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SENDETERMIN Do, 6.2.2014 | 22:00 Uhr | SWR Fernsehen

Sportmedizin Hilft Sport so gut wie Medikamente?

Sport ist Mord? Im Gegenteil - er kann bei bestimmten Krankheiten sogar genauso gut helfen wie Medikamente. Das zeigt zumindest eine Studie mit über 300.000 Patienten. Aber kann ein adäquates Sportprogramm Arzneimittel tatsächlich vollständig ersetzen?

Hilft Sport so gut wie Medikamente?

Dem Diabetes davonlaufen

Seit fünf Jahren geht Renate Diessner kaum noch ohne Sporttasche aus dem Haus. Die Rentnerin ist schon seit Jahren Typ-2-Diabetikerin. Lange bekam sie ihren Blutzucker nicht in den Griff, ihr Arzt kündigte ihr an, sie werde an Insulinspritzen nicht vorbeikommen. Doch Renate Diessner fasste einen Entschluss: Statt sich von Spritzen abhängig zu machen, wollte sie ihrem Diabetes buchstäblich davonlaufen. Einmal die Woche tut sie das nun - zusammen mit rund 15 anderen Diabetikern unter professioneller Anleitung. Lauf- und Ausdauerspiele sowie Krafttraining gehören zum Programm. Die gezielte und regelmäßige Bewegung soll die Muskelzellen animieren, wieder Zucker aufzunehmen.

Prof. Gerhard Huber hat die Sportgruppe für Altersdiabetiker im Jahr 2000 an der Universität Heidelberg gegründet. Der Sportmediziner wollte die Auswirkungen des regelmäßigen und professionell geleiteten Trainings auf Psyche und Blutzucker von Diabetikern untersuchen. Die Ergebnisse waren so überzeugend, dass die Gruppe bis heute besteht, obwohl die Studie längst abgeschlossen ist.

Auch bei Renate Diessner zeigte die regelmäßige Bewegung Wirkung: Statt wie angedroht Insulin spritzen zu müssen, konnte sie die Dosis ihres Antidiabetikums sogar verringern. Insulinpflichtig ist sie bis heute nicht. Prof. Huber überrascht das keineswegs. Die enormen rehabilitativen Potenziale von Bewegung seien seit Jahren bekannt. Sie kämen in der medizinischen Praxis aber kaum an.

Sport kann so gut wirken wie Pillen

Sport kann im Anfangsstadium bestimmter Krankheiten genauso gut wirken wie gängige Medikamente, ergab eine Untersuchung mit mehr als 300.000 Patienten, veröffentlicht im Fachmagazin British Medical Journal. Die Wissenschaftler hatten die Sterblichkeitsraten bei vier weitverbreiteten Krankheiten untersucht. Ihr Ergebnis: Bei der koronaren Herzkrankheit und nach einem Herzversagen wirkt Sport genauso gut wie Medikamente, nach einem Schlaganfall sogar besser.

Fuß auf Ball in Turnhalle

Hilft Sport bei Diabetes, Herzversagen und Schlaganfall?

Doch die Ergebnisse stehen auf wackligen Füßen. Denn in die Metastudie gingen viel mehr Untersuchungen zum Effekt von Medikamenten ein als zur Wirkung von Sport. Warum sollten Pharmaunternehmen auch Interesse daran haben, Studien zu finanzieren, die das eigene Medikament womöglich als überflüssig enttarnen?

Sporttraining muss individuell angepasst sein

Wie gut Sport bei Herzkreislauf-Erkrankungen und Bluthochdruck hilft, untersuchen Sportmediziner der Uni Mainz in einer Studie. Um individuelle Trainingsempfehlungen zu geben, setzen Prof. Perikles Simon und sein Mitarbeiter Björn Sterzing auf Belastungstests und Körperanalysen. "Genauso wie ein Internist sich überlegt, wie er den Bluthochdruck senkt mit seinem ganzen Arsenal an Medikamenten, haben wir unser Arsenal an Sportmöglichkeiten", erklärt Sportmediziner Simon. Das Wichtigste dabei sei immer, dass der Patient sich wohlfühlt und die Übungen gut umsetzen kann.

Die ersten Studienergebnisse aus Mainz zeigen: Je intensiver die sportmedizinische Beratung, desto besser die Fortschritte der Patienten. Denn auch beim Sport kommt es auf die Dosis an. Doch die optimal einzustellen, ist oft schwer. Bei vielen Patienten kommen zu ihrer Krankheit orthopädische Probleme hinzu oder Altersdiabetes und Bluthochdruck treten gemeinsam auf. Solche Patienten rein sportmedizinisch zu behandeln, sei meistens nicht möglich, sagt Prof. Simon. Medikamente durch Sport zu reduzieren oder zu verhindern, dass überhaupt Medikamente eingenommen werden müssen, sei ein schöner Erfolg, sagt Simon. Aber das Risiko eines Patienten so weit zu senken, dass er gar kein Medikament mehr einnehmen muss, stoße schnell an die Grenzen der Sportmedizin.

Sport als gute Ergänzung zur Therapie

Für viele Patienten ist Sport deshalb zwar gut, aber eben kein Allheilmittel. Was sich in der Theorie einfach anhört, kann in der Praxis schmerzhaft sein. Das optimale Rezept heißt für viele: Sport und Medikamente. Ärzte empfehlen dies zwar bereits, aber ohne professionell geleitetes Training oder individuellen Leistungscheck bringt es Patienten wenig. Wer also die Wahl hat, sollte Bewegung als ergänzende Therapieform berücksichtigen. Sicher ist das anstrengender als einfach eine weitere Pille zu schlucken - hat aber auch sicher weniger unerwünschte Nebenwirkungen.