Bitte warten...

SENDETERMIN Do, 15.1.2015 | 22:00 Uhr | SWR Fernsehen

Darmforschung Hoffnung auf Heilung

Zwei Patientinnen mit schweren Darmleiden hoffen auf Heilung: Forscher der Tübinger UniKlinik testen neue Methoden um schwere Darmleiden zu heilen.

Computeranimation eines Darms mit Morbus Crohn.

Zwei Schicksale

Probiergläschen mit laktosefreien Früchte-Smoothie auf dem Tablett, ein offenes Lächeln für die Kunden im Gesicht: Lea K. ist "Ernährungsservice-Beraterin" in einem schwäbischen Supermarkt. Der Job rund ums leibliche Wohl ist für die 24-Jährige auch Herzensache, denn durch Ihre Krankheit hat sie sich intensiv damit befasst "wie sich Ernährung im Körper auswirkt".
Sie leidet an Morbus Crohn. Im Alter von 12 Jahren diagnostiziert, überschatten die Schübe der entzündlichen Darmerkrankung ihr bisheriges Leben: Die Liste ihrer Medikamente gegen Brechreiz, Bauchkrämpfe oder Durchfall ist lang.
Und dann ist da Sybille N., 61 Jahre alt, Medizinisch-Technische Assistentin an der Tübinger Uniklinik. Im Frühjahr vergangenen Jahres plagten sie plötzlich "schlimme Durchfälle, einhergehend mit Krämpfen und Fieber". Der Schnelltest ihrer Stuhlprobe ergab: Ein Bakterium hatte sich in ihrer Darmflora gefährlich ausgebreitet: "Clostridium Difficile". Rund zweitausend Menschen sterben in Deutschland jährlich an diesem Erreger.

Wundertherapie Stuhlinfusion?

Sybille N. bekam erst mal Antibiotika verordnet, um den Übeltäter abzutöten. Doch die Infektion blieb - monatelang. Nach der Antibiotikagabe hatte sie immer "ein oder zwei Tage Ruhe, dann ging es wieder los". Nichts half, erinnert sich Sybille N., langsam bekam sie es mit der Angst zu tun.
Es war ein Zufall, dass an ihrem Institut genau dieser "böse" Keim gerade ins Visier der Ärzte geraten war: Ihre Chefin, die Mikrobiologin Prof. Julia-Stefanie Frick und der Internist Prof. Martin Götz waren von einer holländischen Studie beeindruckt: Die weist bei Infektion mit "Clostridium Difficile" eine Heilungsquote von 94 Prozent aus, und zwar durch eine gewöhnungsbedürftige Methode: "Spenderstuhlinfusion". Das heißt: Der Patient bekommt Kot mit gesunder Darmflora von einer anderen Person verabreicht.

Der Erfolg der Methode - auch "Stuhltransplantation" genannt - hat sich in den Foren des Internets schon herumgesprochen: Auch Patienten mit chronischen Erkrankungen wie Colitis Ulcerosa, Morbus Crohn oder Reizdarm hoffen auf die Segnungen fremder Darmflora.

Portrait Lea K.

Patientin Lea K.: Würde eine Darmflora-Infusion auch ihr helfen?

Auch Lea K., die seit ihrer Kindheit an Morbus Chron leidet, würde alles ausprobieren, was Heilung verspricht. Vor fünf Jahren hatte sie einen lebensbedrohlichen Krankheitsschub, der sie auf die Intensivstation brachte: "Der entzündete Darm war porös, hat sich aufgelöst", erinnert sie sich. 40 Zentimenter Darm wurden ihr bei der OP entfernt. Seither geht es ihr besser. Doch besiegt hat Lea K. die Krankheit nicht. Wäre auch für Sie eine Infusion mit gesunder Darmflora die Möglichkeit, aufzuräumen mit allem, was falsch läuft in ihrem Darm?

Kotspenderin gesucht

Die Tübinger Wissenschaftler wollten die Methode nun anwenden. Allerdings bei der "Clostridium Difficile"-Infektion von Sybille N., wo die Erfolge gut belegt sind. Kotspender sollte ein naher Verwandter der Patientin sein, vor allem, weil dann der Ekelfaktor nicht so hoch ist. Sybille N. sah es pragmatisch: "Wenn es sozusagen die letzte Rettung ist - also den Strohhalm fasst man, egal wie er riecht."
Sie schildert ihrer Schwester Beate M. in Mainz ihr Anliegen. Die ist sofort mit der unkonventionellen Spende einverstanden, wenn auch irritiert: "Man kann ja alles spenden, aber dass man Kot spendet, das war mir neu."
Zuerst musste Beate M. eine Test-Stuhlprobe abliefern. Nach Untersuchungen auf Immunerkrankungen und Infektionen kam das OK: Beate M. sollte am Tag der geplanten Stuhltransplantation nach Tübingen kommen. Wichtig: Der Spenderstuhl darf nur wenige Stunden alt sein, bevor er verabreicht wird - die Darmflora muss quicklebendig sein. Beate M. aß am Sonntag Abend viele Trauben, damit sie am Montag Morgen an der Tübinger Uniklinik "auch kann".
Vor Ort lieferte sie das Gewünschte dann erfolgreich ab. Und Prof. Götz konnte loslegen, bereitete die Stuhlsuspension mit dem frischen Kot zu: Zuerst mit Kochsalzlösung verdünnen, dann filtern, bis nur noch Flüssigkeit mit dem guten Darmfloramix übrig ist.
Patientin Sybille N. hatte unterdessen abgeführt und lag im Endoskopieraum in Narkose. Das Koloskop zur Darmspiegelung fand seinen Weg in den Dickdarm, wo "Clostridium Difficile" wütet. Prof. Martin Götz flößte den Bakterienmix durch den Kanal des Koloskops ein. Beim Zurückziehen des Geräts wurde die Flüssigkeit im Dickdarm verteilt. Der Bakterienmix sollte nun die Darmflora kolonisieren und - so die Hoffnung - "Clostridium Difficile" wieder zurückdrängen. Und das klappte - sensationell gut:

