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SENDETERMIN Do, 9.11.2017 | 22:00 Uhr | SWR Fernsehen

Verkehr Immer mehr Staus - nichts geht mehr!

Knapp 80 Prozent aller Gütertransporte werden über die Straße abgewickelt. Die Folge: 2015 waren die Staus so lang wie noch nie zuvor.

Die rechte Spur gehört den LKW

Jährlich werden 3,5 Milliarden Tonnen Güter auf deutschen Straßen transportiert. Dreißig Milliarden Kilometer fuhren mautpflichtige Lkw im Jahr 2015. Die Folgen fasst ein Autofahrer zusammen: „Die rechte Spur ist normalerweise fast immer dicht“. Jedes Jahr werden zwei Prozent mehr Güter transportiert. Das heißt in fünf Jahren werden zehn Prozent mehr LKW auf der Straße sein. Dabei sind schon jetzt die Grenzen des Wachstums mehr als spürbar.

Pendler bekommen es als erste zu spüren

Saulheim in Rheinhessen. Es ist 7 Uhr 30. Ein bisschen spät für Eva-Maria Kupper. Doch heute lauert kein Termin in Frankfurt oder Darmstadt auf die Telekom-Mitarbeiterin. Außerdem kennt sie ihre Strecke aus dem FF: „Ich vermute mal auf der A 60 so ab Hechtsheim, entweder vor oder nach dem Tunnel.“ Kurze Zeit darauf zeigt eine Anzeige den erwarteten Stau auf der A 60 Richtung Frankfurt: Fünf Kilometer ab Kreuz Mainz. Pendler plus LKW sind selbst für die neu ausgebaute A60 zu viel. Drei Spuren kriechen durch den Tunnel unter Mainz Hechtsheim. Der Ausbau des Mainzer Rings habe nur kurzfristig eine Besserung gebracht. Dann sei es so voll wie früher geworden. Der Verkehr suche sich eben die guten Strecken mutmaßt Eva-Maria Kupper. Sie ist die Kriecherei zur Arbeit gewohnt. Trotzdem: „Der Stress kommt dann, wenn man einen festen Ankunftstermin hat und dann etwas Unvorhergesehenes kommt. Zum Beispiel, der Stau wird größer, oder es ist ein Stau, mit dem man gar nicht gerechnet hat. Das sind dann Situationen, die sind nicht so schön.“ Stress, dem sich täglich zigtausende Pendler aussetzen.

Lärm und Gestank für Anwohner

Nicht schön ist auch die Verkehrslage auf der Mainzer Rheinallee. Auf der innerstädtischen Nord-Südachse quälen sich Anwohner, Pendler, Zulieferer und Transitverkehr durch die Stadt. Jeden Werktag 30.000 bis 40.000 Fahrzeuge darunter über 2.000 Lastwagen. Tendenz steigend. Der Bauingenieur Daniel Waldvogel wohnt mit seiner Partnerin seit sieben Jahren in der Rheinallee. Seit gut einem Jahr haben sie eine Tochter. Der zentrumsnahe Stadtteil Neustadt ist bei jungen Familien beliebt. Hier gibt es Spielplätze und die meisten Straßen sind ruhig. Bis auf die Rheinallee. Die sei einfach nur belastend, so Anwohner Daniel Waldvogel: „Das ist nicht nur der Verkehr tagsüber. Das ist auch speziell in den Nachtstunden. Wo man einfach nicht zur Ruhe kommt.“

Der zunehmende Lärm durch den Verkehr ging der jungen Familie so auf die Nerven, dass sie eine Bürgerinitiative gegen den Verkehrslärm auf der Rheinallee gründeten. Immerhin leben 1.700 Menschen an der Straße. Auch der LKW-Lärm sei oft unerträglich, so Waldvogel: „Es fahren viele leere Containertransporte hier, die enormen Lärm produzieren. Die fahren ab morgens halb fünf bis abends acht oder neun Uhr. Und nachts hat man dann Einzelereignisse, die einen auch wieder aus dem Schlaf reißen.“ Tempo 30 zumindest nachts – so eine Forderung der Bürgerinitiative. Für die Stadt ein Unding. Schließlich müsse die Hauptverkehrsachse verkehrstüchtig bleiben.

Lärm und Abgase - Ein Gesundheitsrisiko?

Doch machen Lärm und Gestank tatsächlich krank? In der Kardiologie der Uniklinik Mainz untersuchen die Mediziner den Einfluss von Lärm auf das Herz-Kreislauf-Risiko. Mit ihrer eigens entwickelten Messmethode konnten sie zeigen, dass schon eine Nacht Fluglärm ausreicht, um die Blutgefäße zu verengen. Geschieht das öfter, steigt das Risiko für Herz- und Kreislauferkrankungen, so Prof. Thomas Münzel: „Beim Straßenlärm sind vor allem die Kreuzungen wichtig. Also anfahrende Fahrzeuge. Auch ist hier die Feinstaubkonzentration extrem hoch. Und wenn das über mehrere Jahre Einfluss auf den Anwohner hat, kann man schon damit rechnen, dass man aufgrund von dem Lärm krank wird.“ Rosige Aussichten für Anwohner. Vor allem dann, wenn der Güterverkehr weiter ungebremst zunimmt und die Politik die Sorgen der Anwohner nicht ernst nimmt. Doch damit sei bald Schluss: „Die europäischen Leitlinien für den Bereich Vorbeugung hat dieses Jahr zum ersten Mal das Thema Feinstaub mit aufgenommen,“ so Prof. Thomas Münzel: „Ich hoffe, dass das Thema Lärm auch bald als Herz-Kreislaufrisikofaktor mit aufgenommen wird und wenn das Tatsache ist, dann muss sich die Politik drum kümmern und kann nicht mehr den Kopf in den Sand stecken.“

Baustellen behindern, Baustellen beruhigen

Zurück in der Rheinallee. Die ist wegen einer Baustelle seit Wochen nicht mehr vier- sondern nur noch zweispurig. Kann also nur noch halb so viel Verkehr aufnehmen. Anwohner Daniel Waldvogel hat eine erstaunliche Beobachtung gemacht: „Wir dachten, dass in der Zeit völlig das Chaos ausbrechen würde. Wir haben mit ewigen Staus gerechnet. Hupkonzerten, noch mehr als sonst schon. Und dass wir hier richtig leiden werden als Anwohner. Aber oh Wunder, es geht. Der Verkehr scheint irgendwo anders zu sein. Vielleicht muss man hier gar nicht durchfahren. Vielleicht gibt es andere Möglichkeiten. Vielleicht könnte man das hier so gestalten, dass hier ein Wohnen wirklich möglich ist.“ Sicher ein naiver Wunsch, das weiß auch Daniel Waldvogel, schließlich scheinen in Deutschland Verkehrsfluss und Zahl der Spuren untrennbar mit einander verbunden zu sein. Was in der Stadt den Verkehr zu beruhigen scheint, ist auf der Autobahn ein Ärgernis: Baustellen. Derzeit sind es laut Bundesamt für Straßenwesen über 500. Denn Deutschlands Straßen sind marode. Und die Belastung wird weiter zunehmen. Denn ein LKW verschleißt die Straße mehr als 60.000 Pkw. Ein weiterer Faktor, der die individuelle Mobilität immer mehr zur Belastung werden soll. Eva-Maria Kupper hat auf jeden Fall jetzt schon die Nase voll. Täglich verliert sie zwischen dreißig und sechzig Minuten im Stau: „Es ist vergeudete Lebenszeit.“