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SENDETERMIN Do, 5.10.2017 | 22:00 Uhr | SWR Fernsehen

Tabuthema Suizid Ist Selbstmord männlich?

In Deutschland bringen sich in allen Altersklassen dreimal so viele Männer um, wie Frauen. Diese Geschlechterverteilung ist ein globales Phänomen: Suizid ist Männersache.

10.000 Suizide jährlich in Deutschland – jeder ist einer zu viel

Dabei sterben in Deutschland deutlich mehr Menschen durch Suizid als durch Verkehrsunfälle, Mord und Totschlag, illegale Drogen und Aids zusammen.
Jedes Jahr nehmen sich in Deutschland über 10.000 Personen das Leben. Die Dunkelziffer liegt circa 25 Prozent höher. Und etwa 100.000 Menschen versuchen jährlich in Deutschland sich das Leben zu nehmen.

Im November 1999 wollte sich Viktor Staudt das Leben nehmen. Doch der damals 30jährige überlebt seinen Bahnsuizidversuch, verliert aber beide Beine.

Der gebürtige Niederländer ist heute 47 Jahre alt und weiß, dass er damals nicht in der Lage war den Unterschied zu sehen, zwischen dem Leben ein Ende zu setzen oder den Problemen. Und im Endeffekt wollte er natürlich nur den Problemen ein Ende setzen. Er wollte ein anderes Leben! In der Regel kann der Todeswunsch als Ausdruck einer subjektiven erlebten Ausweglosigkeit verstanden werden, welche den Blick auf die Möglichkeiten des Weiterlebens blockiert.

Wer unter Suizidgedanken leidet, braucht dringend Hilfe

Männer mit Suizidgedanken tun sich besonders schwer professionelle Hilfe zu suchen und nehmen sie auch schlechter an als Frauen. Dieses Problem kennt auch Dr. Reinhard Lindner. Der Psychiater ist Oberarzt an der Medizinisch-Geriatrischen Klinik im Albertinen-Haus in Hamburg. Er hat sich auf die geschlechts- und altersspezifischen Aspekte der Suizidalität spezialisiert. Die Gründe, dass sich Männer drei Mal so häufig umbringen wie Frauen, liegen an dem Selbstverständnis der männlichen Identität. Sie meinen sie müssen stets entschlossen handeln und müssen alle ihre Probleme selbst lösen. Viele Männer haben es schwer über ganz bestimmte Probleme zum Beispiel in der Partnerschaft oder mit den Kindern zu sprechen. Sowohl mit Menschen die ihnen nahestehen, als auch mit Professionellen. Weil Sie den Eindruck haben, Hilfe suchen sei unmännlich!

Ein Mann schaut deprimiert aus dem Fenster

Es gibt immer auch wieder einen Weg aus der Verzweiflung. Entscheidungen führen in ein neues Leben, vermitteln Zuversicht.

30 Risikofaktoren für Suizid

Auch Viktor Staudt behielt schon früh seine Ängste für sich. Er war ein guter Schüler funktionierte. Doch im Inneren aber kämpfte er mit Angst. Er studierte Jura und hatte einen guten Job bei einer Fluggesellschaft. Seitdem er 20 Jahre alt war beherrschten ihn Panikattacken. So konnte er nicht am normalen Leben teilnehmen, isolierte sich und litt unter Einsamkeit. Bei Suizid wirken immer mehrere Risikofaktoren zusammen. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) nennt rund 30 Einflussfaktoren: biografische, biologische und gesellschaftliche. Häufig wirken mehrere Risikofaktoren kumulativ und erhöhen so die Vulnerabilität einer Person für suizidale Handlungen. Laut WHO-Studie spielt Alkoholismus in bis zu 50 Prozent aller Suizide eine große Rolle.

Laut Dr. Lindner liegt der Hauptgrund für Suizid und auch für Suizidalität bei Männern in Situationen der Kränkungen, Trennung und des Verlustes einer Partnerin oder eines Partners. Ein weiterer Aspekt ist die Einsamkeit, in die manche Männer hineingeraten, gerade weil sie Schwierigkeiten haben Beziehungen überhaupt erst aufzunehmen oder zu führen. In dieser Situation können sie dann in große Not geraten.

Es gibt zwei Hauptmotive für Suizid – egal welchen Alters: erstes Motiv ist das Gefühl der Wertlosigkeit und zweites Motiv ist der Verlust der Autonomie.

Mit dem Alter steigt das Suizidrisiko deutlich

Alte Menschen sind besonders suizidgefährdet. Jeder zweite Suizident in Deutschland ist älter als 60 Jahre. Die Gründe für den Suizid im Alter sind vielfältig. Experten unterscheiden drei Ursachenfelder: Erstens körperliche Krankheiten ohne Aussicht auf Genesung, zweitens Mobilitäts- und Autonomieverlust und drittens Beziehungsprobleme: wenn alte Menschen sich von Nahestehenden vernachlässigt fühlen, oder der Lebenspartner stirbt. Je älter man wird, desto höher ist das Risiko eines Suizides, bekannt als sogenanntes „Ungarisches Muster“.

