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SENDETERMIN Do, 12.11.2015 | 22:00 Uhr | SWR Fernsehen

Tiefe Hirnstimulation Hoffnung für schwer Depressive?

Psychotherapie und Medikamente helfen gegen Depressionen - meistens zumindest. Doch bis zu 30 Prozent der Betroffenen gelten als therapieresistent. Kann ihnen ein Hirnschrittmacher helfen?

Was tun, wenn keine Therapie hilft?

Sven Wermer leidet seit Jahren an schweren Depressionen. Früher hat er als Polizist gearbeitet - doch das geht schon lange nicht mehr. Schon der tägliche Spaziergang mit dem Hund kostet enorme Kraft. Doch das ist längst nicht das Schlimmste. "Am schlimmsten ist diese Gefühllosigkeit", sagt Wermer, "diese Freudlosigkeit, Antriebslosigkeit, Interessenlosigkeit." Wermer hat Schuldgefühle. Während seine Frau arbeitet, sitzt er Zuhause und grübelt. Stundenlang. Auch die Ärzte wissen keinen Rat mehr, sagt er. Alle Therapieverfahren und die verschiedensten Medikamente hat er ausprobiert: ohne Erfolg.

Strompulse für das Gehirn

An den besseren Tagen hilft Sven Wermer seinem Sohn bei den Hausaufgaben. Für den neunjährigen Paul reißt er sich zusammen, so gut es geht. Und für ihn will er auch an einer Studie der Uniklinik Bonn teilnehmen. Dort wird eine neue Behandlungsmethode für schwer depressive Patienten getestet, denen alle anderen Therapien nicht geholfen haben: die sogenannte Tiefe Hirnstimulation. In einer mehrstündigen Operation werden dem Patienten zwei Elektroden in das Gehirn implantiert. Ein Impulsgeber im Bauchraum steuert die Elektroden, die dann regelmäßig eine bestimmte Hirnregion durch minimale Strompulse stimuliert. Bei Parkinsonpatienten wird die Methode seit langem angewandt, bei Depressionen steckt das Verfahren noch in der Erprobung. Wermer ist erst der achte Patient, der für diese Studie ausgewählt wurde.

Die Operation

Zur Vorbereitung auf die Operation wird das Gehirn von Sven Wermer bis ins kleinste Detail durchleuchtet. Der Hirnchirurg Volker Coenen will eine bestimmte Region im Gehirn stimulieren: ein Nervenbündel, das nur wenige Millimeter groß ist. Diese Struktur ist dafür verantwortlich, dass wir Freude empfinden können. "Sie gehört zum sogenannten Belohnungszentrum", erklärt Professor Coenen. Ein ganz neuer Ansatz, der Erfolg ist ungewiss. Etwa sieben Stunden wird die Operation dauern, Sven Wermer ist währenddessen bei vollem Bewusstsein. Immer wieder dokumentieren Psychologen mit standardisierten Fragen, wie es ihm geht.

Ein Finger zeigt auf ein Bild auf dem der Querschnitt eines  Gehirns zu sehen ist.

Das MRT-Bild zeigt die genaue Platzierung des Schrittmachers

"Wie würden Sie ihre Stimmung beschreiben, ist die eher gut oder schlecht", fragt die Psychologin. "Neun", antwortet Wermer. "Und haben Sie im Moment Schuldgefühle?" "Zehn." Sven Wermer soll auf einer Skala von "eins" bis "zehn" einschätzen, wie stark die verschiedenen Depressions-Symptome ausgeprägt sind. Währenddessen schiebt Volker Coenen eine hauchdünne Elektrode in sein Gehirn - Millimeter für Millimeter. Kein Gefäß, keine Hirnregion darf verletzt werden.

Ein erster Erfolg

Schließlich wird ein schwacher Strom angelegt. Jetzt läuft die erste Test-Stimulation. Die Ärzte hoffen, dass die Elektrode genau da sitzt, wo sie hin soll: im Belohnungszentrum. Und wieder fragt die Psychologin die Depressions-Symptome bei Sven Wermer ab. Stimmung und Schuldgefühle haben sich deutlich verbessert. Das ist ein erster Effekt der Stimulation. Ob er anhält, ist ungewiss. Die Ärzte sind vorsichtig, denn weltweit tragen erst sieben depressive Patienten einen Hirnschrittmacher in diesem Teil des Gehirns. "Von sieben Patienten haben sechs mit einer deutlichen Besserung angesprochen", sagt Professor Thomas Schläpfer, "drum würde ich sagen, dass auch er bei dieser Stimulation eine gute Chance hat." Doch der Psychiater weiß auch, dass eine so geringe Patientenzahl noch keine wirklich gültigen Aussagen erlaubt.

Drei Jahre später

Drei Jahre sind seit der Operation vergangen. Sven Wermer geht es deutlich besser. Alle drei Monate muss er nach Bonn zur Kontrolluntersuchung. Oft unternimmt er vorher etwas mit seiner Familie, zum Beispiel einen Besuch im Museum. Vor der Operation wäre das unvorstellbar gewesen. Die depressiven Symptome sind nicht komplett verschwunden, aber Sven Wermer nimmt wieder am Leben teil, er geht sogar wieder arbeiten. "Zur Zeit geht´s mir gut. Ich profitiere von dem Schrittmacher, und es ist alles in Ordnung." Mittlerweile haben die Ärzte eine neue Studie begonnen und fast 20 weitere Patienten operiert. Die Ergebnisse sind positiv, bei fast allen haben sich die depressiven Symptome deutlich gebessert. Doch noch immer handelt es sich bei der Tiefen Hirnstimulation um ein experimentelles Verfahren.

Eine Methode für diejenigen, denen sonst nichts hilft

Professor Schläpfer überprüft regelmäßig die Einstellungen des Hirnschrittmachers - und steuert dazu den Impulsgeber im Bauchraum an. 130 Mal pro Sekunde geben die Elektroden einen schwachen Stromimpuls ab. Wermer selbst spürt davon nichts, und doch sind die Auswirkungen enorm. Professor Schläpfer sucht die optimale Einstellung und ist dabei offenbar auf einem guten Weg. Sven Wermer kann sogar wieder lachen. Die ganze Familie ist glücklich über den Wandel. "In seinem Urlaub kam er auf die Idee, die ganze Wohnung neu zu streichen", erzählt Vera Wermer, "das wäre früher nie möglich gewesen." Auch Professor Schläpfer ist zufrieden mit seinem Patienten - und mit der neuen Methode. "Wir sind überzeugt davon, dass das Belohnungszentrum bei diesen schwer depressiven Patienten eine entscheidende Rolle spielt." Die Tiefe Hirnstimulation wird sicher niemals ein Verfahren für die Mehrzahl der depressiven Patienten werden, aber für all jene, denen sonst nichts hilft, könnte es eine Option sein - vorausgesetzt auch die nächsten Studien verlaufen positiv.