Bitte warten...

SENDETERMIN Do, 6.6.2019 | 22:00 Uhr | SWR Fernsehen

Suchtverhalten Gute Drogen, böse Drogen

Der Mensch und seine Genussmittel - eine komplizierte Beziehung. Über die gesellschaftliche Akzeptanz einer Droge entscheidet nicht der Wissensstand, sondern der Zeitgeist.

Deutschland in den 1950er Jahren: Eine ganze Gesellschaft feiert. Das Leben, die Freiheit, das Ende der Kriegsjahre und den neuen Wohlstand. Was war, will man vergessen - stattdessen ausgelassen das Hier und Jetzt feiern. Zum Lebensgefühl der goldenen Jahre gehören Sektkelch und Zigarette dazu. Sie sind Genussmittel und Statussymbol zugleich. Neun von zehn erwachsenen Männern rauchen. 1955 trinken die Deutschen beispielsweise 30 Millionen Sektflaschen, 1963 sind es 100 Millionen. Ob High Society, Bürgertum, Jung oder Alt - Deutschland ist besoffen vor Freude am Leben. Jeder will bei der großen Party dabei sein. Mögliche gesundheitliche Folgen sind kaum bekannt. Kann etwas so Allgegenwärtiges, gesellschaftlich voll Akzeptiertes schädlich sein? In den 1960er Jahren steigt nicht nur der Konsum: Die Zigarette gewinnt an Ansehen.

Sexsymbol Kippe

James Dean lehnt in Lederjacke an einer Wand, zieht lässig an seiner Kippe, männlich, roh, robust - Audrey Hepburn hält einen eleganten, langen Zigarettenhalter zwischen perfekt geschwungenen Lippen, als mondänes High Society Girl Holly Golightly im Filmklassiker Frühstück bei Tiffanys. Die Femme fatale der 1960er Jahre wird zum Symbolbild - und mit ihr die Zigarette. Rauchen ist sexy, verrucht, verführerisch. Dabei belegt eine britische Studie schon in den frühen 1960er Jahren einen Zusammenhang, den Wissenschaftler schon länger vermutet hatten: Rauchen macht Lungenkrebs. 1969 schätzen Ärzte die Bilanz auf 50.000 Nikotintote. Auch das Trinken hat damals schlimme Folgen: 1970 sterben in Deutschland allein durch Alkohol 6.000 Menschen im Straßenverkehr. Zum Vergleich: Insgesamt sterben heute pro Jahr etwa 3.000 Menschen im Straßenverkehr.

Verteufelte Droge - legales Genussmittel

Trotz der offensichtlichen Gefahren lassen Gegenmaßnahmen auf sich warten. Noch bis Mitte der 1970er Jahre ist die Werbung für Alkohol- und Tabakwaren in Deutschland ohne Einschränkungen erlaubt. Mit den weichen Drogen verkauft sie der Gesellschaft weiter erfolgreich ein Lebensgefühl. Doch auch erste Nichtraucherorganisationen formieren sich - 1975 folgt tatsächlich der erste Dämpfer für die Tabakindustrie und ihre mächtige Lobby: Ihre Werbung wird in Radio- und Fernsehen verboten. In Zeitschriften, auf Plakaten und im Kino darf weiterhin geworben werden. Denn die Haschischwelle rollt durchs Land - und spült jedes Problembewusstsein für weiche Drogen beiseite. Gegen einen Joint wirkt die Zigarette umso harmloser. Und so wird Haschisch schnell als Droge verteufelt, die die Jugend verkommen lässt, während die Erwachsenen meinen, alles unter Kontrolle zu haben. Süchtig sind schließlich nur Hascher und Fixer.

Imagewandel für die Kippe

Doch mit dem Abebben der Haschischflut gewinnt das gesamtgesellschaftliche Thema wieder an Relevanz. Die gesundheitlichen Folgen des Rauchens dämmern den Deutschen, langsam. In den 1980er Jahren werden erste Rauchverbote in Behörden, öffentlichen Gebäuden und Krankenhäusern erlassen, Anti-Raucher Produkte wie Kaugummis oder Nikotin-Pflaster kommen auf den Markt. Anfang der 1990er Jahre stirbt dann ein Mythos: Der Ex- Marlboro Cowboy Wayne McLaren erliegt mit nur 50 Jahren dem Krebs - Lungenkrebs. Nach der Diagnose setzt sich McLaren aktiv gegen das Rauchen ein - wendet sich gegen die Lobby, deren Werbegesicht er all die Jahre war. Erfolg hat er nicht. Und während sein Konterfei noch immer gesund und potent von Werbeplakaten lächelt, gibt der Schauspieler auf dem Sterbebett ein letztes Interview. Das Rauchen zerstöre das Gute im Menschen, sagt seine schwache Stimme. Auf die Frage der Reporterin, was das Rauchen mit ihm getan habe, braucht er nur zwei Worte "mich umgebracht."

Rauchen verboten - trinken erlaubt

Auch weil seitdem die Gesetze gegen eine starke Tabaklobby immer stärker verschärft wurden, ist Rauchen heute endgültig gesellschaftlich geächtet. 2020 sollen die letzten Zigaretten aus deutschen Straßenzügen verschwinden - dann nämlich tritt das Werbeverbot für Tabakwaren auch für die Plakatwerbung in Kraft. Der letzte Schritt eines krassen Imagewandels. Vorbei die Zeiten der rauchenden Femme fatale - heute boomen Fitness-Apps, Foodblogs und Modelshows - gesund und fit gehört zum Schönheitsideal von heute dazu. Wer jetzt noch raucht, hat sein Leben nicht im Griff, ist disziplin- und willenlos. Studien belegen, dass heute dass vor allem Menschen in niedrigen Bildungs- und Einkommensschichten rauchen. Anders als beim Alkohol. Unsere Gläser klirren noch immer durch alle sozialen Schichten hindurch - und uneingeschränkt in der Werbung. Dabei schätzen Experten Alkohol als gefährlichste Droge überhaupt ein. Alkohol ist weltweit verbreitet, leicht zu bekommen und unter seinem Einfluss werden Menschen nicht nur krank, sondern schaden auch anderen: Durch Straftaten und Unfälle. Die Statistik zum Schadenspotenzial durch die geläufigen Drogen führt der Alkohol deshalb an - noch vor Heroin, Kokain und Co.