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SENDETERMIN Do, 12.5.2016 | 22:00 Uhr | SWR Fernsehen

Lebensmittelsicherheit Leberkrank durch Mettbrötchen?

Jede fünfte Wurst ist mit Erbmaterial von Hepatitis-E-Viren belastet. Zu diesem Ergebnis kommt eine Untersuchung des Bundesinstituts für Risikobewertung (BfR).

Das Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) hatte – wie zuvor schon das Bayerische Landesamt für Lebensmittelhygiene – Leberwürste, Salamis und kurzerhitzte Mettwürste untersucht. Dabei wurde die PCR-Methode angewandt, mit der man Erbmaterial, also RNA- oder DNA-Stränge nachweisen kann. Da Leberwurst bei der Herstellung in der Regel erhitzt wird und die Hepatitis-E-Viren (HEV) wahrscheinlich bei über 75 Grad nach spätestens drei Minuten zerstört werden, ist die Gefahr nur bei rohem Mett, kurzgereiften und unzureichend erhitzten Fleischprodukten, sowie durch den Kontakt mit rohem Fleisch gegeben.

Hepatitis-E Fälle steigen an

Hepatitis E ist hierzulande bislang nur Wenigen bekannt und wenn dann als Krankheit aus der Dritten Welt. Weltweit sterben jährlich viele zehntausend Menschen an der Leberkrankheit. Für Schwangere ist die Tropenkrankheit besonders gefährlich. In Indien überlebt jede fünfte werdende Mutter die Infektion nicht. Schuld sind unzureichende Hygienestandards. Das Virus wird dort fäkal oder über Trinkwasser übertragen. Hierzulande wurden dem Robert-Koch-Institut in Deutschland zum Zeitpunkt unserer Anfrage im Dezember für das Jahr 2015 über 1.500 Fälle gemeldet, wobei die Dunkelziffer hoch sein dürfte, denn Hepatitis-E ist weit verbreitet.

Rätselhaft hohe Infektionsraten

Eine Blutkonserve hängt an einem Gestell.

Aus einer Forschungsarbeit über Blutkonserven wurde bekannt, dass jede viertausendste infiziert ist.

Auf HEV getestet werden Blutprodukte bislang nicht. Auch wurde bekannt, dass mindestens 17 Prozent der Bevölkerung in Deutschland Antikörper des Virus in ihrem Blut tragen. Das heißt, mindestens jeder Sechste hat sich schon einmal infiziert, offenbar ohne dass es bemerkt wurde. Der Anstieg der Fallzahlen und die Hinweise auf belastetes Schweinefleisch, die hohe Verbreitung und die gemessen daran doch geringen Meldezahlen passten nicht zusammen. Doch das Rätsel löste sich als man immer mehr Subtypen des Virus identifizierte.

Schweine-Hepatitis: Gefahr aus dem Stall

Nur die Subtypen 1 und 2 sind für die hierzulande seltene Tropenkrankheit mit rund 50 pro Jahr eingeschleppten Fällen verantwortlich. Die Fallzahlen der beiden Subtypen blieben über die Jahre auch konstant. Verantwortlich für den Anstieg ist der Subtyp-3 und der stellte sich als so alltäglich wie Schnitzel und Mettbrötchen heraus. Er kommt nicht nur bei Menschen vor, sondern in erster Linie bei Schweinen. Jedes zweite infiziert sich während seines kurzen Lebens mit dem Virus, in manchen Ställen sind es bis zu 90 Prozent der Tiere. Mindestens drei von 100 Mastschweinen sind zum Schlachtzeitpunkt mit HEV-3 infiziert und kommen so unbemerkt in den Handel. An diesem Fleisch kann sich jeder infizieren.

Ärzte kommen gar nicht auf die Idee auf HEV zu testen

Die Infektionsrate ist hoch, aber viele Menschen zeigen gar keine Symptome, andere werden ernsthaft krank. Woran liegt das? Zunächst, ein intaktes Immunsystem kann die Eindringlinge sofort identifizieren und eliminieren. Man entwickelt dann Antikörper und ist ein Leben lang immun. Eine kleinere Gruppe aber hat mit der Infektion zu kämpfen. Die leichten Symptome wie allgemeines Unwohlsein, Abgeschlagenheit, Schmerzen im Oberbauch, Fieber und Kopfschmerzen bringen Ärzte oft nicht auf die Idee, auf HEV zu testen – möglicherweise weil sie Hepatitis-E nur als "seltene" Tropenkrankheit aus dem Studium kennen.

