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SENDETERMIN Do, 15.10.2015 | 22:00 Uhr | SWR Fernsehen

Grippe Impfen - oder nicht?

Der Sinn der Grippeimpfung ist unter Experten umstritten – im vergangenen Jahr versagte der Impfstoff sogar auf breiter Front. Ein Grund dafür: Das Influenzavirus wandelt sich.

Grippe ist eine ernste Erkrankung, sie kann tödlich enden. Der Sinn der Grippeimpfung ist unter Experten dennoch umstritten. Nicht sehr zielsicher sei der Impfstoff, heißt es immer wieder. Und besonders bei älteren Menschen, für die die Grippeimpfung von der WHO besonders empfohlen wird, wirkt sie noch schlechter, weil das Immunsystem bei älteren Menschen generell schwächer reagiert. Trotzdem kann man natürlich argumentieren, dass der oft nur geringe Schutz im Ernstfall gerade ausreichen kann, um das Schlimmste zu verhindern. Andererseits hat die Impfung gerade in der letzten Saison fast überhaupt nicht gewirkt.

Krank trotz Grippeimpfung

Michael Conder hat eine Hausarztpraxis in Ludwigshafen. Impfungen gehören bei ihm zum täglichen Geschäft. Seinen Patienten rät Michael Conder generell dazu, die Impfung durchzuführen. Obwohl er persönlich gerade in der letzten Saison trotz Impfung krank geworden ist. Er erinnert sich nur zu gut daran: "Das ist kein schönes Gefühl. Eine normale Erkältung kommt eher schleichend und man fühlt sich halt ein bisschen krank. Ich war abends im Bett gelegen und binnen dreißig Sekunden hatte ich schlagartig Schüttelfrost. Mir war kalt. Ich hatte Gliederschmerzen am ganzen Körper der Schnupfen war da. Also ich hab mich richtig elend und krank gefühlt. "So wie Michael Conder erging es in der Impfsaison 2014/15 Tausenden. Was war passiert?

Grippe-Virus: ein schwieriger Gegner

Cartoon-Zeichnung: Ein Mann mit weit aufgerissenen Augen und Mund hat eine Spritze im Arm stecken.

Am Paul Ehrlich Institut im hessischen Langen werden Impfstoffe getestet. Hier gehört man zu den begeisterten Anhängern der Impfung, auch wenn man weiß, dass der Grippeerreger ein schwieriger Gegner ist. Der Leiter des Instituts, Prof. Klaus Cichutek, deutet das zentrale Problem an: "Bei dem Erreger besteht das Problem, dass er sich leicht wandelt im Laufe der Zirkulation in einer Saison. Und deshalb muss die Stammzusammensetzung für den Grippeimpfstoff einer jeweiligen Saison überprüft werden, und deshalb wird auch empfohlen, sich jährlich impfen zu lassen." Es gibt viele verschiedene Virenstämme. Im Impfstoff sind aber nur drei oder vier Erreger enthalten. Die große Herausforderung für die Impfstoffhersteller besteht darin, die Stämme auszuwählen, die in der nächsten Saison gefährlich werden. Welche Virenstämme verwendet werden, entscheidet die Weltgesundheitsorganisation WHO. Sie beobachtet das Grippegeschehen im Winter der Südhalbkugel. Und findet so die Viren für die Impfung im Norden.

Entscheidend sind die Antigene auf der Oberfläche des Virus. Sie gehören zu den Einbruchswerkzeugen der Viren, die Hämagglutinin und Neuraminidase heißen.
Durch die Impfung rüstet das Immunsystem zum Gegenangriff: Es bildet Antikörper, die genau auf die Antigene passen. So blockieren die Antikörper die Einbruchswerkzeuge des Virus und setzen es schachmatt - wenn alles ideal funktioniert.

Das Virus verändert sich

Seit Jahrzehnten werden Impfstoffe gegen Grippe in Hühnereiern erzeugt. Die Eier werden mit dem Virus infiziert und bebrütet; dabei vermehren sich die Viren und können anschließend aus den Eiern geerntet werden.
Doch seit wenigen Jahren gibt es eine neue Methode mit bedeutenden Vorteilen: Die Herstellung in der Zellkultur. Hier kann man die Zellteilung beschleunigen und so die Fertigungskapazitäten stark erhöhen. Dafür wird die Zellkultur mit den Viren infiziert, die ihr Erbgut in die Zellen schleusen und sie dann zwingen Millionenfach Kopien herzustellen. Basis für den Impfstoff.

Nach der Vervielfältigung müssen die Viren aufwändig aus der Zellkultur gefiltert werden. In einem weiteren Schritt wird die Lösung mit den Viren gereinigt. Und dann - damit die Impfung keine Grippe auslösen kann - werden die Viren zerkleinert und lediglich die Antigene herausgefiltert. Und da liegt das Problem: Die Grippeviren wandern - während der Impfstoff produziert wird - langsam von der Südhalbkugel in den Norden. Dazu springen sie von Wirt zu Wirt. Infizieren immer neue Menschen und verändern sich dabei, bis sie zur Grippezeit bei uns ankommen. Sie verändern ausgerechnet die Form ihrer Antigene. Jetzt passen die Abwehrstoffe des Immunsystem - die Antikörper - nicht mehr. Das ist fatal. Die Antikörper können nicht mehr andocken und das Virus nicht mehr außer Gefecht setzen.

Deshalb ist die Grippeimpfung vergleichbar mit einer Lotterie. Es lässt sich im Februar - wenn sich die WHO für eine Impfstoffzusammensetzung entscheidet - nicht sagen, wie sehr diese "Saatviren" den Viren entsprechen, die im nächsten Winter das Grippegeschehen bestimmen.

aus der Sendung vom

Do, 15.10.2015 | 22:00 Uhr

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