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SENDETERMIN Do, 7.3.2019 | 21:00 Uhr | SWR Fernsehen

Psychische Belastung Hilfe für pflegende Angehörige

Überforderung ist messbar: Pflegende Angehörige leiden öfter unter Rückenschmerzen und Stress. Eine Psychotherapie kann helfen. Davon profitieren alle.

Wer Angehörige pflegt, hat ein besonders erhöhtes Risiko für Stress oder gar psychische Belastungen wie Burnout und Depression. Das legen Studien nahe. Auch der jüngste Pflegereport der Barmer liest sich alarmierend: 55 Prozent der pflegenden Angehörigen leiden unter Rückenschmerzen, 49 Prozent unter psychischen Störungen.

Dies betrifft vor allem Pflegende mit hohem Betreuungsumfang, die viele Stunden am Tag für ihren Angehörigen da sind. Sie beschreiben ihren allgemeinen Gesundheitszustand überdurchschnittlich häufig als »nicht gut«. Doch das ist eine subjektive Aussage. Ist die Belastung, die die Pflege eines nahestehenden Menschen mit sich bringt, aber auch messbar?

Psychologische Hausbesuche

Wissenschaftler am Zentrum für psychische Gesundheit im Alter (ZgpA) wollten das herausfinden und schauten sich eine besonders belastete Gruppe an: pflegende Angehörige von Demenzkranken. So wie Friederike Böttcher aus Mainz. Sie sitzt neben ihrem Mann Ernst am Esstisch. Vor ihnen Formulare, darauf eine Skala: Wie gestresst fühlen sich beide? Von 0 bis 100 können sie ihr persönliches Stressempfinden eintragen. Ernst Böttcher zögert. Er ist an Demenz erkrankt, immer öfter vergisst er Dinge. „Ein bisschen schon“ antwortet er schließlich, den Stift über die Stress-Skala schweifend. „Ja so 60 vielleicht“ überlegt er laut.

Auch das eine subjektive Aussage - doch sie spiegelt sich in Biomarkern. Ein Wissenschaftler vom ZpgA sitzt am Esstisch der Böttchers dabei. Neben dem persönlichen Stressempfinden nimmt er nun Haar- und Speichelproben der Böttchers. Im Labor werden sie auf das Stresshormon Cortisol untersucht - beide: die Pflegende und der Gepflegte. Es ist den Forschern wichtig, sie als Einheit zu betrachten.

Dr. Alexandra Wuttke-Linnemann ist psychologische Psychotherapeutin am ZpgA und hat eine Schlüsselfunktion in der Studie: Sie kommt zu sechs Hausbesuchen, berät und begleitet die pflegenden Angehörigen, hört ihnen zu. Was profan klingt, ist leider eine Seltenheit: Pflegeberater der Krankenkassen sind in der Regel nicht psychologisch ausgebildet. Hilfe gibt es in Sicherheits- und Bürokratie, nicht aber in Lebensfragen.

Ein Altenpfleger hält die Hand einer pflegebedürftigen Frau

Ein Altenpfleger hält die Hand einer pflegebedürftigen Frau

Hilfe für Angehörige hilft indirekt auch Pflegebedürftigen

Die Frage lautete nun: Wie wirkt sich der Stress des einen auf den anderen aus? Wenn der pflegende Angehörige psychologisch unterstützt wird - wie kommt das der pflegebedürftigen Person zugute? Die Ergebnisse der Studie:

  • Der tatsächlich messbare Stress, also der Cortisolspiegel blieb zwar bei den pflegenden Angehörigen konstant hoch und sank auch nach der psychologischen Hilfe nur gering.
  • Ihr subjektives Stressempfinden aber sank deutlich.
  • Das kam wiederum den Demenzpatienten zugute: Nach Ende der Studie hatte sich der positive Effekt bei den Angehörigen aber vor allem auf die Pflegebedürftigen messbar ausgewirkt. Ihr Cortisolspiegel war deutlicher gesunken als der der Angehörigen.

„Wenn wir anfangen, diesen Menschen zu helfen, tun wir auch etwas für die Patienten. Denn je besser es den pflegenden Angehörigen geht, desto besser kann auch der Mensch mit Demenz versorgt werden,“ sagt Dr. Alexandra Wuttke-Linnemann vom ZpgA.

Gestörte Aufwachfunktion

Bei den pflegenden Angehörigen fiel ihr außerdem ein Phänomen auf: Alle Probanden sollten selbst sechs Mal am Tag eine Speichelprobe von sich nehmen. Die erste direkt nach dem Aufwachen. Dann nämlich schüttet ein gesunder, unbelasteter Mensch besonders viel Cortisol aus. Eine natürliche Reaktion des Körpers mit einer bestimmten Funktion: So mobilisiert er seine Energie für den Tag.

Bei den pflegenden Angehörigen aber gab es keinen solchen Cortisol-Peak zum Tagesbeginn. Das entsprach ihrer Verfassung: Es gelang ihnen nicht mehr, ihre Kräfte für den anstehenden tag zu mobilisieren. Nach Ende der Studie - also nach der therapeutischen Hilfe - war die Kurve aber wieder da. Die Böttchers und viele andere Paare konnten also messbar von der psychologischen Hilfe profitieren. Die Regel ist sie trotzdem nicht.

Es ist okay, sich Hilfe zu suchen

Hausbesuche sind im Rahmen von Studien, nicht aber flächendeckend möglich, ambulante Therapieangebote scheitern oft daran, dass Pflegende nicht von zu Hause wegkommen. Genau die musste man als pflegender Angehöriger bis zum 01.01.2019 aber nachweislich beantragt haben, bevor man bei seiner Krankenkasse beispielsweise auf die Bewilligung einer Kur hoffen konnte.

Seit diesem Jahr haben sich die Regeln geändert – jetzt können pflegende Angehörige auch dann eine solche Kur beantragen, wenn ambulante Angebote nicht ausgeschöpft sind. Neben den üblichen Angeboten für Körper und Seele gibt es beispielsweise verhaltenstherapeutische Gesprächskreise, in denen Pflegende lernen, für sich selbst zu sorgen, und dass es okay ist, Hilfe anzunehmen. Denn diese banale Wahrheit müssen viele erst lernen, für sich anzunehmen. Meist kommen die Pflegenden allein in die Rehaklinik, denn sie sollen ja Abstand gewinnen und endlich Zeit für sich haben.

Ihr pflegebedürftiger Angehöriger wird für die Zeit in Kurzzeitpflege versorgt, manche Rehakliniken kooperieren mit entsprechenden Einrichtungen. Manche Rehakliniken nehmen den Pflegebedürftigen auch mit auf. Speziell auf pflegende Angehörige zugeschnittene Kuren gibt es deutschlandweit aber eher selten. Von aktuell 1142 Rehaeinrichtungen hatten laut einem Gutachten aus dem Jahr 2014 gerade mal 31 ein spezielles Konzept. Eine Versorgungslücke, an deren Schließung auch die Kranken- und Pflegekassen interessiert sein sollten. Schließlich würde das Gesundheits- und Versorgungssystem ohne pflegende Angehörige sofort zusammenbrechen.