Suizidalität und Depression

Suizidalität ist bei psychischen Erkrankungen erhöht (circa 90 Prozent). Allen voran bei Depression. Rund jeder siebte Mensch erkrankt im Lauf seines Lebens an einer Depression. Sie gilt als heimliche Volkskrankheit und ist ein Hauptrisikofaktor für Suizide. Bei Ärzten liegt der Blick offensichtlich eher auf der weiblichen Depression. Männliche Depressionen können sich auch ganz anders äußern. Es gibt eine große Gruppe von Männern, die depressiv sind, indem sie aggressiv sind oder viel trinken. Das ist eine andere Erscheinungsform. Und deutet ganz häufig gar nicht so sehr darauf hin, dass eine Depression vorliegt. Fehldiagnosen sind oft die Folge.

So wurde bei Viktor Staudt ein Jahr nach seinem Suizidversuch zunächst eine Borderline-Persönlichkeitsstörung festgestellt – eine schwerwiegende emotionale Instabilität.
Bis er dann jedoch endlich die komplette Diagnose und die richtige Therapie bekam, verging viel Zeit. Erst fünf Jahre nach seinem Suizidversuch diagnostizierte eine Ärztin ihm Depressionen. Er bekam eine Therapie und nimmt seitdem Medikamente. So dass er jetzt seine Depression kontrollieren kann und endlich am Leben wieder teilnehmen kann.

Mann sitzt geknickt auf einer Treppe

Hinter Suizidabsichten steckt oft eine Depression. Betroffene sollten entsprechende Hilfsangebote in Anspruch nehmen.

Suizidprävention Nummer Eins – Reden!

Seit 2011 lebt Viktor Staudt in Bologna. Dort hat er auch seine Lebensgeschichte niedergeschrieben, die 2014 in Deutschland erschienen ist. Sein bewegendes Buch „Die Geschichte meines Selbstmords und wie ich das Leben wiederfand“ zeigt die Verzweiflung und den Weg zu einem angstfreien Leben. Er möchte das Thema Suizid enttabuisieren und Betroffenen helfen. Daher hält er seit Jahren Suizidpräventions-Vorträge und Lesungen – wie auch in Reutlingen beim 40-jährigen Jubiläum des Arbeitskreises Leben (AKL) Reutlingen/Tübingen. Viktor Staudt möchte seine Erfahrungen wie man eine Depression in Griff bekommt und damit lebt, mit anderen teilen. Mit der Hoffnung, dass es für Leute, die in einer ähnlichen Situation sind, wie er damals war, einfacher wird über ihre Probleme zu reden und sie sich professionelle Hilfe suchen. Suizidale Gedanken sind kein Ausdruck von Schwäche, sondern dass man erhebliche Probleme hat. Es geht darum andere Lösungen als den Tod zu finden, häufig auch mit einer anderen Sicht von sich selbst. Das Ansprechen regt nicht Suizidimpulse an, sondern stellt einen Kontakt her. Das Interesse erleben die meisten Suizidgefährdeten als angenehm und sehen eine Erleichterung. Unvoreingenommen zuhören ist der erste und wichtigste Schritt, Suizid zu verhindern. Nach der sogenannten Washingtoner-Erhebung aus dem Jahr 2012 wollen 65 Prozent der Menschen, die an Selbsttötung denken, nach einem Gespräch mit ihrem Arzt weiterleben.

Viktor Staudt rät: „Rede über Deine Probleme und dann kann meine eine Lösung finden. Und trau dich, du wirst sehen, du bist sicher nicht alleine!“ Suizidalität ist behandelbar, die kann sich mit einer medizinisch gezielten Behandlung verändern, die muss nicht immer so bleiben.


Suizidalität ist ein schwerwiegendes gesundheitspolitisches und gesellschaftliches Problem.

Weltweit beenden jährlich 800.000 Menschen ihr Leben aus Verzweiflung selbst.
Alle 40 Sekunden tötet sich weltweit ein Mensch!
Alle 52 Minuten nimmt sich in Deutschland ein Mensch selbst das Leben.
Alle 5 Minuten findet ein Suizidversuch statt.
Alle 9 Minuten verliert in Deutschland jemand einen nahe stehenden Menschen durch Suizid.

Aber laut WHO ist Suizid weltweit nach Unfällen die zweithäufigste Todesursache unter 15 bis 29-Jährigen nach Unfällen! Die höchsten Suizidversuchsraten weisen 15-25 jährige junge Frauen auf. Jeden Tag gehen in Deutschland drei Jugendliche freiwillig aus dem Leben und zehn versuchen es.

