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SENDETERMIN Do, 12.7.2018 | 22:00 Uhr | SWR Fernsehen

Herausforderung Ökostrom Neue Ideen müssen her

In Deutschland und Europa gehen die Investitionen in erneuerbare Energien zurück, während China die Energiewende kräftig vorantreibt. Jetzt braucht Europa neue Ideen, um mehr Ökostrom in die Steckdosen zu bringen.

China hat die größte Solaranlage der Welt

Der Traum von einem Leben ohne Smog – 1.100 Kilometer nordwestlich von Peking wird daran gearbeitet. Hier entsteht 2017 die größte Solaranlage der Welt. Ningxia, mit sechs Millionen-Einwohnern eine kleine Provinz im riesigen Land. Viele Sonnenstunden, reichlich Einöde und großer Ehrgeiz, die Energiewende voranzutreiben. Dass China auf dem richtigen Weg ist, davon ist Ingenieur Zhang überzeugt. Als hier zu Beginn 4.000 Arbeiter loslegten, war er stolz, einer von ihnen zu sein: "Erneuerbare Energien sind eine historische Chance. Wir können hier 800.000 Tonnen Kohle pro Jahr einsparen und damit den Ausstoß von Treibhausgasen dramatisch reduzieren." Wenn die Anlage in vollem Betrieb ist, wollen Herr Zhang und Kollegen sicherstellen, dass zwei Millionen Haushalte mit grüner Energie versorgt werden. Und ihr Projekt ist nur eines von etlichen im Land.

China hui – Deutschland pfui

Allein im vergangenen Jahr investierte China etwa 133 Milliarden US-Dollar in erneuerbare Energien, Bis 2020 soll das fast dreimal so viel werden. Kein Einzelfall so Prof. Ulf Moslener von der Wirtschaftshochschule Frankfurt School: „Wenn wir uns das weltweit anschauen, dann sehen wir das doppelte an Investitionen in erneuerbare verglichen mit konventionellen Energien. Also: Kohle Gas oder Kernenergie. Und auch wenn man sich den Zuwachs an Kapazität anschaut, dann sind es über 60 Prozent, die auf Basis erneuerbarer Energien dazukamen.“ Ulf Moslener untersucht für die Vereinten Nationen die globalen Trends bei der Finanzierung erneuerbarer Energien. Sein Bericht zeigt: Der einstige Vorreiter Deutschland läuft derzeit investitionsmäßig auf Standgas. Waren es einst 40 Milliarden Dollar jährlich; so steckten die Deutschen 2017 grade mal 14,5 Milliarden in erneuerbare Energien. Kommt die deutsche Energiewende ins straucheln? Ulf Moslener sieht im Investitionsrückgang eher ein Zeichen für eine neue Phase: „In der Vergangenheit ging es darum, von einem sehr niedrigen Niveau erneuerbare Energien mit ins System zu bringen. Das hat relativ gut und schnell geklappt. Jetzt ist aber der Anteil erneuerbarer relativ hoch im System. Jetzt geht es darum, bei sinkenden Subventionen, das ins System zu integrieren.“

Chinas Strombedarf wächst – Deutschlands nicht

Der Unterschied zu China wird klar, schaut man sich den Stromverbrauch an. Während der in Deutschland seit 1990 nur leicht anstieg, hat China seinen Verbrauch in der gleichen Zeit versechsfacht. Die erneuerbaren Energien werden in China gebraucht, um den steigenden Bedarf zu decken. In Deutschland dagegen müssen sie bestehende Kapazitäten verdrängen. Moslener sieht hier Deutschland im Vorteil: "Sicherlich ist eine der großen Herausforderungen, nicht nur, sich anzuschauen, wie krieg ich mehr erneuerbare. Sondern, was passiert mit den großen Kapazitäten an Kohle und Gas. Ehrlich gesagt, sind wir in Deutschland auf einem guten Weg. Weil viele der Kohlekraftwerke älter sind und bald ersetzt werden müssen. In anderen Ländern Beispiel Asien ist es ganz anders.“ Ein Blick in den fernen Osten zeigt, was der Wirtschaftsexperte meint. Etwa die Hälfte der gut 2.400 Kohlekraftwerke in China sind jünger als zehn Jahre. Und nicht nur das. Es sind weitere 1.200 Kraftwerke geplant. China bleibt damit erstmal auf lange Sicht Weltmeister in der Kohlendioxidproduktion. In Deutschland dagegen sind nicht mal die Hälfte der Kohlekraftwerke jünger als 30 Jahre. Alles was älter ist, erreicht eh bald seine Maximallaufzeit und könnte abgeschaltet werden. So zumindest die Theorie, der das Interesse der Stromkonzerne entgegensteht selbst abgeschriebene Kraftwerke weiter laufen zu lassen.

Neue Ideen sind gefragt

Konzepte, die das Stromnetz stabilisieren und Schwankungen auffangen werden mit dem steigenden Anteil erneuerbarer Energien und dem Rückgang der konventionellen immer wichtiger. So könne zum Beispiel eine Batterie, die den Strom der hauseigenen Solaranlage speichert auch einem Stromnetzbetreiber zur Entlastung des Stromnetzes zur Verfügung gestellt werden, erläutert Ulf Moslener: „Dafür lässt er mir Kosten nach oder ähnliches. Diese Form von Geschäftsmodellen, die brauchen wir jetzt.“ Egal, ob überschüssiger Strom gespeichert oder ob damit andere Treibstoffe hergestellt werden sollen. Die Technik steht bereit. Es geht nur noch darum diese Möglichkeiten zu nutzen. Dafür seien eben neue Ideen gefragt und da könnte Deutschland wieder seine Position als Vorreiter zurückerobern. Wobei auch klar ist. Die Schüler haben gelernt und vielleicht kommen aus dem Reich der Mitte ja bald ein paar eigene gute Ideen.