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SENDETERMIN Do, 27.3.2014 | 22:00 Uhr | SWR Fernsehen

Generationenkonflikt Ich will Omas Braten nicht

Vegetarier und Fleischesser in einer Familie - das birgt Zündstoff. Denn fleischlose oder vegane Ernährung hat oft einen moralischen Hintergrund. Wie gehen Menschen damit um, dass ihre Nächsten ihnen auf diesem Weg nicht folgen? Manchmal offenbart sich das delikate Thema als Generationenkonflikt.

Familienkonflikt Ernährung

Damir Begemann liebt Spargel mit Salzkartoffeln. Seine Frau Melanie indisches Linsencurry. Und ihr neunjähriger Sohn David Spaghetti mit Parmesan.

Fleischesser

Kochen ohne Knochen, heißt es hier: Die Eltern leben vegan, Sohn David vegetarisch. Allerdings sind die drei nicht allein im Haus: Nur eine Schiebetür trennt sie von Melanies Eltern in der anderen Bungalowhälfte: Monika Begemann liebt Sauerbraten, ihr Mann Udo Roulade mit Spätzle. Die beiden essen gerne und viel Fleisch, Fisch und Wurst.
Jeder nach seiner Fasson, könnte man sagen. Doch bei den Begemanns geht es um mehr als um Essensgewohnheiten - eine ideologische Grenzlinie zwischen jung und alt zieht sich durch das Haus: Melanie Begemann findet die Gerüche am schlimmsten, die rüberkommen, wenn Fisch oder Fleisch gebraten wird. Schlimmer sei aber die Gleichgültigkeit ihrer Eltern gegenüber dem Schicksal von "Nutztieren": Auf der einen Seite, so die Tochter, haben sie einen Hund, für den sie alles tun, aber "das Schwein, das nicht weniger intelligent oder schützenswert oder liebenswert ist, oder das Rind, werden aufgegessen".
Ihr Vater Udo Begemann wiederum ist genervt: "Das ist ja nicht permanent, dass sie uns belehren möchten – es ist ja nicht nur unsere Tochter, es sind alle drei – aber einmal die Woche passiert’s." Ihr neunjähriger vegetarischer Enkel David meint auch, seine Unterhaltungen mit Oma und Opa diesbezüglich seien "ein bisschen schiefgegangen".

Protest gegen Qualzucht

Vegetarismus als Generationenkonflikt. Ein Stück Fleisch auf dem Teller ist für die Eltern Lebensqualität, für die Kinder Ausdruck einer unreflektierten Lebenshaltung. Die heute 37-jährige Melanie Begemann las schon als Teenager Artikel über Massentierhaltung. Der Ekel war der Auslöser, sich fleischlos zu ernähren. Erst waren es nur Phasen, mit 18 Jahren wurde sie konsequente Vegetarierin. „Wenn man anfängt sich zu verändern“, sagt sie, "verändert sich plötzlich alles, man macht sich plötzlich mehr Gedanken über alles: Wie man handelt, oder was man da eigentlich gerade isst, oder wie man einkauft. Und so entwickelt man sich weiter".
Ihre Eltern kennen natürlich auch die Bilder von der Qualzucht für die Fleischproduktion. Udo Begemann räumt ein: "Wenn ich das im Fernsehen sehe, da schalte ich um, ich kann das auch nicht sehen. Aber irgendwie, beim Essen wird das verdrängt."

Steaks auf dem Revier

Tochter Melanie wurde Polizeibeamtin. Bei der Arbeit lernte sie ihren Mann kennen, auch er ist Polizist. Damir Begemann war kein Vegetarier, aber das Thema bewusste Ernährung, erinnert er sich, war ihm schon wichtig. Als er seine Frau kennenlernte, die schon vegetarisch lebte, wollte er das auch versuchen - und ist dabei geblieben.
Der Arbeitsplatz des Ehepaars liegt ausgerechnet in der Stadt, der das Klischee Schimanski und Currywurst anhaftet: In Duisburg. Damir Begemann ist ein veganer Oberkommissar. Die Kollegen auf seiner Wache in Duisburg-Rheinhausen tragen es mit Fassung: Klar, so sagt ein Kollege, man brate schon mal Steaks auf der Wache, und um ihn etwas zu ärgern "da lassen wir die Tür extra auf, dass der Geruch auch nach vorne zieht."

Polizist Damir Begemann

Damir Begemann: Ein veganer Polizist

In der harten Welt der Polizei als Mann kein Fleisch zu essen, sei immer noch exotisch, so Damir Begemann. Manchmal immerhin, gebe es Interesse "wenn ich mir zum Beispiel etwas warm mache, was besonders gut riecht. Dann fragen die schon mal, was ist das, manche wollen probieren." Aber leider bleibe das oftmals an der Oberfläche.


Vom Vegetarier zum Veganer

Vor zwei Jahren gaben Bücher wie "Tiere essen" für die Begemanns den Ausschlag, den Schritt vom Vegetarier zum Veganer zu machen: Auch keine Tierprodukte wie Milch oder Eier mehr. Von ihrer Seite aus war es ein logischer Schritt, sagt Damir Begemann, aber er kann sich vorstellen, dass seine Schwiegereltern dachten, "wir knallen jetzt völlig durch!" Die wiederum meinen: "Als sie vegetarisch gegessen haben, haben wir noch öfters zusammen gegessen, mit allen fünfen. Danach, als das Vegane begann, eigentlich nicht mehr." Monika Begemann räumt ein, dass die veganen Produkte schon schmecken, der fleischlose Weihnachtsbraten ihrer Tochter, zum Beispiel. Aber es fehle halt doch etwas, der Biss, und: "Ich weiß halt, dass es kein Fleisch ist."
Ihr Enkel David wurde seit Geburt vegetarisch, aber nicht vegan ernährt. Wenn er bei seinen Großeltern isst, gibt es für ihn natürlich immer eine fleischlose Extrawurst. Dennoch, sorgt sich die Großmutter: "Ich finde, letztendlich verpasst er ja auch viel, er weiß ja gar nicht, ob es ihm schmecken würde." Und ein bisschen dumm sähe es schon aus, wenn sie auswärts essen gingen und "wir haben dann unseren großen Teller mit Fleisch, und er isst seine trockenen Nudeln".

Trend Vegetarismus

Was macht das mit David? Belastet ihn die Futter-Font quer durch seine Familie? Kann er sich mit seinen neun Jahren überhaupt frei entscheiden, vegetarisch zu leben? David sagt, er mache es - seit er selbst darüber nachdenken konnte - nicht für seine Eltern, er möchte es auch selber, aus Tierliebe.
Vielleicht wird David irgendwann mit Freunden im Fast-Food-Restaurant schwach. Oder er will sich von seinen Eltern abgrenzen. Die sagen, es ist und bleibt seine Wahl. Vielleicht wird David aber auch in einer Welt aufwachsen, in der "Veggie" sein oder nicht, keine Fronten mehr im Familienleben erzeugt. Vegetarismus wird langsam zum Trend. Jedenfalls: Beim Essen bleibt die Schiebetür bei den Begemanns auch diesen Abend geschlossen.

aus der Sendung vom

Do, 27.3.2014 | 22:00 Uhr

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