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SENDETERMIN Do, 15.5.2014 | 22:00 Uhr | SWR Fernsehen

Hygiene Kampf den Keimen

Über 17 Millionen Operationen werden jedes Jahr in Deutschland durchgeführt. Diese Routine im OP ist nur auf Basis einer perfekt organisierten Hygienekette möglich. Das permanente Infektionsrisiko durch Bakterien, Viren und Pilze verzeiht keine Fehler.

Unreines OP-Besteck wird in einem Krankenhaus für die Reinigung vorbereitet.

Als Infektionen noch die Regel waren

Noch Anfang des 19. Jahrhunderts waren Operationen die absolute Ausnahme. Denn abgesehen davon, dass die Narkose bis in die Mitte des 19. Jahrhunderts noch nicht angewendet wurde, kam es in den allermeisten Fällen zu postoperativen Eiterungen. Man hatte den Zusammenhang zwischen den für das Auge unsichtbaren Keimen und den Wundheilungsstörungen noch nicht entdeckt. Operationen wurden deshalb nur durchgeführt, wenn keine andere Therapie zur Lebensrettung möglich war.
Zu Shakespeares Zeiten wurden chirurgische Eingriffe sogar im sogenannten "operating theater" besonders hohen Hygienerisiken ausgesetzt. Wer eine Eintrittskarte gelöst hatte, konnte direkt mit Straßenkleidung, offenen Haaren oder mit Hut in einen kleinen Vorlesungsraum mit Tribüne spazieren, um mit vielen andern aus nächster Nähe Operationen und die Pein der kaum betäubten Patienten mitzuerleben. Bis ins 19. Jahrhundert wurde diese Praxis zur Ausbildung von Ärzten beibehalten.

Der Beginn der medizinischen Hygiene

Erst um 1850 erkannten verschiedene Ärzte einen Zusammenhang zwischen den Infektionen, bzw. der Sterblichkeit von Patienten und den äußeren Bedingungen der medizinischen Behandlung. Dem englischen Arzt Lord Lister fiel zum Beispiel auf, dass es bei geschlossenen Brüchen im Gegensatz zu offenen fast nie Beschwerden im Heilungsverlauf gab. Er ging davon aus, dass die Luft etwas Geheimnisvolles enthalten müsse, das in die offene Wunde gelangte und zu einer Vereiterung führen konnte.

Altes Operationstheater

Altes Operationstheater in der St. Thomas Kirche in London

So erfand er die "Listersche-Anti-Sepsis": Eine Art Phenol-Spray, das während der Operation von oben auf die offene Wunde "rieselte". Diese Erfindung und das einfache Händewaschen mit anschließendem "Einweichen in Karbol" vor einem operativen Eingriff verbesserten die Infektionsquote deutlich.

Robert Koch (1843–1910) gelang schließlich der Nachweis von verschiedenen Bakterien als Ursache für Wundinfektionen. Die Mikrobiologie und Hygiene als feste Teilbereiche der Medizin waren etabliert.

Ab Ende der 1880er Jahre setzten sich allmählich feste Standards in den Operationssälen durch:
• Separate OP-Räume
• Desinfektion der Raumoberflächen
• Häufiger Wechsel der Wäsche
• Kopftücher
• Hände-Waschen, kurze Fingernägel, Händedesinfektion
• Gummihandschuhe
Anfang des 20. Jahrhunderts konnte so die postoperative Infektionsrate unter fünf Prozent gesenkt werden.

Die moderne "Hygienefestung" innerhalb der Klinik

Viele weitere Entdeckungen und Erfindungen waren erforderlich, um den heutigen enorm hohen Hygienestandard bei Operationen zu erreichen. Ein ganz wesentlicher Pfeiler der OP-Hygiene ist das komplett von der restlichen Klinik abgetrennte Raumkonzept des Operationstraktes.

Wer in einen OP gelangen will, muss in einer Doppeltürschleuse alle Kleider bis auf die Unterwäsche wechseln, Haare und Kopfhaut mit einer OP-Haube abdecken, sowie spezielle OP-Schuhe und einen Mundschutz tragen. Auch Schmuck und Uhren sollten abgelegt werden, da sich an und unter ihnen massenhaft Keime befinden. Erst nach dieser Prozedur wird man in den OP-Trakt vorgelassen, der eine weitere bauliche Hülle um den eigentlichen OP-Saal bildet.

Luftfilteranlage über der Klinik

In langen "Filterstraßen" wird die Luft für die Klinik aufbereitet.

Auffällig sind hier die Außenfenster, die - wenn es sie überhaupt gibt - keine Griffe haben. Denn Außenluft darf nur aufbereitet in den OP-Bereich gelangen. In einem separaten Stockwerk über dem OP reinigen mehrere Filterstufen die Frischluft von Schwebepartikeln und befeuchten sie mit sterilem Wasserdampf, bevor sie dann in der gewünschten Menge und der erforderlichen Temperatur den OP erreicht. Nur die Reinheitsnorm der Luft in Reinräumen, wie sie z.B. bei der Herstellung von Solarzellen gefordert wird, ist noch strenger.

Hygienestandards im ständigen Umbruch

Der Stuttgarter Professor für Krankenhaushygiene Matthias Trautmann weist darauf hin, dass die meisten Hygienemaßnahmen, die heute Standard im OP sind, keine evidenzbasierten Maßnahmen darstellen, sondern vielmehr aus der Erfahrung heraus entstanden sind. Ob sie tatsächlich einen positiven Einfluss auf die postoperative Infektionsquote haben, ist häufig nicht bewiesen. Deshalb und nicht zuletzt auch aufgrund des hohen Kostendrucks werden Hygienemaßnahmen immer wieder auf den Prüfstand gestellt. Zum Beispiel die mit Desinfektionsmitteln durchtränkten Bodenmatten im Eingangsbereich wurden als nutzlose Maßnahme entlarvt und wieder abgeschafft.
Auch sind unsere heutigen OP-Hygienestandards nicht international gleich. Professor Trautmann berichtet beispielsweise davon, dass in den USA das OP-Personal beim Verlassen des OP-Traktes die OP-Kleidung auch außerhalb trägt und selbst beim Rückschleusen - zum Beispiel nach einer Pause - keine frische OP-Kleidung anlegt. In Deutschland ist dagegen eine strikte Kleiderhygiene im OP nach wie vor Standard. Grüne oder blaue Bereichskleidung sollte nur innerhalb des OP-Trakts getragen werden.
In Deutschland hat sogar jedes Bundesland eigene Hygiene-Gesetze, die in Teilbereichen durchaus voneinander abweichen können.

OP-Hygiene ist also selbst heute kein abgeschlossener Zweig der Wissenschaft, sondern wird sich auch in Zukunft durch neue Operationsverfahren, wechselnde politische Rahmenbedingungen und sich verändernde Keimspektren ständig weiter entwickeln müssen.