Ein Suizid betrifft viele Menschen

Von jedem Suizid sind nach Schätzungen der WHO durchschnittlich deutlich mehr als sechs Personen betroffen, die nicht selten selbst in große seelische Not geraten. Nicht nur Angehörige, auch Freunde, Kollegen, Mitschüler etc. können in einem Maße betroffen sein, dass sie auch selbst Unterstützung benötigen. Der Trauerprozess nach einem Suizid kann erschwert sein und mehrere Jahre dauern. Für Hinterbliebene ist es wichtig, dass über Suizide offen gesprochen werden kann, ohne dass sie befürchten müssen, ausgegrenzt zu werden. Nicht vergessen werden dürfen auch die Folgen für weitere nahestehende Menschen (z.B. Arbeitskollegen, Mitschüler), in Ausübung ihres Berufes mit Suiziden konfrontierte Menschen (zum Beispiel Ärzte, Therapeuten, Angehörige von Pflegeberufen, Polizisten, Feuerwehrangehörige u.v.a.m.) sowie Zeugen suizidaler Handlungen.

Für die Angehörigen ist der Suizid oder der Suizidversuch häufig ein schwerer, traumatisierender Schock. Der Suizid hinterlässt Trauer und Schuldgefühle, Ohnmachtsgefühle, nicht selten vermischt mit Ärger und Wut über das Verlassenwerden. Die Angehörigen befinden sich in einer psychischen Ausnahmesituation und benötigen selbst Unterstützung.

In der Regel senden Suizidgefährdete Signale aus und wünschen sich, dass jemand darauf reagiert. Alarmzeichen können sein: sozialer Rückzug, Gleichgültigkeit, traurige Stimmung, Hoffnungslosigkeit, Stimmungsschwankungen, Nutzung von Suizidforen, Verwahrlosungstendenzen, selbstverletzendes Verhalten, Alkohol-/Drogen- oder Medikamentenmissbrauch, aggressives abwehrendes Verhalten, Äußerungen über den Tod und das Sterben, konkrete Handlungen zur Vorbereitungen einer suizidalen Handlung.

Die Berichterstattung von Suiziden erfordert von Journalisten einen Spagat: normalerweise sollen sie anschaulich schildern, Details liefern. Bei Suiziden raten Experten wie der Medienpsychologe Benedikt Till jedoch zum Gegenteil. Der Deutsche Presserat hat dazu ethische Leitlinien herausgebracht: es wird geraten, weitgehend auf die Berichterstattung zu verzichten, es sei denn, der Suizid geschieht vor größerer Öffentlichkeit und bedarf deshalb der Erklärung – oder es handelt sich um eine Person vom besonderem öffentlichen Interesse.

Suizidforscher, wie Professor Armin Schmidtke, warnen vor dem Nachahmungseffekt, dem sogenannten „Werther-Effekt“. (Nachdem Goethes Buch „Die Leiden des jungen Werthers“ 1774 erschienen war, brachten sich eine Reihe junger Männer – wie die Titelfigur – um.) 1981 zeigte das ZDF die fiktive Serie „Tod eines Schülers“ – darin nahm sich ein Jugendlicher das Leben, darauf nahm die Zahl ähnlicher Suizide bei jungen Männern um 175 Prozent und bei Frauen um 167 Prozen zu. Auch nach dem Suizid von Fußballer Robert Enke 2009, über den die Medien detailliert berichtet hatten, stieg die Suizidzahl in den ersten zwei Wochen um 175 Prozent. Die Zunahme der Suizidrate betrug im gesamten Jahr 2009 15,5 Prozent. Nach dem Motto, „wenn Enke das nicht schafft, dann schaffe ich es wohl auch nicht!“
So kam es in den zwei Jahren nach dem Ereignis „Robert Enke“ zu einem Anstieg der Eisenbahnsuizide um 18,8 Prozent! Dabei kann eine bestimmte Form der Berichterstattung suizidpräventiv (=„Papageno-Effekt“) wirken.

Auch die Politik muss gegen Selbsttötungen tätig werden

Im Rahmen der WHO-Staaten gibt es eine Selbstverpflichtung, die Suizidraten in den jeweiligen Ländern bis 2020 um 10 Prozent zu senken. Die Bundesregierung sollte alle Mittel, die sie zur Verfügung hat, nun auch einsetzen.

Deutschland hat als eines von wenigen Ländern ein nationales Suizidpräventionsprogramm, aber im Unterschied zu anderen Ländern wird es hier ehrenamtlich betrieben.

Jedes Jahr ist am 10. September der Welt-Suizid-Präventionstag.

aus der Sendung vom

Do, 5.10.2017 | 22:00 Uhr

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Donnerstags um 22.00 Uhr im SWR Fernsehen.