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SENDETERMIN Do, 9.1.2020 | 22:00 Uhr | SWR Fernsehen

Zeitreise Kleine Geschichte der Diät

1862 wurden Fleisch und Alkohol schon zum Frühstück empfohlen, 1906 kam Trennkost in Mode, in den 1980ern Saftfasten und „friss die Hälfte“. Die Diätgeschichte ist voller Irrungen und Wirrungen.

Die Anfänge

Es ist Anfang des neunzehnten Jahrhunderts als sich der englische Arzt und Biochemiker William Prout (1815-1827) Gedanken darüber macht, was genau wir da eigentlich jeden Tag in Form unterschiedlichster Speisen zu uns nehmen. Er findet als erster heraus, dass sich unsere Nahrung in drei Stoffgruppen einteilen lässt: Proteine, Fette und Kohlenhydrate. Begriffe die fortan das Grundvokabular jeglicher Diätlehre bilden und abwechselnd hochgelobt oder verteufelt werden.

1862 löst der Engländer William Banting mit seinen Ernährungsempfehlungen die erste Diätwelle in Europa aus, obwohl der Großteil der Bevölkerung zu dieser Zeit eher ein Hungerproblem hat. Der schwergewichtige Bestatter hatte von seinem Londoner Arzt William Harvey Tipps zum Abnehmen bekommen, mit denen er 23 Kilogramm innerhalb eines Jahres verlor, ohne sich allzu sehr einschränken zu müssen: Rindfleisch, Hammel, Wildbret, Geflügel, gerösteter Fisch, Speck und Aufschnitt – Fleisch vom Frühstück bis zum Abendessen, dazu neben Tee reichlich Alkohol, etwas Obst und Gemüse, aber keine Kohlenhydrate wie Brot und Kartoffel. Im Prinzip die erste Low-Carb-Diät. Banting war so begeistert von den Diätempfehlungen seines Arztes, dass er sie als kleines Büchlein herausgab. Der „Letter on Corpulence“ avancierte schnell zum Bestseller und wurde in mehrere Sprachen übersetzt.

Essen nach der Uhr

Den nächsten Meilenstein für Abnehmwillige legte der New Yorker Arzt Howard Hay 1907 mit seiner Trennkost. Hay ging davon aus, dass der menschliche Körper Proteine und Kohlenhydrate nicht gleichzeitig verdauen könne und ihr gleichzeitiger Genuss zu einer Übersäuerung führe, die die Ursache vieler Zivilisationserkrankungen sei. Er riet deshalb dazu, diese Nahrungsgruppen nur zeitlich getrennt zu verkosten. Vereinfacht gesagt, morgens und abends nur Kohlenhydrate und mittags dafür Proteine. Sogenannte „neutrale Lebensmittel“ wie Salate und Gemüse sind dagegen zeitlich nicht eingeschränkt. Hülsenfrüchte die sowohl Proteine als auch Kohlenhydrate enthalten, sind seiner Meinung nach als Nahrungsmittel für den Menschen generell nicht zu empfehlen. Auch wenn die Grundthesen dieser Diät widerlegt sind, führt sie bei vielen Menschen dennoch zur Gewichtsabnahme, weil die klassischen Dickmacher wie zum Beispiel Burger oder Currywurst und Pommes sowohl Proteine, als auch Kohlenhydrate enthalten und deshalb nach der Hay-Diät nicht gegessen werden dürfen. Die modifizierte Trennkost, die vor allem auf Obstsäften und Rohkost basiert, wird bis heute praktiziert.

Brigitte-Diät

In Deutschland bringt 1969 die Zeitschrift Brigitte eine eigene Diät heraus. Die ausgewogene Mischkost verteufelt keine der drei Nahrungsbestandteile, ist aber kalorienreduziert. Mehr als 1500 pro Tag sind nicht erlaubt. Wöchentlich werden die Rezepte veröffentlicht und man muss sie selbst kochen. Die Diät hat in fast fünfzig Jahren viele Wandlungen durchlaufen und so bis heute überlebt.

