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SENDETERMIN Do, 13.6.2019 | 22:00 Uhr | SWR Fernsehen

Altersforschung Junges Blut - ein Verjüngungselixir?

Ewige Jugend - schon immer ein Menschheitstraum. Jetzt scheint tatsächlich ein Verjüngungselixir entdeckt worden zu sein. Die gute Nachricht: Wir Menschen selbst tragen es in uns. Die schlechte: Nicht alle von uns.

Wenn wir altern, sammeln sich Genveränderungen in unseren Blutzellen an. Mit jeder solchen Veränderung wächst das Risiko bösartiger Bluterkrankungen und Herz-Kreislauferkrankungen - Todesursache Nummer eins in Deutschland.

Doch in jungem Blut befinden sich offenbar Proteine, die sich positiv auf den Alterungsprozess auswirken. Nur werden die im Alter eben weniger. Versuche im Tiermodell zeigen: Gibt man einer 18 Monate alten Maus (das Alter entspricht 65 Menschenjahren) Blut einer jungen, 3 Monate alten Artgenossin, können sich einzelne Organe verjüngen.

Junges Blut bleibt auch im alten Körper "jung"

Doch diese Ergebnisse sind für Hämatologen gar nicht so überraschend: "Wenn wir in der Klinik Blutstammzellen von jungen Spendern in alte Patienten transplantieren, dann erhalten sich die Blutzellen ihre jugendliche Signatur, auch wenn sie im alten Organismus leben.", berichtet Florian Heidel. Er behandelt Leukämiepatienten am Uniklinikum Jena, forscht aber auch am dort ansässigen Leibniz-Institut für Alternsforschung zum Alterungsprozess von Blutstammzellen.

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In jungem Blut befinden sich Proteine, die sich scheinbar positiv auf Alterungsprozesse auswirken.

"Junge Blutstammzellen haben eine bessere Regenrationsfähigkeit für den Organismus und können natürlich auch länger und besser Blut produzieren, was dann insgesamt wichtig ist für den Genesungsprozess des Patienten."

Dadurch könne der gesamte Körper jünger werden: "Kürzlich publizierte Daten zeigen, dass bestimmte Proteine im Plasma, im Blut, bestimmte Organe verjüngen können."

Diese Daten stammen vom Stanford-Alzheimerforscher Tony Wyss-Coray. Er wollte herausfinden, ob sich auch das Gehirn durch junges Blut verjüngen lässt. Genau das hatten nämlich Stammzellforscher für andere Organe bereits bewiesen. Wyss-Corays Ziel ist es, die Alterskrankheit Alzheimer zu bekämpfen und sie aufzuhalten – und wenn er dafür das Altern selbst aufhalten muss - mit jungem Blut.

Junges Blut für ein besseres Gedächtnis - bei Mäusen

In seinem Experiment arbeitete er mit Mäusen. Und mit "Parabiose": Man schneidet eine alte und eine junge Maus am Rumpf auf und näht sie zusammen. Wie siamesische Zwillinge teilen sie nun einen Blutkreislauf. Tatsächlich: Durch das junge Blut wurde die alte Maus wieder fit! Ihre Nervenzellen arbeiteten wieder besser, neuronale Stammzellen wurden aktiviert. Die alte Maus hatte auch ein besseres Gedächtnis: Mit Jungblut behandelte alte Mäuse fanden auf einem speziellen Tisch mit vielen Löchern darin genauso schnell das eine Loch, das als Zufluchtsort diente, wie ihre jungen Artgenossen. Unbehandelte alte Mäuse dagegen brauchten erheblich länger.

Aber nicht nur das: Mit jungem Blut behandelt, hatten die alten Mäuse auch weniger Entzündungen im Gehirn und ihr Fell wirkte wieder dichter und glänzender. Ist Jungblut also die ultimative Anti-Aging Kur? Und was im Blut verjüngt? Die Blutzellen?

Das Gedächtnis von älteren Mäusen konnte in einem Experiment durch den Blutaustausch mit jüngeren Mäusen verbessert werden.

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Das Gedächtnis von älteren Mäusen konnte in einem Experimant durch den Blutaustausch mit jüngeren Mäusen verbessert werden.

Proteine als Schlüssel zur Verjüngung

Zum Test bekam die alte Maus nur Blutplasma eines jungen Artgenossen. Das Plasma ist der flüssige Teil des Blutes und enthält keine Blutzellen. Trotzdem zeigte sich: derselbe Verjüngungs-Effekt! Plasma besteht aus Proteinen. Sind sie der Schlüssel? Die Forscher erhitzten das Plasma auf über 40° Celsius. Jetzt sind die Proteine nicht mehr funktionstüchtig. Tatsächlich! Dieses Plasma veränderte gar nichts. Es sind also die Proteine! In seiner ausgegründeten Firma Alkahest will Wyss-Coray nun herausfinden, welche Proteine genau die sind, die verjüngend wirken.

Wahrscheinlich ergibt aber erst ein Cocktail aus verschiedenen Proteinen das Verjüngungselixir. Doch die Suche kann dauern: Rund 10 000 Proteine im Blutplasma gibt es, eventuell sind nicht mal alle bekannt.

Anti-Aging mit jungem Blut?

"Können wir das Altern komplett aufheben? Ich bin mir da nicht sicher ob das gelingen kann", unkt deshalb auch Florian Heidel, der Hämatologe und Altersforscher aus Jena. "Ich glaube, dass da nicht alle Proteine für jedes Organ dieselbe Rolle spielen für den Alterungsprozess. Man wird also nicht mit einer einmaligen Plasmaspende, mit dem Umlegen eines Schalters, einen alten Körper komplett verjüngen können."

Für einen tatsächlich messbaren Effekt bräuchte es außerdem, so Heidel, ständige Infusionen. Und jede Infusion sei auch mit Risiken, etwa Allergien oder schlimmstenfalls Infektionen verbunden. In der Therapie von Leukämie das kleinere Übel, aber als bloße Anti-Aging Kur viel zu riskant. 

Plasma-Infusionen gegen Altern gestoppt

Doch einer amerikanischen Firma namens "Ambrosia" war das offenbar egal. Das Start-up bot zahlungskräftigen Alten junges Plasma gegen achttausend Dollar pro Liter an. Die Firma berief sich dabei auf die Maus-Experimente von Wyss-Coray und verkaufte ihr Produkt zunächst als Therapie im Rahmen einer klinischen Studie. Deshalb wurde die amerikanische Aufsichtsbehörde Food and Drug Administration FDA auch erst spät aktiv – aber im Februar dieses Jahres stoppte sie die Plasma-Infusionen gegen das Altern.

Das bloße Altern als Krankheit zu definieren, hält Altersforscher Florian Heidel für falsch. Vielmehr müsse es darum gehen, degenerative Alterungsprozesse, die zu einer Abnahme der Organfunktion und damit zu Krankheiten führen können, besser zu verstehen und aufzuhalten – um ein gesundes Altern ohne Gebrechlichkeiten zu ermöglichen.

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Forscher sagen: Für eine reine Anti-Aging-Anwendung ist eine Plasmaspende zu riskant. Ein amerikanisches Start-up bot solche Infusionen trotzdem an.

Genau das ist auch das Ziel des Alzheimerforschers Wyss-Coray: In einer ersten klinischen Studie bekamen Alzheimerpatienten wöchentlich Plasmatransfusionen von jungen männlichen Spendern. Ohne schwere Nebenwirkungen. Auch wenn die positive Wirkung beim Menschen noch nicht umfassend belegt ist - die Vision vom Jungbrunnen durch junges Blut hat er damit bestärkt.