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SENDETERMIN Do, 6.10.2016 | 22:00 Uhr | SWR Fernsehen

Heilpilze Heilkraft oder Risiko?

In den letzten Jahren boomen asiatische Heilpilze auch bei uns, dank TCM.

Es scheint, als sei gegen fast jede Krankheit ein Pilz gewachsen. In Japan gehört der Wirkstoff Letinan aus dem Shiitake-Pilz zur Standard-Begleittherapie bei Tumorbehandlungen (Magenkrebs). Reishi und ABM (Agaricus blazei murrill) sind dort als offizielles Krebsmedikament zugelassen. Und in den USA wird ABM u.a. zur unterstützenden Behandlung bei HIV eingesetzt. Da horcht die westliche Medizin zunehmend auf. Aber was ist da dran?

Mykotherapie – die Pilzheilkunde eines der ältesten Naturheilverfahren der Welt

Sie heißen Shiitake, Maitake, Reishi, Hericium, Fu Ling & Co. Ihr Ursprung liegt in der Traditionellen Chinesischen Medizin, der sogenannten TCM. Hier haben Heilpilze – auch Vitalpilze genannt – seit Jahrtausenden einen festen Platz.

Man schätzt die Kraft der Pilze sowohl zur Vorbeugung als auch zur gezielten Behandlung von Krankheiten. Heilpilze enthalten eine ungeheuer große Vielfalt von Heilstoffen, von denen jeder eine andere Wirkung hat. Häufig ist der Einsatz zum Beispiel zur Senkung des Cholesterinspiegels, zur Verbesserung des Zuckerstoffwechsels, zur Behandlung von seelischen Ungleichgewichten sowie zur Behandlung von Magenschmerzen und Reizdarm. Man kann sie aber auch zur Stärkung des Immunsystems einsetzen. Dabei kommt es sehr darauf an, was man verordnet, in welcher Kombination und was der Patient wirklich braucht.

Heilpilze – ein Mittel bei Krebs?

So wie Prof. Dr. med. Henry Johannes Greten. Er ist Facharzt für Allgemeinmedizin, Naturheilkunde, Homöopathie und Akkupunktur in Heidelberg. Und gilt als einer der besten TCM-Ärzte Europas. Er kombiniert die westliche und die traditionelle chinesische Medizin, die sogenannte TCM. Professor Greten ist Präsident der Deutschen Gesellschaft für TCM, Professor der Universität Porto und Leiter der Heidelberg School of Chinese Medicine (HSCM) beziehungsweise des Institutes für Chinesische Medizin. Von einigen Heilpilzen ist bekannt, dass sie Krebs angreifen können und Apoptose, den sogenannten „programmierten Zelltod“ auslösen. Besonders begeistert ist Prof. Greten von Reishi (Glänzender Lackporling), Fu Ling (Kokospilz) und Cordyceps sinensis (Chinesischer Raupenpilz), denn: Erstens sie enthalten einige Stoffe die zytotoxisch auf Krebszellen wirken, ohne den Körper wesentlich anzugreifen. Zweitens sie unterstützen das Immunsystem. Das Wichtigste dabei ist die Förderung der "natural killer cells", der Zellen, die den Krebs quasi aufessen können. Das sind die wichtigsten Verbündeten des Patienten, sie werden so gefüttert und stimuliert. Vermutet wird als dritte Wirkung, dass „Parasitengefäße“, die der Krebs ausbildet, durch diese Heilpilzsubstanzen verschlossen werden (Antiangiogenese). So könnte man dem Krebs das Wasser abdrehen, aber hierüber sind noch mehr wissenschaftliche Daten notwendig.

Bei seiner Patientin Beate Kuby mit der Diagnose Brustkrebs will Prof. Greten den Maitake einsetzen. Normalerweise ist der Cordyceps, chinesischer Raupenpilz, auch gut, um die Krebszellen zu attackieren. Aber es ist nicht ganz ausgeschlossen, dass davon östrogenartige Wirkungen ausgehen. Und das ist gerade bei einem Tumor mit Östrogenrezeptoren besonders fatal und wäre kontraproduktiv. Hingegen wäre bei Prostatakrebs diese östrogenartige Wirkung von Vorteil.