Kann zu Leberversagen führen

Auch wenn die Masse der Bevölkerung die Schweine-Hepatitis nicht bemerkt – für eine wachsende Risikogruppe kann sie zu einer ernsten Erkrankung führen. Denn ist das Immunsystem geschwächt, kann sich das Virus in der Leber oder auch in den Muskeln einnisten oder "chronifizieren" wie die Mediziner sagen, und dort nach einer Zeit zu Leberversagen führen. Ein typischer Fall ist Hana R.: Jahrelang hing sie an der Dialyse, dann bekam sie quasi auf den letzten Drücker ein rettendes Spenderorgan. Das war ihr zweiter Geburtstag, sagt sie. Doch im Januar 2015 wurden bei einer Routine-Untersuchung extrem schlechte Leberwerte festgestellt.

Ein Schwein steht im Stall.

Infiziert mit Schweine-Hepatitis

Risikogruppen sind ernsthaft gefährdet

Durch Zufall geriet sie an den Leberspezialisten Dr. Sven Pischke am Universitätskrankenhaus Eppendorf, der dort seit Jahren HEV-3 erforscht. Die Diagnose war eindeutig: Sie hatte sich mit der Schweine-Hepatitis infiziert. Sechs Wochen lang musste sie ein starkes Medikament mit schweren Nebenwirkungen schlucken, das zudem sehr kostspielig ist. Nach einigen Monaten hatte sie es überstanden. Betroffen sind vor allem Menschen mit schwacher Immunabwehr. Hana R. hat als Transplantierte ein künstlich geschwächtes Immunsystem, damit ihr Körper das fremde Organ nicht abstößt. Aber auch Chemotherapie-Patienten, HIV-Patienten und Menschen die regelmäßig Alkohol trinken und deren Leber infolgedessen schon angeschlagen ist, sind gefährdet. Diese Risikogruppen und ihre Ärzte sollten das wissen und entsprechend schützen, mahnt Sven Pischke.

Maßnahmen zur Eindämmung gefordert

Während die Krankheit beim Menschen inzwischen recht gut erforscht ist, ist sie im Stall ein großes Rätsel. Manche Ställe sind virusfrei, in anderen sind bis zu 90 Prozent der Tiere betroffen – Ökofleisch wie Industriefleisch gleichermaßen, Wildschweine übrigens auch. Niemand weiß genau, welche Bedingungen die Ausbreitung befördern und niemanden hat es bislang auch gekümmert. Eine Ignoranz, die den studierten Tiermediziner und Verbraucherschützer Mathias Wolfschmidt von der Verbraucherschutzorganisation Foodwatch auf die Palme bringt. In unserem Beitrag fordert er vom Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft (BMEL) schnellstens mehr Forschung im Schweinestall und geeignete Maßnahmen zur Eindämmung. Warum zum Beispiel wurde bislang kein Schnelltest entwickelt, damit kranke Tiere am Schlachthof aussortiert werden können?

Informationspolitik bislang zu spärlich

Auf eine Anfrage von Odysso zur Informationspolitik bezüglich der Gefahren von HEV-3 an das BMEL verweist das Ministerium schlicht auf die Internetseiten des Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR). Die sind aber im Grunde nur durch gezielte Recherche zu finden. Mathias Wolfschmidt von Foodwatch regt eine solche Informationspolitik besonders auf. Beispielsweise ist bekannt, dass sich jeder zweite Metzger – unwissentlich – mit der Schweine-Hepatitis infiziert. Gerade hier hätte gezielte Information längst stattfinden müssen. Das zu Niedriglöhnen arbeitende Personal in der Fleischindustrie bliebe in nicht hinzunehmender Weise im Grunde völlig uniformiert.

Küchen-Hygiene hilft nur bedingt

Das BfR hat die Gefahr immerhin erkannt und rät vom Verzehr von Mettbrötchen und kurzgereiften Würsten ab. Für den Umgang mit rohem Fleisch wird auch Verbrauchern zu Hygienemaßnahmen geraten, wie sie auch in der Berufsküche gelten: getrennte Arbeitsbereiche in der Küche, getrennte Bretter und getrennte Messer. Doch auch das schafft für die Risikogruppen keine vollkommene Sicherheit. Hana R. weiß bis heute nicht wo sie sich angesteckt hat. Schweinefleisch und Wurst isst sie nicht. Aber das Virus ist recht hartnäckig. Bis zu einer Woche überlebt es außerhalb seines Wirtes. Und es wurde in Einzelfällen auch schon auf Gemüse und Obst nachgewiesen.