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SENDETERMIN Do, 11.9.2014 | 22:00 Uhr | SWR Fernsehen

Medizin Heilende Krankenhausarchitektur

Intensivstationen in Krankenhäusern gleichen bisher Lagerhallen: grell erleuchtet und eine ständige Lärmbelastung durch technische Geräte. Viele Patienten schlafen schlecht, leiden unter Stress - für den Heilungsprozess ist das kontraproduktiv.

Therapeutische Raumgestaltung auf Intensivstation

Genesen Patienten in wohnlicher Umgebung schneller?
An der Charité Berlin erproben Ärzte und Architekten gemeinsam, ob Patienten schneller genesen, wenn die Architektur der Krankenhauszimmer verändert wird. Steigt mit dem Wohlbefinden der Patienten auch die Chance auf Heilung? Wo heilen die Patienten schneller? In herkömmlichen Intensivzimmern oder in schicken, wohnlich eingerichteten Räumen? 1 Million Euro hat das Bundeswirtschaftsministerium in das Projekt investiert.

Die Studie – das Los entscheidet

Die Studienteilnehmer werden von den Ärzten ausgewählt. Dann entscheidet das Los, in welchem Zimmer sie die nächsten Tage verbringen werden.

Wir besuchen eine der ersten Studienteilnehmerinnen. Die Patientin hatte gerade eine schwere Operation, ein Tumor wurde entfernt, sie wird rund um die Uhr bewacht. Trotzdem fühlt sie sich gar nicht so unwohl.

Die Patientin liegt in einem der zwei neu gestalteten Zimmer. Die Einrichtung erinnert fast an ein Designhotel. Die vielen Geräte und Schläuche sind hinter schicken Holzpaneelen versteckt, es ist ungewöhnlich ruhig. Jeden Morgen wird an der Zimmerdecke ein Sonnenaufgang simuliert, das Intensivstationszimmer in warmes Licht getaucht. Die Decke ist leicht gewölbt und lichtdurchlässig. Unter der Oberfläche sind mehr als 14.000 LEDs versteckt, mit deren Hilfe der Tag Nacht- Rhythmus nachgeahmt wird.

Ganz anders sieht es in den herkömmlichen Intensivzimmern aus: Grelles Neonröhrenlicht, überall laute lebenserhaltende Maschinen, Lautstärken bis zu 80 Dezibel, vergleichbar mit einem Flughafen. Eine beängstigende Atmosphäre, sagt die Studienleiterin aus der Praxis Prof. Claudia Spies:" Stellen Sie sich vor Sie lägen mit einer schweren Grippe in einer Lagerhalle, dann werden Sie sicher auch nicht gesund."

Früher waren Atmosphäre und Einrichtung nicht wichtig
Die Patienten wurden auf Intensivstationen lange in einen künstlichen Tiefschlaf versetzt. Man dachte, das sei die Voraussetzung um Vitalfunktionen durch Apparate zu unterstützen und den Heilungsprozess zu fördern. Dadurch war Atmosphäre und Einrichtung nicht wichtig. Es musste zweckdienlich sein. Inzwischen gibt es aber einen Paradigmenwechsel, denn Studien belegen der Tiefschlaf ist gefährlich. Er kann das Sterberisiko von Intensiv-Patienten erhöhen und zum Delirium führen.

Delirium
Ein Delirium ist eine schwere Bewusstseinsstörung. Es kann entstehen wenn die Patienten zu lange schwer krank im Tiefschlaf gehalten werden. Dann entsteht möglicherweise eine Stoffwechselstörung des Gehirns. Sogenannte Astrozyten, die verantwortlich sind, das neuronale Netzwerk aufrechtzuerhalten und auszubilden werden fehlgesteuert. Es können kognitive Schäden bleiben.