Wenn Prof. Greten Heilpilze bei Krebs einsetzt, wird den Patienten vor und während der Therapie stets Blut abgenommen. Dabei geht es neben der Prüfung der Gesamtgesundheit, zum Beispiel ob Nieren- oder Leberschäden vorliegen, und der grundsätzlichen Verträglichkeit, natürlich auch darum, die Wirkung abzuschätzen. Und so kann Prof. Greten durch das Testen von bestimmten Lymphozyten die Reaktion auf Pilzprodukte messen. Er vergleicht sie zum Beispiel mit der Reaktion auf Mistel und auf andere Heilstoffe und findet so heraus, welche Substanz den Patienten optimal stimuliert.

Laut Prof. Greten liegen in Asien mit Heilpilzen Erfahrungen die zeigen vor, dass die Nebenwirkungen gering, und der Nutzen groß sein kann. Seiner Meinung nach ist da die Forschung noch längst nicht am Ende des Allwissens angekommen. Aber in Europa gibt es bisher nur wenige wissenschaftliche Belege für die Wirksamkeit von Heilpilzen.

Haben Heilpilze medizinisches Potenzial?

Dieser Frage geht Prof. Thomas Efferth am Institut der Pharmazie und Biochemie der Universität Mainz intensiv nach. Er ist Leiter der Abteilung für Pharmazeutische Biologie.

Die bekannteste Substanz, die jemals aus einem Pilz isoliert wurde, ist sicherlich das Penicillin. Das kennt natürlich jeder. Und das zeigt auch die große Bedeutung, die Heilpilze oder Pilze generell haben können. Sie enthalten eine Vielzahl natürlicher Substanzen. Neben vielen Vitaminen, Mineralstoffen und Spurenelementen, zählen auch
die Polysaccharide dazu. Glucane haben eine immunstimulierende Wirksamkeit. Triterpene sind anti-bakteriell und anti-viral wirksam. Es gibt aber auch antitumorös wirksame Substanzen. Prof. Efferth forscht speziell nach Substanzen, die Krebszellen abtöten können. Sein Schwerpunkt liegt auf chinesischen Pflanzen, aber auch auf anderen Naturstoffen wie Heilpilzen. Daher stellt der Pharmazeut aus Heilpilzen Extrakte her und isoliert ihre Wirksubstanzen. Aktuell untersucht er Reishi, Fu Ling und Cordyceps. Prof. Efferth und sein Team konzentrieren sich auf eine dieser antitumoralen Substanzen ganz besonders, auf das Cordycepin. Dies kommt in Cordyceps sinensis vor und kann zur Abtötung von Tumorzellen verwendet werden.

Das Team von Prof. Efferth untersucht Krebszellkulturen von acht verschiedenen Tumorarten. Mittels eines blauen Farbstoffes, namens Resazurin, können sie herausfinden, ob bestimmte Pilzsubstanzen toxisch auf die Zellen wirken.

Denn nur die lebendigen Zellen reduzieren blaues Resazurin zu rotem Resofurin, tote Zellen können das nicht mehr. Nach drei Stunden das Ergebnis: Bei rosa sind die Leukämiezellen noch lebendig. Bei blau wurden sie durch Cordycepin abgetötet. Dieser Pilzwirkstoff wirkt besonders gut auf Leukämie-, Brustkrebs- und Prostatakrebszellen. Bei Lungenkrebs, Nierenkrebs und Melanom ist die Wirkung im Reagenzglas schlechter.

Auch mittels Fluoreszenzmikroskopie kann man die Wirkung des Cordycepin sehen. Das grün gefärbte Cytoskelett einer Brustkrebszelllinie, wird bei Zugabe von Naturstoffen, wie das Cordycepin (rote Färbung) zerstört. Das ist eine der Erklärungen, warum solche Heilpilzextrakte und viele andere Naturstoffe Tumorzellen abtöten können. Das sind vielversprechende Ergebnisse aus Laborversuchen.

