 16:30 Uhr, danach steht Tiefebronn offen, so der Eindruck der Bürger. Aber kann man durch mehr Schutzpolizei tatsächlich das Delikt Einbruchdiebstahl wirksam bekämpfen?

Gibt es weniger Einbrüche durch Streifendienste?

Was die Tiefenbronner vermissen, in Bruchsal wird es gemacht. In der dunklen Jahreszeit, wenn die Einbruchszahlen steigen, zeigt die Schutzpolizei in den gefährdeten Häuslebauer-Vierteln Präsenz und informiert die Bürger. Maßnahmen, die sich in Bruchsal scheinbar auszahlen, denn hier fielen die Einbruchszahlen Anfang 2014 deutlich geringer aus als in den benachbarten Gemeinden. Aber lässt sich das verallgemeinern? Gibt es wirklich weniger Einbrüche durch Streifendienste? Nein, denn im gesamten Präsidialbereich Karlsruhe, zu dem Bruchsal zählt, sind die Fallzahlen im gleichen Zeitraum munter weiter gestiegen. In Bruchsal wurde nicht eingebrochen, dafür aber in der Umgebung. Das Problem wurde also nur verlagert. Experten sind sich einig: Polizeipräsenz ist kein Allheilmittel. Es gibt vielleicht einen abschreckenden Effekt, doch "Einbrecher fangen sie im Regelfall nicht durch eine Streifenfahrt", so André Schulz, Vorsitzender des Bundes Deutscher Kriminalbeamter.

Mehr gefasste Täter durch Ermittlungen?

André Schulz, der sich selbst jahrelang als Kripomeamter mit dem Delikt Einbruch beschäftigt hat, ist überzeugt: gerade Ermittlungen sind das non-plus-ultra. "Wohnungseinbrecher sind immer Serientäter, das heißt im Kern wissen wir, wenn er eine Tat begangen hat, hat er hundert Taten begangen, bei denen er nicht erwischt worden ist." Das Kalkül: wenn man einen schnappt, dann kann man ihm aufgrund akribischer Ermittlungsarbeit - Spurensicherung, Dokumentation, Zeugen - leicht eine ganze Reihe von Taten nachweisen. Leider hat die Zahl der ermittelten Tatverdächtigen in Deutschland seit Ende der 1990er Jahre immer mehr abgenommen, wie die Polizeiliche Kriminalstatistik (PKS) des BKA zeigt (Abb.1).

Grafik zur Statistik der Tatverdächtigen

 Abb.1: Quelle PKS BKA 1987-2013

Ein Problem mag an manchen Stellen verminderte polizeiliche Aufmerksamkeit und vielleicht auch die personelle Ausstattung mit Kriminalbeamten sein. Fast alle Ermittler beklagen aber vor allem die Abschaffung der so genannten Gebrauchtwarenverordnung vor etwa 10 Jahren. In ihr war geregelt, dass An- und Verkaufsgeschäfte von Gebrauchtwaren Buch führen müssen, wer ihnen was verkauft hat und an wen es weiterverkauft wurde. "Auf dieser Basis hat sich manche Tat aufklären lassen. Diese sind abgeschafft worden, so dass die Polizei nur noch sehr eingeschränkte Kontrollmöglichleiten hat", beklagt zum Beispiel der Kriminologe Frank Kawelowski, der jahrelang selbst im Ruhrgebiet als Kriminalbeamter ermittelt hat. Eine neue gesetzliche Regelung steht seitdem aus.

Mehr Polizei die Lösung?