Intensivstationen in modernen Krankenhäusern gleichen bisher großen Lagerhallen

Herkömmliche Intensivstationen wirken auf Patienten meist beängstigend

Andere Behandlungsmethoden erfordern andere Raumgestaltung
Deshalb wurde 2010 im Konsens von 12 Fachdisziplinen unter Federführung von Prof. Claudia Spies die Leitlinien zur Intensivbehandlung an der Charité geändert. "Das ist eine wichtige Veränderung in unserer Intensivmedizin, nun aber hatten wir das nächste Problem, denn Patienten, die auf Intensivstationen wach sind, ängstigt die Umgebung, die Hilflosigkeit die sie erfahren bedingt oft eine körperliche Unruhe, eine extreme Angst. Sie wissen nicht wann Tag und wann Nacht ist. All das stört den Heilungsprozess. So kam die Idee, dass sich an der Raumgestaltung was ändern muss."
So entstand das Forschungs-Projekt. 12 Fachdisziplinen darunter Psychologen und Architekten haben die beiden neuen Zimmer drei Jahre lang entwickelt. Es gibt nur wenige Studien auf die sich die Forscher stützen konnten. Aber zwei wesentliche Probleme von Intensivstationen, sind mittlerweile relativ gut erforscht - der Einfluss von Licht und Lautstärke.

Einflussfaktor Licht

Der gesunde Schlaf- und Wachrhythmus wird durch die Tageslichtverhältnisse gesteuert und ist wichtig für die Genesung. Auf normalen Intensivstationen bekommt ein Patient 80 Prozent weniger Tages-Licht ab, wenn das Deckenlicht aus ist. Ist es an, ist es meist zu grell und der Patient wird geblendet. Der Tag-Nacht-Rhythmus der Patienten ist gestört. Normalerweise produziert der Körper ab 22 Uhr vermehrt das Schlafhormon Melatonin, für den erholsamen REM-Schlaf. Im Krankenzimmer funktioniert dieser Mechanismus mangels natürlichen Lichts nicht.
Deshalb wurde in den neuen Zimmern die Decke eingebaut, mit der die Tageszeiten simuliert werden. Sie kann über 20.000 Lux er¬zeugen, was in etwa der Licht¬einwir¬kung unter freiem Him¬mel an einem bewölkten Tag entspricht. Außerdem wird ein Blick durchs Blätterdach gen Himmel nachempfunden - durch blaues Licht mit grünen Flecken und Schattierungen. Studien haben gezeigt, dass Bäume, wenn sie vor Krankenhausfenstern stehen, den Stresslevel der Patienten absenken können. Dadurch kann wiederum die Heilung positiv beeinflusst werden. Die Bespie¬lung der Decke soll den Patienten nach einer schwe¬ren Operation oder nach dem Aufwachen aus dem Koma helfen, sich wieder zu orientieren. Die visuellen Inhalte lehnen sich an Natur¬phä¬nomenen an und ver¬binden den Pa¬tienten mit der Außen¬welt. Darüber hinaus sollen sie die Wahrnehmung der Patienten stimu¬lieren, stress¬min¬dernd und angstlösend wirken, sodass weniger Schmerz- und Beruhigungs¬medikamente gegeben werden müssen.

Einflussfaktor Lautstärke

Zu hohe Geräuschpegel bedeuten Stress für den Körper. Das hat die Forschung in vielen Studien nachgewiesen. Die enorme Lautstärke in den Zimmern einer herkömmlichen Intensivstation kommt unter anderem durch die vielen Geräte etwa zur Beatmung oder zur Überwachung des Blutdrucks, der Herzfrequenz und der Sauerstoffsättigung im Blut. In den neuen Zimmern sind viele Geräte in der Wand verbaut, das mindert die Lautstärke. Außerdem gibt es einen Beobachtungsraum mit Sichtfenster zum Patientenzimmer, alle Monitore zur Überwachung des Gesundheitszustandes des Patienten sind hier drin, Medikamente werden zum Teil von hier elektronisch dosiert und verabreicht und die Ärzte führen hier ihre Gespräche. Der Patient wird viel weniger gestört. Die Lautstärke konnte zum Teil bis zur Hälfte reduziert werden.
Ein Jahr lang werden die Wissenschaftler jetzt die Daten der Patienten miteinander verglichen. Verläuft der Genesungsprozess in den schicken Zimmern tatsächlich schneller? Die Forscher vermuten ein bis zwei Tage. Außerdem erhoffen sie sich 50 Prozent weniger Delirien in der neuen Umgebung! Was bedeuten kann, weniger bleibende Schäden, und kürzere Aufenthaltszeiten und das spart letzten Endes Geld und bringt vor allem Lebensqualität für die Patienten!

aus der Sendung vom

Do, 11.9.2014 | 22:00 Uhr

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Donnerstags um 22.00 Uhr im SWR Fernsehen.