Vitalpilze sind keine Arzneimittel

Doch damit Heilpilze bei uns als Arzneimittel zugelassen werden können, fehlen noch klinische Studien am Menschen nach internationalem Standard. Doch diese gibt es bislang in ganz Europa nicht. In Deutschland werden Heilpilze in Form von Pulver, Kapseln und hochdosierten Extrakten als Nahrungsergänzungsmittel verkauft und nicht als Medikament! Ihre Anwendung findet im Rahmen der Therapiefreiheit von Ärzten und Heilpraktikern statt. Sie werden vor allem über das Internet vertrieben.
Das Problem dabei ist, dass Qualitätskriterien nur eingehalten werden, wenn etwas als Medikament gilt, das ist bei Nahrungsergänzungsmitteln aber nicht so. Naturstoffe wurden von der Natur erfunden, daher ist es sehr schwierig, einen Patentschutz zu bekommen auf eine Substanz, die nicht von einer Firma erfunden wurde. Deshalb geht die Pharmaindustrie eigentlich lieber auf eigene erfundene chemische Produkte. Damit kann man dann größere Gewinne erzielen, als das mit Naturstoffen der Fall ist. Prof. Thomas Efferth ist überzeugt: „Man muss ganz klar sagen, dass damit Deutschland und Europa natürlich ein großes Potenzial an Heilmöglichkeiten verspielt!“

In Asien wird das anders gesehen, hier werden Produkte auch ohne Patentschutz auf den Markt gebracht.

Heilpilze können auch gefährlich sein

„Man muss sehr wohl davon ausgehen, dass man in einigen Fällen auch negative Wirkungen bei Heilpilzen beobachten kann, wie ganz generell bei Naturstoffen und Naturprodukten, weil die Wirksamkeit unterschiedlich sein kann durch den Wirkstoffgehalt. Alles was wirkt, hat auch Nebenwirkungen. Es gibt keine sanfte „grüne Medizin“, meint Prof. Thomas Efferth. Außerdem können Rückstände wie Pestizide und Schwermetalle problematisch sein. Und bei unsachgemäßer Trocknung und Lagerung können Aflatoxine (krebserregende Schimmelpilzgifte, sogenannte Mykotoxine) in den Heilpilzprodukten enthalten sein. Der Kauf von Vitalpilzprodukten sollte nur über eine Apotheke erfolgen, wo die Qualität auf Echtheit und Reinheit geprüft wird.

Prof. Efferth fordert daher auch feste Qualitätsvorschriften für Heilpilzpräparate. Außerdem gibt es keine belegten Angaben zur Dosierung. Daher muss man bei der Einnahme von Heilpilzprodukten aufpassen. Professor Johannes Greten rät von einer Selbstmedikation mittels Internet ab. Denn eigentlich gilt hier, was immer in der Medizin gilt: Eine Erkrankung erfordert eine Verordnung durch jemanden, der weiß, was der Heilpilz tut.

Heilpilze – ein medizinischer Schatz

„Wer verspricht, dass er das Krebsproblem in Griff hätte, oder wer Versprechungen etwa im Internet darüber verbreitet, der sollte sich selber lieber zurückhalten, und hoffen, dass ihn niemand verklagt“, meint Prof. Johannes Greten.

Professor Greten setzt Heilpilze bei seinen Patienten nur in Kombination mit der westlichen Medizin – der Schulmedizin – ein nach seinem Motto: „Das Beste aus zwei Welten“, denn jede Medizin hat Grenzen. Wenn man zwei Systeme nebeneinander sinnvoll kombinieren kann, dann werden diese Grenzen einfach erweitert. Auf keinen Fall soll man eine konventionelle Therapie abbrechen.

Die Mykotherapie ist keine reine Alternativmedizin. Ob die Pilze allein Krankheiten zuverlässig heilen, muss erst noch bewiesen werden. In ihnen steckt aber durchaus ein medizinischer Schatz!