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SENDETERMIN Do, 9.11.2017 | 22:00 Uhr | SWR Fernsehen

Güterverkehr Vergleich Deutschland – Schweiz

Während in Deutschland gut achtzig Prozent aller Güter auf der Straße transportiert werden, sind es in der Schweiz nur etwas mehr als fünfzig Prozent.

Bananen per LKW – Bananen per Bahn

Es ist früh am Morgen. Eine Bananenreiferei in Stuttgart. Reifemeister Wilhelm Gunkel kontrolliert die Temperatur der Früchte aus Übersee. Gerade kommt die nächste Lieferung. Aus Bremerhaven. Gunkel begrüßt kurz den Fahrer, dann werden die Bananen abgeladen. Die Bananen kommen per Lkw. Obwohl die Politik seit Jahren „Güter auf die Schiene“ verspricht, hat der Staatskonzern Bahn die Belieferung des Großmarkts vor gut zehn Jahren eingestellt, berichtet der Reifemeister und zeigt den ehemaligen Schienenanschluss: „Die Bananen-Waggons kamen von da drüben. Und hier sieht man zwei Brücken, die man hoch schwenken kann. Und dann wurden die Waggons hier rein gelassen und konnte jeder seine Bananen ausladen. Und wenn die Waggons leer waren, wurde dies der Bundesbahn gemeldet und dann haben die sie mittags wieder abgezogen.“ Ein perfektes Liefersystem per Güterzug, an dessen Anfänge Wilhelm Gunkel erinnert: „Ganz früher kamen die Bananen noch an den Stauden. Da hingen dann so 30 bis 50 Kilo Bananen dran. Und die hat man dann hier aufgehängt, gereift und dann in Kisten verpackt.“ Seit der Wirtschaftswunder-Zeit ist die Banane zur beliebtesten Frucht der Deutschen geworden. Transport damals: per Bahn. Doch das ist vorbei. Trotz moderner Kühlwagen stellte die Bahn die Belieferung der Reiferei ein. Dabei hätte die Firma von Gunkel die Früchte aus fernen Ländern gerne weiter per Güterzug anliefern lassen. Heute kommt auf dem Stuttgarter Großmarkt trotz Gleisanschluss kein Zug mehr an. Obst und Gemüse werden per Lkw geliefert. Und das ist die Regel – überall in Deutschland.

Die Schweiz – Eine ganz andere Transport-Welt

Gossau bei Sankt Gallen in der Schweiz. Auch hier kommen Bananen an. Doch sie haben den Weg von den Nordseehäfen auf der Schiene zurückgelegt. Im Auftrag von Migros. Keine Besonderheit beim größten Handelsunternehmen des Landes. Ob Bügelbrett, Kaffee oder Speiseeis, die Hälfte aller Güter kommt per Bahn in die Zentrallager. Auch empfindliche Früchte wie Bananen. Nach der langen Zug-Reise: Geruchsprobe des Reifemeisters von Migros. Die Temperatur stimmt, auch die Pünktlichkeit der Lieferung. Es gäbe eben keine Staus auf der Schiene, so der Reifemeister.

Wenn sie reif sind, treten die Bananen ihren letzten Weg an: Erstmals in einem Lkw. Es geht vom Lager zum Supermarkt vor Ort. Das gilt für alle Waren bei Migros: Die letzte Meile gehört immer der Straße. Mit der Bahn habe man einen zuverlässigen Partner für die Belieferung der Zentrallager, sagt der Logistik-Chef Bernhard Metzger: „In der Schweiz haben wir mit der Bahn eine ausgezeichnete Zusammenarbeit. Die Migros arbeitet und setzt bewusst auf den Verkehrsträger Schiene als Rückgrat in der Logistik seit über 50 Jahren, weil wir eben die Erfahrung gemacht haben, dass die Schiene hier sehr leistungsfähig ist.“ Ganz anders ist es in den Zentrallagern der deutschen Lebensmittel-Discounter. Hier wird fast ausschließlich auf der Straße angeliefert. Millionen Tonnen an Lebensmitteln, Millionen an Lkw-Fahrten: So werden die Warenlager der Discounter gefüllt. Ebenso bei den boomenden Paketversendern: Verteilzentren auf der grünen Wiese, möglichst in der Nähe einer Autobahn, ohne Schienenanschluss.

Reutlingen will wieder einen Güterbahnhof

Wir sind in Reutlingen. Barbara Bosch, die Oberbürgermeisterin und der frühere Wirtschaftsförderer Wolfgang Geisel zeigen uns das Gelände des ehemaligen Güterbahnhofs. Der letzte Zug fuhr hier vor 18 Jahren. Wolfgang Geisel schwärmt von dem einst renommierten Güterbahnhof, während er über die stillgelegte Bahnanlage stapft. Vor acht Jahren wurden die Gleise abgebaut. Doch Reutlingen will das Gelände wiederbeleben: mit neuen Gleisanschlüssen. Nicht ganz so groß wie damals, als die Industriestadt ihren wirtschaftlichen Aufschwung auch der Bahn verdankte. 17 Gleise hatte der Güterbahnhof einst. Doch dann war der Bahnanschluss nicht mehr rentabel genug. Die Bahn wollte das Gelände versilbern. Attraktiver Grundbesitz für Einkaufszentren, Hotels oder Wohnraum. Doch Reutlingen widersprach, wollte das Bahngelände selbst kaufen, um den Schienengüterverkehr zu reaktivieren. Zehn Jahre lang hat die Stadt gegen die Bahn prozessiert und 2014 in letzter Instanz gewonnen. Jetzt ist Reutlingen Eigentümerin des Grundstücks erklärt Oberbürgermeisterin Barbara Bosch stolz: „Letzten Endes ist es ein Paradox, dass die Stadt für die Schiene gekämpft hat gegen die Bahn, die hier die Schiene und den Schienenverkehr draußen haben wollte.“ Reutlingen will wieder einen funktionierenden Güterbahnhof. Vier Gleise wollen die Reutlinger einrichten werden. Ein Halbzug – also ein Zug von 415 Metern Länge – könnte hier seine Ladung umschlagen. Barbara Bosch zeigt auf die Pläne: „Zwei Portalkräne, der eine dürfte etwa stehen, wo wir hier sind, der andere ganz unten am Gelände, um beliefern zu können.“ Wenn alles klappt, rollen hier in einigen Jahren wieder Güterzüge.

aus der Sendung vom

Do, 9.11.2017 | 22:00 Uhr

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Donnerstags um 22.00 Uhr im SWR Fernsehen.