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SENDETERMIN Do, 22.1.2015 | 22:00 Uhr | SWR Fernsehen

Hühnerhaltung Was ist bei Biofleisch eigentlich anders?

Bio gleich besser - für die Tiere, die Menschen, die Welt. Eine plausible Gleichung. Doch der beherzte Griff zum Bio-Fleisch bedeutet immer auch: tiefer in den Geldbeutel greifen. Lohnt sich das? Was ist anders oder besser, wenn das EU-Bio-Logo auf der Fleischpackung prangt?

Bio-Hackfleisch liegt abgepackt in einer Kühltruhe in einem Supermarkt am 07.05.2010 in Frankfurt am Main.

Hühnerleben nach EU-Bio

Grün und vertrauenserweckend, so prangt das rechteckige, aus zwölf Sternen gebildete Blatt, auf unseren Lebensmittelpackungen: Das EU-Bio-Logo. Es signalisiert: Verbraucher, hier kaufst du Bio-Qualität nach europäisch abgesegneten Richtlinien. Und mancher Verbraucher schließt daraus: Hier kaufe ich z.B. Fleisch "von glücklichen Tieren." Doch wie sieht das Tierglück nach EU-Biosiegel-Standard tatsächlich aus?
Beispiel Hühnerhaltung: 81 Tage - so viel Leben garantiert das EU-Biosiegel einem Masthuhn. Das ist immerhin oft doppelt so viel, wie bei konventioneller Haltung: Da werden Masthühner mitunter schon nach 33 Tagen geschlachtet. EU-Bio kennt allerdings keine Kinderrechte: Küken kommen, wie auch bei konventioneller Haltung aus dem Brutschrank, nicht aus dem Nest. Männliche Küken bei Legehennen werden nach dem Schlüpfen ebenso aussortiert und vergast oder geschreddert, weil ihre Mast nicht rentabel ist.

Hybridhühner mit Problemen

Auch bei Bio kommen Hybrid-Hühner zum Einsatz. Diese Züchtungen sind entweder für die Mast oder als Legehennen verwendbar - für beides sind diese spezialisierten "Turbohühner" nicht zu gebrauchen. Diese speziellen Züchtungen haben auch im Biobereich mit den bekannten Problemen zu kämpfen: Sehr schnelles Wachstum bei Neigung zu Entzündungen, sowie Kreislauf- und Gelenkerkrankungen. Tückisch ist dazu, betonen Tierschützer, dass Hybridhühner oft auf das passende Kraftfutter der Zuchtfirma angewiesen sind. Bio-Halter dürfen das aber oft gar nicht verwenden, weil bei EU-Bio chemischer Pflanzenschutz oder Kunstdünger weitgehend verboten ist, und gentechnisch verändertes Futter gar nicht verwendet werden darf. So bekommen Hybridhühner im Biobereich mitunter Futter, das zwar den Biorichtlinien entspricht, aber nicht für diese speziellen Tiere geeignet ist.

Zentimeter-geregeltes Leben

Bei EU-Bio müssen bis zu zehn Masthühner auf einem Quadratmeter leben, maximal 21 Kilo Lebendgewicht. Konventionell darf es allerdings etwa doppelt so viel sein. In einem Stall sind höchstens 4800 Bio-Tiere erlaubt. Bei konventionellen Betrieben können auch schon mal 40.000 Tiere unter einem Dach hausen. Betriebe dürfen allerdings immer noch parallel konventionell und biologisch erzeugen, der kleinere Biostall kann also auf demselben Hof wie der konventionelle Massenstall stehen.

Zerrupfte Hühner auf der Stange

Auch EU-Bio ist kein Garant für tiergerechte Haltung

Legehennen garantiert das EU-Biosiegel, bei maximal sieben Hennen in einem Nest, gerade mal 120 Quadratzentimeter Nestplatz. Bilder, die die Tierschutzorganisation "Animal Rights Watch" in großen Bio- Legehennenbetrieben drehte, zeigen eindrücklich, dass auch EU-Bio im Extremfall nichts mit tiergerechter Haltung zu tun haben muss.
Bio-Masthühner haben allerdings Anspruch auf Freilauf: Teilen sich vier Tiere einen Quadratmeter Außenfläche, genügt das fürs EU-Siegel. Freilauf muss für ein Drittel Ihrer Lebenszeit möglich sein - also für 27 Tage. Tierschützer weisen aber darauf hin, dass besonders junge Tiere sich ohne Deckung oder bei schlechtem Wetter kaum nach draußen wagen. Sind die Masthühner alt genug um den Freigang wirklich zu genießen, dann ist ihr 81-Tage Leben auch schon wieder vorbei.

Fleischqualität umstritten

Die vorbeugende Gabe von Antibiotika ist bei EU-Bio verboten. Nur im Krankheitsfall dürfen sie eingesetzt werden, bei Bio-Masthühnern nur einmal im Leben. Studien kommen zu dem Ergebnis, dass dadurch Biohühnerfleisch manchmal sogar mehr Krankheitserreger enthalten als konventionelles Fleisch. Allerdings gibt es auch eine gute Nachricht: Wegen der strikten Antibiotika-Auflagen ist das Biofleisch immerhin mit weniger Antibiotika-resistenten Keimen belastet. Aber auch hier finden sich diese Erreger überraschend oft, eventuell sind auch die Bedingungen bei Transport und Schlachtung dafür verantwortlich.
Denn das Lebensende eines EU-Biohuhns unterscheidet sich nämlich nicht von dem seiner konventionellen Artgenossen. Hinsichtlich Transport- und Schlachtungsbedingungen gibt es in der EU-Bio-Verordnung eher schwammige Richtlinien, wie z.B. das "Leiden der Tiere (…) so gering wie möglich zu halten". Dauertransport und Schlachtung in einem konventionellen Schlachtbetrieb sind daher erlaubt.

Garantierter Bio-Minimalstandard

Alles in allem wird dem EU-Bio-Huhn eben auch nur ein strikt geregeltes, kurzes Tierleben nach Zeitfenstern und Zentimetern zugestanden. Das EU-Bio-Siegel muss daher als Mindeststandard für ökologische Fleischerzeugung betrachtet werden. Das ist in etlichen Punkten besser und tiergerechter als die konventionelle Haltung, aber "Fleisch von glücklichen Tieren" wird dem Verbraucher durch das hübsche grüne EU-Blättchen auf der Verpackung (ob es ein Feigenblättchen ist, darüber kann man munter debattieren) keineswegs garantiert.
EU-Bio - statt konventionelles Billigfleisch - zu kaufen ist ein Schritt in die richtige Richtung, doch die Siegel von Anbauverbänden wie Demeter, Naturland oder Bioland garantieren bezüglich des Tierwohls striktere Regelungen.