Mit Low-Carb Diät zum Multimillionär

1972 veröffentlicht der amerikanische Kardiologe Robert Atkins das Buch „Die Diätrevolution“ und wirbt darin erfolgreich für die alte Low-Carb-Diät. Plötzlich sind Fleisch und Fett kein Problem mehr, wenn man die Kohlenhydrate weglässt. Die Physiologie dahinter: Durch das Vermeiden von Kohlenhydraten wird im Körper die Energie über eine erhöhte Fettverbrennung bereitgestellt. Damit die Energieversorgung ausreichend ist, muss deshalb der Fleischkonsum gesteigert werden. In den ersten Tagen kommt es außerdem zu einer erhöhten Wasserausscheidung, so dass sich schnell Erfolge auf der Waage einstellen. Mit zahlreichen Büchern und Nahrungsprodukten errichtet Atkins ein regelrechtes Diät-Imperium und wird so steinreich. Die Diät führt relativ zuverlässig zur Gewichtsabnahme, aber Kritiker warnen vor dem Jo-Jo-Effekt, da sich längerfristig Heißhungerattacken auf zum Beispiel Nudeln oder Weißmehlprodukte einstellen können. Auch der Cholesterin-Wert sollte wegen des hohen Fleischkonsums kontrolliert werden.

Kriminelle Diät-Propaganda

Aber schon in den 1980ern wird dann den Fetten wieder der Kampf angesagt. Die einen essen jetzt nur noch Äpfel, die anderen nur Kartoffel oder Eier. Es ist die Hochzeit von Saftfasten, Kohlsuppe und „friss die Hälfte“. Die Industrie entwickelt passend dazu sogenannte „Light-Produkte“ mit fast Null Prozent Fett. Der große Schönheitsfehler an diesen Nahrungsmitteln: Die Produkte enthalten hohe Dosen an versteckten Zuckern. Fett wurde jetzt verteufelt und Zucker mit seinen gefährlichen Nebenwirkungen geriet völlig aus dem Fokus der Wissenschaft. Vorbereitet wurde diese Verschleierung der Zuckergefahren bereits in den 60-er-Jahren durch eine gezielte Bestechung führender Wissenschaftler, die Zucker-Kritiker wie den britischen Ernährungswissenschaftler John Yudkin kalt stellten. Dazu wurden fragliche Gegenstudien finanziert, man drohte den kooperierenden Unis mit Streichung der Fördergelder und Yudkin wurde als Verrückter gemobbt. Das Ergebnis lässt sich bis heute beobachten: Durch zuckerhaltige Speisen und Getränke nimmt die Fettleibigkeit in westlichen Industrieländern weiterhin rasant zu.

Diäten mit fraglicher Wirkung

Seit der Jahrtausendwende macht ein neues Diät-Konzept von sich Reden: Auf Basis einer Gen-Analyse, die Auskunft über die individuellen Stoffwechselprozesse des Patienten geben soll, werden Ernährungsempfehlungen ausgestellt. Kostenpunkt zirka 400 Euro. Auch wenn das Verfahren bereits angewendet wird, gilt es wissenschaftlich als noch nicht ausreichend erforscht.

Und so werden weiterhin mit dem Traum von einer schnellen Erschlankung durch Diäten jedes Jahr Millionen verdient. Ob sie auch für die Diätgeplagten ein Gewinn sind, ist laut einer großen Studie der American Psychological Association mehr als zweifelhaft, denn man kommt dort zu dem überraschenden Ergebnis, dass längerfristig über zwei Drittel der Abnehmwilligen mehr als vor ihrer Diät wiegen.

Buch

Louise Foxcroft

Calories and Corsets: A history of dieting over 2,000 years

Genre:
Sachbuch
Länge:
320 Seiten

Buch

Prof. Dr. John Yudkin, Prof. Dr. Robert H. Lustig

Pur, weiß, tödlich - Warum der Zucker uns umbringt – und wie wir das verhindern können

Genre:
Sachbuch
Länge:
224 Seiten