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SENDETERMIN Do, 9.1.2014 | 22:00 Uhr | SWR Fernsehen

Von Stents und Bypässen Herzmedizin in der Kritik

Wer an einer sogenannten Verkalkung der Herzkranzgefäße leidet, erhält oft einen Stent, um einen Herzinfarkt zu verhindern. Doch diese Methode ist nicht besser als eine Behandlung mit ASS, Betablockern oder anderen bewährten Medikamenten.

Eine Operation am Herzen.

Stents in der Kritik

Im Vergleich zur großen Herz-OP erscheint dieser Eingriff fast wie ein Kinderspiel. Über einen kleinen Schnitt in der Leiste taucht der Katheter in eine große Blutader ein und wird in Richtung Herz geschoben. Per Katheter spritzt der Arzt Kontrastmittel in die Herzkranzgefäße. Dadurch kann er sehen, wo die Engstelle ist, die dem Patienten Herzschmerzen bereitet. Dort wird der Stent hinein geschoben und aufgedehnt.

Das Verfahren scheint auf den ersten Blick genial. Doch bei näherer Betrachtung ist der Ertrag dieser Technik nur gering, sagt Prof. Erland Erdmann: "Mit dem Stent kann man das verengte Gefäß aufdehnen." Habe ein Patient Schmerzen, weil ein Herzkranzgefäß verengt ist, ließen diese Beschwerden sich so beseitigen. Doch es sei unwahrscheinlich, dass die Patienten deshalb länger lebten. "Wenigstens gibt es keinen Hinweis darauf, dass man die Leute mit einem Stent länger leben lassen kann", sagt der Kardiologe.

Das belegt jetzt eine große Studie zur Stentimplantation, an der über 7.000 Menschen teilgenommen haben. Untersucht wurde, wie viele der Patienten danach den Tod durch Infarkt starben. In der Gruppe, die den Stent und die Medikamente bekamen, starben nach vier Jahren 8,9 Prozent. In der Gruppe, die nur Medikamente bekam, starben 9,1 Prozent. Der winzige Unterschied verschwindet im statistischen Rauschen.

Unsinnig: Stents zur Vorbeugung von Herzinfarkt
Werden Kardiologen jetzt weniger Stents setzen? "Ich glaube, die Zahlen werden ein bisschen zurückgehen", sagt Erdmann. "Wir stenten heute praktisch nicht mehr prophylaktisch, sondern nur noch bei Patienten, die tatsächlich Beschwerden haben - und das ist auch richtig so." Aber Prof. Erdmann hat auch Bedenken: "Die Frage ist natürlich, ob das auch alle Ärzte verstehen." Darin schwingt deutlich die Annahme mit, dass einige Kardiologen weiter prophylaktisch stenten werden. Einfach, weil es ein gutes Geschäft ist.

Kardiologe Erdmann hat das unsinnige Stenten zur Vorsorge gegen Herzinfarkt aufgegeben. Bei Schmerzpatienten kann es dagegen sinnvoll sein. Und auch bei hochbetagten Menschen setzt der Mediziner Stents noch ein, weil der wenig belastende Eingriff Vorteile gegenüber einer Herz-OP hat.

Bypass: großer Aufwand, aber lange Wirkung
Manchmal geht es nicht ohne Herz-OP. Wenn Herzgefäßen stark verengt oder ganz verschlossen sind, kann eine Bypass-OP angezeigt sein. Bei dieser Herzoperation ist der Aufwand deutlich größer. Hier operieren zwei Chirurgen am offenen Brustkorb. Das Herz wird stillgelegt. Die Herz-Lungenmaschine pumpt das Blut und übernimmt die Versorgung des Körpers mit Sauerstoff. Adern für die Bypässe, die Überbrückungen der Engstellen, werden aus einem Bein des Patienten heraus präpariert und dann als Umleitungen für das Blut auf die Herzkranzgefäße genäht. Die Operation kann einige Stunden dauern, und der Aufwand ist riesengroß.

OP-Tisch mit mehreren Ärzten und Schwestern

Adern für die Bypässe werden aus einem Bein des Patienten herausoperiert.

Das sieht auch Prof. Thorsten Wahlers, Chef der Kölner Herzchirurgie. Aber im Gegensatz zu Stents, die schon bald wieder zuwuchern, hilft ein Bypass über viele Jahre. "Wir haben Durchgängigkeitsraten für die sogenannten Vorderwandarterien, die bei 95 bis 97 Prozent nach fünf Jahren liegen." Und nur ein ganz geringer Teil von den Patienten - zwischen fünf und acht Prozent müsse noch einmal behandelt werden.

Die Reparaturtechniken der Herzmediziner retten fraglos Leben. Doch über eins sollte man sich im Klaren sein: All diese Eingriffe heilen nicht. Ein angeschlagenes Herz-Kreislauf-System wird durch diese Operationen nicht wieder gesund. Die betroffenen Patienten haben dennoch ein hohes Risiko, einen Infarkt zu erleiden.

Eine Änderung des Lebensstils hilft Herzpatienten
Kardiologe Erdmann ärgert sich vor allem, dass viele Patienten die Verantwortung für ihre Gesundheit auf den Reparaturbetrieb der Herzmedizin abwälzen wollen. "Wir haben sehr viele Patienten, die zu uns kommen mit einer Angina Pectoris. Wir geben diesen Patienten einen Stent, und sie ändern ihre Lebensweise nicht. Das heißt, sie nehmen kein Gewicht ab und sie hören nicht mit dem Rauchen auf. Das ist die falsche Einstellung. Diese Patienten können selber viel mehr dazu beitragen, dass sie gesund sind, wenn sie gesund leben."

Auch für das Gesundheitssystem wäre das ein Segen: Ein großer Teil des aufwendigen und häufig fragwürdigen Reparaturbetriebs der Herzmedizin würde dann gar nicht mehr gebraucht.