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SENDETERMIN Do, 24.5.2018 | 22:00 Uhr | SWR Fernsehen

Kräuterkunde Hildegard von Bingen

Sie ist bis heute die leuchtende Marke der Klostermedizin. Doch manche ihrer Ratschläge sehen Experten heute kritisch.

Vom Papst geehrt

Gleich vorneweg, Hildegard von Bingen gehört zu den faszinierendsten Frauen und Theologinnen des Mittelalters und hat wichtige und wirkungsvolle Werke hinterlassen. Bekannt wurde sie zu Ihrer Zeit aufgrund einer bemerkenswerten theologisch-philosophischen Schrift, die sogar vom Papst gewürdigt wurde, dem Liber Scivias (Wisse die Wege). Nebenbei war sie Komponistin und auch Äbtissin ihres eigenen Klosters. Daher verfügte sie selbstverständlich auch über das pharmazeutische Wissen ihrer Zeit und hielt dieses in mehreren Bänden fest – von denen keiner mehr im Original erhalten ist. Forscher vermuten, dass die Texte bei der Abschrift später ergänzt wurden.

Auferstehung als Kräuter-Hilde

Hildegards Wiederentdeckung als Kräuter-Medizinerin geht zunächst auf den Medizinhistoriker Heinrich Schipperges zurück, der ihre Werke ins Deutsche übersetzt hatte. Den österreichischen Arzt Josef Hertzka begeisterten ihre medizinischen Schriften so sehr, dass er in den 1970er Jahren den Begriff der Hildegard-Medizin prägte. Der Startschuss für den Hildegard-Boom in den folgenden Jahrzehnten. Der Medizinhistoriker Johannes Gottfried Mayer leitet die Forschungsstelle Klostermedizin an der Universität Würzburg und ist auch ein Verehrer Hildegards Schriften, nur an manchen Stellen hat er so seine berechtigten Zweifel. „Dass ganz tolle Anweisungen und Dinge, mit dem man sich wirklich vergiften kann, direkt nebeneinander liegen, das ist das Problem bei Hildegard. Zum Beispiel zur Stärkung regelmäßig viel Maiglöckchenblätter zu essen, kann man heute beim besten Willen nicht empfehlen.“ Klar, denn Maiglöckchen sind giftig.

Eine Pflanze – viele Krankheiten

Trotz der Skepsis ob ihrer Rezepte und Ratschläge, könne man dennoch einiges von ihr und den anderen Quellen des Mittelalters lernen, sagt Johannes Gottfried Mayer. „Wir haben heute die Anwendung der Arzneipflanzen auf ganz wenige Gebiete eingeschränkt. Das Mittelalter ist genau umgekehrt vorgegangen. Das hat versucht, die Pflanzen, die einmal für etwas wirksam waren auch für möglichst viele andere Leiden einzusetzen.“ Im heutigen Medizinjargon würde man das als Indikationserweiterung bezeichnen: wenn man also ein Medikament nicht nur für die eine Krankheit verwendet, für die es einmal zugelassen wurde, sondern untersucht, wogegen es noch helfen könnte.

Tee bringt wenig

Lernen kann man auch von der Anwendungsform. „Wir machen heute Kamillen-, Salbei- oder Thymiantee. Das hat man in der Klostermedizin ganz selten gemacht.“ Das heiße Wasser löst einfach zu wenige Wirkstoffe. Vielmehr hat man die Pflanzen in Wein oder Milch eingelegt, denn so lösen sich die ätherischen Öle besser. Dazu hat er ein Hildegard-Zitat parat: „Und wer in der Kehle krank ist, der koche Andorn in Wasser, und er seihe jenes Wasser durch ein Tuch, und er füge zweimal so viel Wein bei, und er lasse es nochmals in einer Schüssel aufkochen unter Beigabe von genügend Fett, und so trinke er es oft, und er wird in der Kehle geheilt werden.“