André Schulz, oberster Gewerkschafter der Kripo fordert mehr Kriminalbeamte. Das sei "gut angelegtes Geld, gerade wenn das Sicherheitsbedürfnis des Bürgers beschädigt ist und das ist gerade im Wohnungseinbruchsdiebstahl der Fall." Damit mag er einerseits Recht haben, doch das Beispiel Karlsruhe zeigt, dass es auch anders geht. Der dortige Leiter der Kriminaldirektion Karl Heinz Ruff sagt im SWR-Beitrag: "Baden Württemberg hat mit die schlechteste Polizeidichte im Vergleich aller 16 Bundesländer, aber ich glaube nicht, dass wenn wir jetzt 1.000 Polizisten mehr hätten, wir das Problem besser in den Griff bekommen würden." Stattdessen wurde seit April 2014 die innerpolizeiliche Kommunikation verbessert. Mit regelmäßigen Meetings und insgesamt erhöhter Aufmerksamkeit auf das Delikt Wohnungseinbruch, so heißt es aus dem PP Karlsruhe, ist es gelungen, die Fallzahlen im Winter 2014/15 um 30-50 Prozent herunterzudrücken und 2014 fast 100 Tatverdächtige festzunehmen, denen jeweils eine Vielzahl von Taten angelastet wird. Ein Erfolg, den auch Kriminologen bemerkenswert finden.

Grafik zur Statistik Wohnungseinbrüche

Abb.2: Quelle PKS BKA 1987-2013

Deutschland ist relativ sicher

Die gesteigerten Fallzahlen der Wohnungseinbrüche und die vermeintliche Ursache, nämlich der erleichterte Zugang von Tätern aus Osteuropa und ehemaligen Staaten der Sowjetunion relativieren sich aus kriminologischer Sicht. Zum einen gab es zum Beispiel Mitte der 1990iger Jahre bedeutend mehr Einbrüche in Deutschland wie Abb.2 zeigt. Außerdem haben wir, so der Essener Kriminologe Frank Kawelovski in "anderen europäischen Staaten, etwa in Finnland, in Groß-Britannien, in Frankreich, eine dreimal so große Gefahr für die Bürger Opfer eines Wohnungsdiebstahles zu werden wie in Deutschland. Wir rangieren im europäischen Vergleich auf einem der letzten Plätze im positiven Sinne."

Was weiß man über die Täter?

Dennoch, die Zahlen steigen und mit den Ursachen tun sich Kriminologen schwer. Wissenschaftliche Untersuchungen gibt es keine. Eine Schwierigkeit ist die geringe Aufklärungsquote und damit verbunden, das geringe Wissen über die Täter, sagt Frank Kawelovski. "Wir sehen die Täterstruktur durch ein sehr schmales Fenster, wir haben Aufklärungsquoten die zwischen 13 und 14 Prozent bundesweit liegen. In den besten Jahren waren es mal 20 Prozent. Dazu muss man sagen, dass die Mehrzahl der Verdächtigen gar nicht verurteilt wird, weil die Beweise einfach nicht ausreichen. Wir haben also ein Verurteilungsvolumen von zwei Prozent bei Einbrechern, das heißt bei 98 Prozent der Fälle wissen wir gar nicht, wer die Fälle begangen hat." Vor diesem Hintergrund sind die fast 100 Tatverdächtigen aus Karlsruhe ein außergewöhnliches Ergebnis. Ganz erstaunlich auch, dass über 40 aus dem winzig kleinen Georgien stammen. Offensichtlich handelt es sich hier um organsierte Kriminalität aus dem Kaukasus. Die Täter werden dort gezielt angeworben und nach kurzer Zeit und einigen Einbrüchen wieder ausgeschleust. Die verbreitete These, dass die Öffnung der Grenzen nach Osteuropa die Ursache für die häufigen Wohnungseinbrüche lässt sich allerdings kriminologisch nicht belegen. Auch in Karlsruhe tut man sich daher schwer mit dieser These. "Alles den Osteuropäern und den Banden in die Schuhe zu schieben, wäre sicherlich der falsche Ansatz, weil man dann wesentliche Täter ausblenden würde" so Kripochef Karl-Heinz Ruff. Es gibt eben auch viele aus Deutschland stammende Täter, sowie die Beschaffungskriminalität von Drogenkonsumenten. Wer auch immer die Täter sein mögen, das Beispiel Karlsruhe zeigt, dass einerseits wirksam etwas gegen Wohnungseinbrüche getan werden kann. Andererseits liegt Deutschland in der Mitte Europas. Das Armutsgefälle von Ost nach West nimmt nur sehr langsam ab. Deutschland bleibt immer Zielscheibe für Einbrecherbanden - daran wird sich so schnell nichts ändern.