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SENDETERMIN Do, 9.4.2015 | 22:00 Uhr | SWR Fernsehen

Hochleistungsmedizin Hightech-Medizin und Sterben in Würde - geht das?

Jeder Patient kann zu Recht erwarten, dass Ärzte alles für ihn tun, damit er am Leben bleibt. Die Hightech-Medizin macht vieles möglich, doch sie birgt auch ein Dilemma. Verlängert sie in vielen Fällen nicht das Leben, sondern das Sterben? Wann ist es genug?

Ein Arzt prüft mit einem Stethoskop Atemgeräusche eines liegenden Patienten.

In der Chirurgie der Uniklinik Mainz wird eine Lebermetastase entfernt. An diesem Morgen führt Oberarzt Bernd Heinrich den Eingriff per Endoskop vor. Auf dem Monitor das Bild der Endoskopkamera: Biss für Biss trennt Heinrich mit der Ultraschallschere die Metastase von der Leber ab. Anderthalb Stunden sind bereits im OP-Saal vergangen, als die Wucherung in einem Beutel verpackt sicher aus dem Körper des 62-jährigen Patienten entnommen wird. Uwe Walter bekommt von alledem nichts mit. Er liegt in tiefer Narkose. Es ist nicht seine erste Operation. Der Krebs hatte zunächst seinen Enddarm angegriffen, dann musste im November eine Metastase aus der Lunge entfernt werden, bevor es dieses Mal die Leber betroffen hat. Die Chance, dass es die letzte Metastase war, steht schlecht.

Nach der Operation wird Uwe Walter zur Sicherheit auf die Intensivstation der Uniklinik verlegt. "Alles okay?", fragt ihn Schwester Soraya, sobald er ansprechbar ist, "haben Sie Schmerzen?". "Ja, ein bisschen", gibt er zu. Schwester Soraya erklärt, wie er sich per Knopfdruck selbst Schmerzmittel verabreichen kann. Auch Christian Blessing ist bei ihm. Als leitende Pflegekraft muss er sich nicht nur um Menschen kümmern, sondern auch die Apparate überprüfen. Die Patienten hier werden von modernster Technik überwacht. Während Walter wohl bald wieder nach Hause gehen kann, müssen andere Patienten beatmet und mit Infusionen am Leben gehalten werden, die ständig Nahrung, Flüssigkeit und Medikamente in den Körper pumpen. Wenn keine Hoffnung mehr auf Heilung besteht, stellt sich die Frage, ob der ungeheure medizinische Aufwand einen würdevollen Tod unmöglich macht. Verlängert die Hightech-Medizin in vielen Fällen nicht das Leben, sondern das Sterben? Christian Blessing macht sich darüber viele Gedanken: "Wenn man sieht, man kann dem Patienten nicht mehr helfen, dann kann es auch sein, dass die Zielsetzung eine andere wird, dass er sterben darf. Und das sollte er auch in Würde machen." Er ist sich sicher, das hier auch ermöglichen zu können, dank der richtigen Schmerztherapie. Doch ist "würdevolles Sterben" auch in einer Umgebung möglich, wo alles darauf ausgerichtet ist, den Tod abzuwenden, anstatt ihn anzunehmen? Wo Überwachungstechnik den Patienten umgibt und nicht ein Kreis von Angehörigen?

"In Würde gehen"

Der Palliativ-Psychologe Jan Gramm befasst sich intensiv mit der Frage, was "würdevolles Sterben" bedeutet. Mit Brunhilde Hanke, die ebenfalls an Krebs erkrankt ist, führt er ein Programm durch, dass er "Würde-Therapie" nennt. "Es geht darum, dass so etwas wie die Essenz der Persönlichkeit erfasst wird, und dass eine Hinterlassenschaft generiert wird. Dass etwas in Schriftform gefasst wird und das kann man den Nachkommen dann auch aushändigen." Es ist eine spezielle Form der Sterbebegleitung, die unheilbar Erkrankten helfen soll, versöhnt aus dem Leben zu gehen. Nicht die letzten Wochen und Monate Krankheit sollen die Erinnerung bestimmen, sondern das ganze Leben.

Die 75-jährige Frau erzählt von ihrer Kindheit und schildert die schwierigen Bedingungen der Nachkriegszeit. Aber sie betont: "Mir ist es dennoch gelungen, mein Leben lang auf eigenen Füßen zu stehen, was für meine Generation nicht selbstverständlich war." Brunhilde Hanke weiß schon als junge Frau, dass sie Krankenschwester werden will und begleitet in den sechziger Jahren die Anfänge der Intensivstationen, sieht den medizinischen Fortschritt und wird leitende Oberschwester. Heute kann sie auf 45 Jahre Berufserfahrung zurückblicken, die meiste Zeit davon hat sie auf Intensivstationen gearbeitet. Nun ist sie unheilbar krank. Doch als Zeugin des Siegeszugs der Hightechmedizin hat sie sich entschlossen, auf keinen Fall im Krankenhaus zwischen Infusionen und Überwachungstechnik zu sterben. Sie glaubt: "In dieser Beziehung ist es ganz gut, wenn man das von der anderen Seite her kennt. Ich glaube, dann kann man besser Nein sagen."

Wunderbar verrückte Behandlungsverläufe

In der Uniklinik Mainz soll Patient Uwe Walter umgelagert werden, um ein Wundliegen zu verhindern. Pflegechef Blessing und seine Mitarbeiter versuchen alles, damit es den Patienten auf der Intensiv-Station so gut wie möglich geht. Doch die Gefahr, dass Patienten übertherapiert werden, ist real. Nach einer Studie der Universität Basel geben 86 Prozent der Pflegekräfte an, solche Fälle auf ihrer Station erlebt zu haben. Das Problem, so Christian Werner, Chef der Anästhesiologie und damit auch der Intensiv-Medizin an der Mainzer Uniklinik, liege in der richtigen Prognose. "Weil man sich an diesen einzelnen oder den anderen Fall erinnert, der wieder etwas wurde, der zu einer Lebensqualität zurückgeführt werden konnte, obwohl man für sein Leben eigentlich keinen Pfifferling mehr geben mochte." So seien Vorhersagen über den Behandlungsverlauf immer schwierig. "Und das ist wunderbar, das zu erleben. Auf der anderen Seite verunsichert es, beim nächsten Patienten eine Prognose zu stellen, die vielleicht ungünstig ist."

Über das Ende selbst bestimmen

Zwei Tage nach seinem letzten Besuch, klopft Palliativ-Psychologe Jan Gramm erneut an die Tür von Brunhilde Hanke. Heute möchte er mit ihr das "Dokument" durchgehen, in dem er das Interview verschriftlicht hat. "Das ist jetzt vorerst das fertige Werk. Aber das lese ich ihnen ja heute erst nochmal vor und vielleicht gibt es ja dann noch ein paar Ergänzungen." Er beginnt mit dem Motto auf der Titelseite: nicht unterkriegen lassen, egal was kommt. "Das ist gut", stimmt Hanke zu, "das kann so stehen bleiben."

Die Möglichkeit selbständig Entscheidungen treffen zu können, war für Brunhilde Hanke stets besonders wichtig. Das Leben selbst steuern. Dieses Prinzip will sie auch am Ende nicht aufgeben - mit allen Konsequenzen. "Ich will das auch so hinkriegen, dass ich so sterbe. Dass ich das selbst bestimmen kann. Deswegen bin ich auch aus dem Krankenhaus weg und wieder hierhergekommen. Das gehört auch zum Leben dazu. Nicht nur der Anfang, auch das Ende."

aus der Sendung vom

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