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SENDETERMIN Do, 10.4.2014 | 22:00 Uhr | SWR Fernsehen

Ständige Erreichbarkeit Haben wir mehr Stress als früher?

Ständig erreichbar, ständig gestresst? "Beschleunigung" und "Stress" sind salonfähige Begriffe. Stressreports schlagen Alarm. Doch haben wir tatsächlich mehr Stress als in Zeiten ohne Handy, E-Mail & Co?

Haben wir heute wirklich mehr Stress als früher?

Ralf Beckers Tag ist eng getaktet. Der Chef einer Baufirma ist ständig zwischen Baustellen, Büro und Terminen unterwegs. Ständig erreichbar, ständig im Arbeitsmodus. Sein normaler Tagesablauf stresst ihn nicht, sagt er - aber die vielen Informationen, die er zwischendurch, quasi auf Zuruf verarbeiten muss. Aber haben wir heute tatsächlich mehr Stress als zu Zeiten, in denen es Internet, Handy und E-Mail noch nicht gab? Haben sich nur die Anforderungen an uns geändert? Kommt es nicht darauf an, wie der Einzelne mit Stress umgeht? Wie kann man Stress eigentlich objektiv messen?

6:30 Uhr bis 18:00 Uhr - der Tag ist eng getaktet

Um 6:30 Uhr startet Ralf Becker in den Tag: Erst werden die Tagesaufgaben an die einzelnen Arbeiter verteilt, Materialien und Fahrzeuge für die einzelnen Baustellen disponiert. Der Tag des Bauunternehmers gleicht einem Zickzack zwischen Baustelle, Büro, Auto und schon wieder der nächsten Baustelle. Auch unterwegs nimmt er die Arbeit ständig mit: mit dem Handy noch schnell einen Kunden anrufen, etwas mit dem Bauleiter absprechen, Material nachbestellen. Arbeit, die er sonst im Büro erledigen müsste. Für Ralf Becker praktisch, aber auch stressig: "Es ist alles sehr schnell und auf Zuruf und das stresst dann schon sehr", sagt der 47-Jährige.

Zwischen Zeitdruck und Multitasking

Prof. Karlheinz Sonntag kennt solche Aussagen. Der Arbeitspsychologe der Universität Heidelberg untersucht die Anforderungen der heutigen Arbeitswelt an den einzelnen Menschen - auch im Auftrag für verschiedene Unternehmen. Zeitdruck und Multitasking sind heute erwiesene Stressfaktoren. Sie haben die körperlichen Anforderungen größtenteils abgelöst. Aber haben wir heute wirklich mehr Stress als früher? Als es Handy und Internet noch nicht gab? Prof. Sonntag hat eine klare Antwort: "Wir haben nicht viel mehr Stress als früher. Ich meine, wir haben Anforderungen. Und die haben sich geändert. Wir stressen uns vielleicht anders als früher." Das wollen wir genauer wissen: von Ralf Beckers Vorgänger, Lutz Widmann.

Junior vs. Senior

Das Bauunternehmen von Ralf Becker ist ein Familienunternehmen. Der 47-Jährige leitet es in der 4. Generation. Wie war der Job für die 3. Generation? Ralf Beckers Onkel Lutz Widmann war von 1970 bis 1997 Chef der Firma.

Portrait von Lutz Widmann

War Arbeit in den 70ern entspannter?

Wie war der Job in den 1970er Jahren im Vergleich zu heute? Während Lutz Widmann 6-7 Baustellen am Tag abfuhr, sind es bei Ralf Becker etwa 9-10. Doch der Seniorchef musste noch öfters mit anpacken, wenn etwa eine Maschine ausgefallen war. Die Technik war lange nicht so ausgereift wie heute. Dafür schaffte er es mittags in der Regel nach Hause. Statt zu Messer und Gabel greift sein Neffe heute dagegen öfters zum Apfel auf dem Beifahrersitz.

Urlaub, Feierabend, Stress?

Lange Arbeitszeiten sind beide gewöhnt. Auch Lutz Widmann saß mal bis um zwölf Uhr nachts am Schreibtisch, "wenn mal wieder eine Kalkulation fertig werden musste für den nächsten Morgen". Ralf Becker hat sich selbst eine Grenze gesetzt. 18 Uhr ist Schluss. Das schafft er aber nicht immer: "Wenn Sie eigentlich denken Sie sind fertig mit der Arbeit, dann schauen Sie auf den Rechner, dann haben sich noch so um die 30 E-Mails so über den Tag angesammelt". Ein Phänomen, das viele Arbeitnehmer von heute kennen dürften. Und trotzdem: "Der normale Arbeitsalltag stresst uns nicht", sagt Ralf Becker, "Das ist unser tägliches Brot, dafür sind wir ausgebildet. Was stresst sind die anderen Faktoren, die zwischendurch reinkommen, die stressen dann." Ständig Informationen verarbeiten, vieles parallel bearbeiten, ständige Unterbrechungen. Der Arbeitsalltag von Lutz Widmann war da noch klarer strukturiert.

Jede Zeit hat ihre Stressoren

Und so kämpft Ralf Becker mit der ständigen Erreichbarkeit, sein Onkel Lutz Widmann war dafür noch öfter körperlich gefordert. Jede Zeit scheint ihre eigenen Anforderungen an den Menschen zu haben. Was aber wen wie stark stresst bleibt subjektiv. Ein methodisches Problem für die Arbeitspsychologen - die allzu alarmierende Stressreports in ein kritisches Licht setzen. Für Stress gibt es kein Fieberthermometer und erst recht keinen offiziellen Grenzwert wie für Asbest, Lärm oder Feinstaub. Ralf Becker hat in jedem Fall vorgesorgt, damit der Stress nicht überhandnimmt: Für die nächste Autofahrt gibt es zum Apfel noch ein Stück Schokolade. Nervenglück für unterwegs.

aus der Sendung vom

Do, 10.4.2014 | 22:00 Uhr

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