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SENDETERMIN Do, 29.1.2015 | 22:00 Uhr | SWR Fernsehen

Immuntherapie Neue Hoffnung bei Hautkrebs

Der oft tödliche schwarze Hautkrebs ist auf dem Vormarsch. Bis vor fünf Jahren gab es dafür noch keine richtige Therapie. Nun soll eine neue Immuntherapie den Patienten helfen, deutlich länger zu überleben.

Studie mit neuem Wirkstoff

Der Weg durch den Irrgarten der Tübinger Uniklinik ist für Laura K. Routine. Seit einem Jahr nimmt die 28-Jährige an einer Studie teil: Eine neue Immuntherapie gegen das maligne Melanom - den oft tödlichen schwarzen Hautkrebs. Laura K. hat kleinere Metastasen im Körper. Heute stehen wieder CT-Untersuchungen an. Bleibt der Tumor stabil, schrumpft er gar?
Gleichzeitig, im OP-Bereich des Hautkrebszentrums wartet Jan B. auf einen Eingriff. Dem 49-Jährigen wird eines seiner Hautmelanome entfernt, um es zu untersuchen: Jan B. kämpft seit zehn Jahren gegen den schwarzen Hautkrebs, hat etliche Therapien hinter sich. Mit einem unscheinbaren Melanom am Rücken fing es damals bei ihm an. Fünf Jahre nachdem es entfernt wurde kam die Diagnose: Der Krebs hat Metastasen im Körper gebildet. "Es war am Anfang so was Ungläubiges", erinnert sich Jan B., "dass ich gedacht habe, das ist doch sicher ein Irrtum gewesen".
Nach einem Härtefallantrag wird er nun auch mit dem Wirkstoff der neuen Therapie behandelt. Zum vierten Mal bekommt er nun eine Infusion mit Antikörpern, die gezielt seine Immunabwehr gegen den Krebs stimulieren sollen. Jan B. hat schon eine solche Therapie mit einem anderen Wirkstoff hinter sich. Ohne Erfolg. Dann hörte er von der neuen Behandlung mit dem "PD-1-Antikörper". Ein neuer Ansatz, eine neue Chance.

Den Tumor in Schach halten

Dr. Thomas Eigentler, Koordinator des Tübinger Hautkrebszentrums, betreut die Patienten der PD1-Immuntherapie. Die wirkt, so erste Studienergebnissen, zielgenauer gegen die Tumorzellen, bei geringeren Nebenwirkungen: Früher, bei der Chemotherapie, so Eigentler, "war das primäre Ziel, den Tumor zurückzudrängen, so dass er kleiner wird oder ganz verschwindet". Da habe sich inzwischen aber etwas geändert: "Wir versuchen heute, die Erkrankung mehr in eine chronische Phase zu bekommen, so dass der Patient unter akzeptabler Lebensqualität mit der Tumorerkrankung gut leben kann." Den Tumor kontrollieren, in Schach halten - gerade dieses weniger radikale Therapieziel verspricht eine wesentlich längere Überlebenszeit für viele Patienten. Der Tumor könnte sogar dauerhaft, über Jahrzehnte stagnieren.
Mit Laura K. bespricht Dr. Eigentler nun das aktuelle Ganzkörper-CT. Tatsächlich sind die Metastasen unverändert. Es sind auch keine neuen dazu gekommen. In der Anfangsphase der Therapie wurde der Tumor bei ihr sogar kleiner, sagt Eigentler, nun ist er seit Monaten stabil: "So dass wir gerade bei ihr das Ziel erreicht haben, die Erkrankung in eine Art chronische Phase zu bekommen." Laura K. fällt nach solchen Diagnosen immer "ein Riesenbrocken Anspannung" weg, sie bekommt einen "richtigen Glücksschub".

Killerzellen gezielt stimulieren

Immuntherapien sind die neue große Hoffnung in der Tumorforschung: Sie stimulieren gezielt das menschliche Immunsystem, Bedrohungen durch Krebszellen besser zu erkennen und zu bekämpfen. Der Schlüssel dazu sind die "T-Zellen" des Immunsystems. Diese "Killerzellen" überprüfen, ob Zellen in der Umgebung gefährlich sind. Einer dieser Prüf-Checkpoints auf der Oberfläche der T-Zellen ist der sogenannte PD-1-Rezeptor.

Darstellung einer eingescannten Probe eines Stück Gewebes aus dem Dickdarm auf einem Computermonitor.

