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SENDETERMIN Do, 11.9.2014 | 22:00 Uhr | SWR Fernsehen

Medizinpsychologie Herzen beim Heilen helfen

Erwartungen, mit denen Patienten in eine Operation gehen, haben Einfluss auf den Heilungsverlauf - das belegen Studien. Nun versuchen klinische Psychologen Patientenerwartungen gezielt positiv zu beeinflussen, um die Selbstheilungskräfte zu stärken.

Wenn Stress das Herz krank macht

Aufklärung vor der OP

Die Nervosität, das mulmige Gefühl ist ihm anzusehen: Georg W. am Tag vor seiner Herzklappen-Operation. Im Flur der Marburger Herzklinik wartet der 67-Jährige zusammen mit seiner Frau Elke: Sie haben einen Termin für das Aufklärungsgespräch zur OP. "Da muss man durch", bemerkt der pensionierte Vermessungstechniker knapp. Und seine Frau seufzt, auf ihr laste "ein enormer Druck". Sie hofft, nach dem Gespräch wird es ihr besser gehen, weil sie dann besser Bescheid weiß. 

Für den Herzchirurgen Dr. Marc Irqsusi sind solche Aufklärungsgespräche Alltagspflicht. Er führt das Paar in das vorbereitete Patientenzimmer. Georg W. ist seit einem Jahr sehr kurzatmig, Wasser sammelt sich in seinem Herz an. Seine verkalkte Herzklappe muss ersetzt werden. Dr. Irqsusi erklärt sachlich: "Wir würden die Haut oberhalb des Brustbeins öffnen. Das Brustbein mit einer ganz speziellen Säge durchtrennen…" So geht es weiter: Das Herz höre auf zu schlagen, "hat Urlaub", die Herz-Lungen-Maschine übernehme dann. Schließlich klärt er Georg W. noch über Risiken und mögliche Komplikationen auf, schlimmstenfalls die winzige Wahrscheinlichkeit, die OP nicht zu überleben. 20 bis 30 Minuten pro Patient sind für dieses Gespräch eingeplant. Die Wetters fragen mitunter nach, doch das Ganze ist vor allem ein Arztmonolog. Der Patient und seine Frau müssen einiges verkraften.

Nach dem Gespräch atmet Georg W. erstmal tief durch: Beruhigend findet er vor allem, dass der Eingriff "heute richtig zur Routine geworden ist, dass es auch gute Maschinen gibt, die das mitsteuern." Routine mit guten Maschinen, das macht Hoffnung. Doch hängt das Gelingen nur von der Technik ab?

Erwartungen beeinflussen Heilung

Medizinpsychologen sehen da auch ganz andere Faktoren: Es gibt Hinweise, dass Erwartungen der Patienten - ihre Hoffnungen und Ängste - den OP-Erfolg und die Heilung beeinflussen können.

Portrait von Prof. Rainer Moosdorf

"Lebensperspektiven unterstützen die Heilung"

Der Chef der Herzklinik, Professor Rainer Moosdorf, ist zu Hause in der Welt der Menschenreparatur. Auch er weiß, Heilung - gerade am Herzen, dem gefühlten Lebenszentrum - hängt nicht nur am präzisen Eingriff. Der Kopf hilft heilen: Jeder Patient, so Moosdorf, verbinde ja mit einer so großen Operation auch eine Erwartung, möchte irgendwas wiederhaben was ihm momentan verloren gegangen ist: "Leistungsfähigkeit, vielleicht Sport treiben, vielleicht mit den Enkelchen spazieren gehen. Ich glaube", so der Herzchirurg, "wenn man ihm diese Perspektiven in einer besonderen Form klarmacht, dass das schon helfen kann."

Heilen Herzen besser, wenn Patienten zuversichtlicher unters Messer gehen? Helfen ihnen konkrete Ziele und Perspektiven? Diese Frage sollte an der Marburger Uniklinik durch eine Studie beantwortet werden: Herzklappenpatienten wurden vor ihrer OP intensiv psychologisch betreut, weit über den Rahmen eines Aufklärungsgesprächs hinaus. Experten von der klinischen Psychologie der Uniklinik planten die Studie.

Den Blick des Patienten verändern

Dr. Bettina Doering und ihre Kollegen nahmen sich richtig viel Zeit für ihre Versuchs-Patienten: Deren Gesundheitszustand und Lebenssituation wurden vorab genau erfasst: In den Wochen vor der OP gab es dann längere Therapiesitzungen plus Telefongespräche; ebenso nach dem Eingriff.

Das alles mit dem Ziel, das Denken und Fühlen der Patienten mit Blick auf diesen großen Lebenseinschnitt zu verändern. Studien, so Dr. Doering, belegten bereits, dass die Art und Weise, wie ein Patient auf die Operation vorbereitet wird, "einen ganz wichtigen Anteil am Behandlungserfolg hat". Diese Ergebnisse wollen sie in ihrer Studie weiter verfolgen: "Was wir nicht wissen, ist: Können wir diese Erwartungen beeinflussen." Und das, so die Marburger Psychologin, sei der der Ausgangpunkt für dieses Projekt: "Der Versuch, bei Patienten positive realistische Erwartungen in Bezug auf die Operation aufzubauen".

Eine Hand mit Kugelschreiber füllt einen Plan aus

Selbstheilung durch realistisch-positive Erwartungen?

Die Therapeuten hörten ihren Versuchspatienten genau zu, legten mit Ihnen konkrete Ziele und Perspektiven für das Leben nach der OP fest. Realistisch-positive Erwartungen, so die These, stimulieren Selbstheilungskräfte: Von besserer Wundheilung bis hin zu mehr Aktivität der Operierten bei den Reha-Maßnahmen. Die Versuchspatienten bewerteten diese Betreuung - Zuwendung, Information zu Heilungsprozess und Zukunftsperspektiven - als sehr hilfreich. Auch die riesige Hürde der OP wurde durch die realistisch-positiven Perspektiven, die beim Patienten aufgebaut wurden, gefühlt kleiner.

Lohnt sich intensive Betreuung?

Derzeit wird die Studie weiter ausgewertet: Es könnte sich dann durchaus zeigen, dass die intensiv betreuten Patienten im Schnitt besser genesen, als jene, die nur die Standardaufklärung bekamen. Und wenn einige Stunden psychologischer Betreuung die Selbstheilungskräfte wirklich messbar ankurbeln würden, wäre das sicher günstiger, als schlechte Heilungsverläufe zu finanzieren. Prof. Rainer Moosdorf spekuliert, "ob wir grundsätzlich Patienten vor solchen großen Herzoperationen psychologisch begleiten sollten, wenn sich wirklich herausstellt, dass deren Langzeitverlauf dadurch bedeutend verbessert wird." Bezahlen, so seine Hoffnung, würden das möglicherweise sogar die Krankenkassen, wenn diese und weitere Studien belegen würden, dass es sich lohnt.

Doch das ist noch Zukunftsmusik: Auch in Marburg werden Patienten weiterhin die kurzen, technischen Arztgespräche vor einem operativen Eingriff erhalten. Auch mit dieser Standard-Aufklärung hat Georg W. seine Herzklappen-OP gut überstanden. Ob er mit intensiver Betreuung langfristig besser regenerieren würde ist Spekulation. Doch die Hinweise häufen sich, dass gezielt aktivierte realistisch-positive Erwartungen Herzen beim Heilen helfen können.