Bitte warten...

SENDETERMIN Do, 5.2.2015 | 22:00 Uhr | SWR Fernsehen

Isotopenanalyse Verräterische Atome

Ein chemisches Verfahren, mit dem sich von Gewebeproben auf die Lebensweise und Herkunft einer Person schließen lässt, ist manchmal die letzte Möglichkeit zur Identifizierung von Toten.

Ein Umriss einer Leiche auf der Straße angezeichnet, mit dem Polizei-Absperrband

November 2011: In der Uferböschung eines Flusses macht der Pilzsammer Reiner M. eine schreckliche Entdeckung. Ein abgetrennter, menschlicher Arm hat sich im Gestrüpp verfangen. Sofort ruft Reiner M. die Polizei. Eine Sondereinheit durchkämmt das Gebiet um die Fundstelle. Spürhunde schnüffeln an jedem Stein und Holzstumpf. Taucher suchen am Grund des kanalisierten Flusslaufs. Schließlich findet die Polizei den zum Arm gehörenden Torso - nackt und ohne Gliedmaßen. Auch der Kopf fehlt. Wer ist der Tote? Wo kommt er her? Wer hat ihn so zugerichtet?

Toter ohne Identität

Von den Funden können die Beamten nur ableiten, dass der Mann zwischen 20 und 30 Jahre alt und zirka 1,75 Meter groß war. Das sind zu wenige Informationen für einen Treffer in der Vermisstendatei. Auch DNA-Analyse und Fingerabdruck führen zu keinem Ergebnis: Offenbar hat der Tote sich noch nie etwas zu Schulden kommen lassen und fehlt deshalb in den entsprechenden Datenbanken. Außerdem ist die Identifizierung über den Zahnstatus unmöglich, da der Kopf fehlt. Nur eine letzte Möglichkeit bleibt der Polizei noch: die so genannte Isotopenanalyse.

Die letzte Hoffnung: Isotopenanalyse

In einem kleinen Büro am Münchner Institut für Rechtsmedizin arbeitet die Kriminalbiologin Christine Lehn. Die Wissenschaftlerin gilt als Expertin auf dem Gebiet der Isotopenanalyse, ein chemisches Verfahren, mit dem sich von Gewebeproben auf die Lebensweise und Herkunft einer Person schließen lässt. Bereits kurz nach dem grausigen Fund kontaktiert die Polizei Christine Lehn: Es muss schnell gehen, den Beamten fehlt jede Spur zu einem brutalen Mörder.

Der feine Unterschied (der viel verrät)

Christine Lehns Methode beruht auf einer Spielart der Natur: So kommt beispielsweise das chemische Element "Wasserstoff" überall auf der Erde vor, allerdings als Gemisch von zwei sehr ähnlichen Wasserstoffatomen, den so genannten Wasserstoff-Isotopen. Je nach Region unterscheiden sich die Gemische ein wenig voneinander: Am Meer haben die Gemische einen hohen Anteil an schweren und einen niedrigen Anteil an leichten Wasserstoffisotopen. In den Bergen ist es genau umgekehrt. Auch Sauerstoff, Kohlenstoff, Stickstoff, Schwefel, Strontium und Blei bilden solche Isotopengemische, die sich dann je nach Region voneinander unterscheiden.

Weltkarte mit Elementen

Je nach Region unterscheiden sich die Isotopengemische dieser Elemente

Durch Essen, Trinken und Atmen nehmen wir die Isotopen-Gemische ständig in uns auf. Und das macht sie so interessant für die Spurensuche: Denn je nachdem, in welcher Region ein Mensch lebt, unterscheiden sich auch die Isotopengemische, die in seinen Haaren oder Knochen eingelagert sind. Indem Christine Lehn die Isotopengemische verschiedener Elemente aus den Gewebeproben des Opfers extrahiert, ihre Zusammensetzung bestimmt und die Ergebnisse mit einer weltweiten Datenbank abgleicht, kann sie detaillierte Aussagen darüber treffen, an welchen Orten ein Mensch sein Leben verbracht hat.

Verwirrender Befund

Im Fall der Flussleiche ist der Befund jedoch verwirrend: Einerseits deutet die Analyse der Bleiisotope und weiterer Elemente darauf hin, dass der Tote sein Leben in Deutschland verbracht hat. Andererseits legen die Schwefelisotope nahe, dass der Unbekannte viele aus Asien stammende Zutaten zu sich genommen haben muss. Wo hat das Mordopfer also gelebt - in Deutschland oder in Asien? Es bleibt nur eine Erklärung: Der Tote hat zwar in Deutschland gelebt, sich aber größtenteils asiatisch ernährt. Mit großer Wahrscheinlichkeit stammt er aus einer Familie mit asiatischen Wurzeln. Dieses Ergebnis gibt die Wissenschaftlerin an die Polizei weiter. Die Beamten durchsuchen die Vermisstenkartei erneut, diesmal gezielt nach einer asiatisch-stämmigen Person. Und tatsächlich: Sie werden fündig! Ein Deutsch-Vietnamese wird von seinen Eltern vermisst. Auch Alter und Größe passen. Es ist der Unbekannte.

Ein voller Erfolg. Nun können die Polizisten gezielt im Umfeld des Opfers recherchieren. Schnell finden sie einen Verdächtigen: Ein Zeuge hat kurz vor dem Verschwinden einen Mann mit dem Opfer zusammen gesehen. Es kommt zum Prozess, der Verdächtige gesteht den Mord. Eines verschweigt er aber bis heute: Wo er den Kopf des Opfers versteckt hat. Eine Frage, bei der auch die Kriminalbiologin nicht helfen kann.

aus der Sendung vom

Do, 5.2.2015 | 22:00 Uhr

SWR Fernsehen

Das neue Odysso-Logo von 2019

Sendezeit

Donnerstags um 22.00 Uhr im SWR Fernsehen.