Krebszellen können diesen Rezeptor aber täuschen, indem sie ihm hemmende Signalmoleküle präsentieren. Durch diesen biochemischen Austausch wird die Immunreaktion der Killerzelle heruntergeregelt - und sie lässt die Krebszelle unbehelligt. Die Forscher manipulieren die Killerzelle nun so, dass sie auch bei getarnten Krebszellen aktiv wird. Sie binden ein Protein, den PD-1-Antikörper an den Rezeptor. Dann reagiert die Killerzelle nicht mehr auf hemmende Signale und greift die Krebszelle an.
Eine Herausforderung bei Immuntherapien ist allerdings die richtige Balance zwischen Stimulierung und Hemmung der Killerzellen: Das Immunsystem darf nicht überreagieren und zu viel gesundes Gewebe zerstören. Derzeit entwickeln die Forscher auch eine Methode, um schon im Vorfeld zu prüfen, ob ein Patient von der Therapie profitieren wird.

Wirkt die Therapie?

Wie alle drei Wochen, erhält Laura K. ihre Infusion mit PD-1-Antikörpern; dafür kommt sie für eine halbe Stunde an den Tropf. Langzeitbeobachtungen zu der neuen Therapie gibt es noch nicht, es ist unklar, über welchen Zeitraum die Behandlung optimal wäre. Monate? Jahre? Körperlich geht es Laura K. gut, es gibt wenig Nebenwirkungen. Doch die seelische Belastung ist enorm. "Es kommen", sagt sie, "zwangsläufig Gedanken über Leben und Tod, was man eigentlich noch so erleben möchte, was man machen möchte, was einem wichtig ist".
Solche Gedanken kennt auch Jan B. gut. Es ist fast ein Wunder, wie lange er mit dem malignen Melanom schon überlebt hat. Er hat Metastasen im ganzen Körper, in Organen und Knochen. Noch vor kurzer Zeit überlebten Patienten bei fortgeschrittenem schwarzem Hautkrebs im Durchschnitt nur ein Jahr. Zu Hause zählt die Frau von Jan B. regelmäßig seine fühlbaren Tumore unter der Haut. Er hat den Eindruck, dass es weniger werden. Nun steht Jan B. vor seinem ersten Kontroll-CT. Nach sechs Infusionen mit dem neuen Antikörper sollte ein Trend erkennbar sein: Wirkt die Therapie oder nicht. Jan B. findet es "spannend was da rauskommt". Das sagt er mit sympathischem Lächeln. Spannend? "Ja, man muss sich da ein Stück zurückziehen und es nicht zu nah an sich herankommen lassen. Also das ist mein Mechanismus, da hat jeder was anderes."

Rückschläge und Hoffnungen

Das Ergebnis der Scans bei Jan B. ist nicht eindeutig: Es gibt Verbesserungen, aber eben nicht nur. Dr. Eigentler spricht von einem "gemischten Ansprechen". Manche Läsionen schrumpften, andere wuchsen. Jedenfalls werde man mit der Therapie weiter machen, manchmal zeigen sich stärkere Effekte erst verzögert. Jan B. meint dazu, es sei glücklicherweise nichts akut Bedrohliches hinzugekommen, aber er hatte sich schon mehr erhofft. Dann wieder mit entwaffnendem Lächeln: "Aber ich denke, es ist doch der richtige Weg, dass man es jetzt weiterverfolgen muss." Auch für Thomas Eigentler ist Jan B. ein Patient, der "weiterhin kämpfen wird", der möglicherweise mit der Erkrankung noch längere Zeit leben kann, "nicht tumorfrei, aber dass er mit dieser Erkrankung bei guter Lebensqualität noch Zeit hat".
Laura K. hat den Apfelbaum im Familiengarten zum Symbol ihrer Homepage gemacht. Durch ihre Krankheit hat sie sich viel mit Ernährung beschäftigt und gibt auf "Lauras Apfelbaum" Rezepte und Tipps weiter. Die neue Immuntherapie schlägt bei ihr sehr gut an. Sie wird mit dem Krebs aber weiter leben müssen - als chronische Erkrankung, die nie ganz besiegt ist. Deshalb sind ihr intensive Momente mit Familie und Freund sehr wichtig geworden. Auch das stärke das Immunsystem: "Kleinigkeiten zu feiern, gute Gedanken zu haben. Und das auszuleben, genau wie die negativen oder traurigen Momente, die man dann einfach auch rauslassen muss."

aus der Sendung vom

Do, 29.1.2015 | 22:00 Uhr

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Donnerstags um 22.00 Uhr im SWR Fernsehen.