Clostridium Difficile Keime im Darm

Die Stuhltransplantation gegen Clostridium Difficile Bakterien war bei Sybille N. erfolgreich.

Sybille N. war danach noch einen Tag zur Beobachtung in der Klinik, sie erinnert sich: "Mir gings von der ersten Transplantation ab gut. Und bis heute keine Probleme, alles in Ordnung!" Ein halbes Jahr Antibiotika-Odyssee hatte nichts gebracht. Aber schon eine Stuhltransplantation stutzte den aggressiven Keim auf Normalmaß zurück. Eine Wundertherapie? Vielleicht auch für chronische entzündliche Darmerkrankungen?

Schwachstelle Darmbarriere

Lea K. lebt seit ihrem 12. Lebensjahr mit den Krankheitsschüben von Morbus Chron. Was ihr helfen könnte, wird ebenfalls in Tübingen erforscht: Prof. Jan Wehkamp interessiert sich für die mikrobiotischen Austauschprozesse zwischen Darm und Körper: Vor allem, welche Rolle das bei chronischen Erkrankungen wie Morbus Crohn spielt.
Das entzündliche Darmleiden galt lange als Erkrankung des Autoimmunsystems. Wehkamp sieht als Ursache dagegen Defekte der schützenden Darmschleimhaut - wahrscheinlich auch genetisch bedingt. Bakterien der Darmflora dringen so in Schleimhaut und Körper ein. Das Immunsystem reagiert dann durchaus normal auf die Keiminvasion. Und weil die nicht abreißt, kommt es zu Dauer-Immunreaktionen - und chronischer Entzündung. Also: Nicht das Immunsystem arbeitet fehlerhaft, sondern die Darmbarriere ist das Problem. Vor zehn Jahren wurde Wehkamp für diese Theorie "auf Kongressen ausgelacht" erinnert er sich. Inzwischen sei diese Sichtweise akzeptiert. Der Forscher wurde für seine Arbeit auch schon ausgezeichnet.
Und Lea K. ist eine seiner Patientinnen. Schnelle Hilfe kann ihr aber auch Jan Wehkamp nicht bieten. Eine Stuhltransplantation, wie bei Sybille N., würde der Morbus-Crohn-Patientin nichts bringen: Nicht die Darmflora ist hier das Problem, sondern vor allem eine abwehrschwache Darmschleimhaut. Wehkamp sieht den Transplantations-Hype daher skeptisch: Heilpraktiker bieten das zwar für viel Geld an, doch es nutzt wohl nichts, denn bei Morbus Crohn oder Colitis Ulcerosa, "ist es nicht das eine Bakterium, das rausgedrängt werden muss".
Außerdem könne eine unmotivierte Stuhltransplantation mehr schaden als nutzen: So richtig wissen die Forscher - trotz aller Tests - noch nicht, was fremde Darmflora alles auslösen kann: Neigungen zu Fettleber, Autoimmunerkrankungen, oder auch psychischen Erkrankungen könnten mit übertragen werden. Also: Die Darmflora hat‘s in sich! Klarer Nutzen einer Übertragung ist bisher nur bei "Clostridium Difficile"-Infektion nachgewiesen.

Hoffnung auf körpereigene Antibiotika

Bei seiner Morbus-Crohn-Forschung verfolgt Jan Wehkamp einen anderen Ansatz: Nämlich das Abwehrsystem des eigenen Körpers zu stärken. Sein Team ist fokussiert auf körpereigene Antibiotika, die in der Darmschleimhaut sitzen. Diese "Defensine" stärken die Darmbarriere, das Bollwerk zwischen Darm und Körper. Sie bilden sogar netzartige Strukturen, mit denen sie schädliche Keime quasi einfangen und neutralisieren können. Ein System, das schon bei Dinosauriern funktionierte, so Wehkamp: "Und das spricht dafür, dass etwas richtig gut ist, wenn sich das in mehreren Millionen Jahren nicht verändert hat."
Die Kraft der Defensine - steckt darin eine Therapie gegen Morbus Crohn? Eine neue Maschine am Institut soll dabei helfen: Mit einem Massenspektrometer - eine halbe Million Euro teuer - will Jan Wehkamp noch mehr dieser schützenden Darm-Antibiotika aufspüren.
Seine Hoffnung ist, so zu einer Therapie zur Stärkung der Darmbarriere zu gelangen: So könnte bei Lea K. die Ursache von Morbus Crohn behandelt werden - statt mit OPs oder Medikamenten immer nur auf Symptome und Krankheitsschübe zu reagieren. Auch wenn das noch dauern wird: In Tübingen rumort es jedenfalls in der Darmforschung.