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SENDETERMIN Do, 11.12.2014 | 22:00 Uhr | SWR Fernsehen

Gefährliche Wechselwirkungen odysso testet Apotheken

Wechselwirkungen von Arzneimitteln sind ein unterschätztes Problem: Fachleute vermuten dadurch zehntausende Tote pro Jahr. Wir testen acht Apotheken mit verdeckter Kamera: Erkennen die Fachverkäufer problematische Medikamentenkombinationen auf einem Rezept?

An der Uniklinik Heidelberg, Abteilung für Pharmakologie, holen wir uns Rat für unseren Apothekentest. Prof. Walter Haefeli unterstützt unsere Aktion gerne. Denn im Umgang mit Medikamenten, sagt er, läuft zu viel schief. Wechselwirkungen von Medikamenten seien völlig unterschätzt, erklärt der gebürtige Schweizer.

Dabei lassen Wechselwirkungen sich heute ganz einfach in einer Datenbank recherchieren, die jede Apotheken besitzen sollte - standardmäßig in die Software der Registrierkassen integriert. Warnhinweise sollten automatisch spätestens dann kommen, wenn die Preise von problematischen Medikamentenkombinationen in der Kasse addiert werden. Denn dann ist klar: Ein Kunde erwirbt Medikamente, die zusammen unverträglich sind.

Wie gut das funktioniert, wollen wir mit unserem Test herausfinden. Eine normale Fernsehkamera ist dafür zu auffällig, wir verwenden deshalb eine Knopflochkamera. Schließlich wollen wir ja das normale Alltagsgeschäft testen. Die Gespräche sind aus dem Gedächtnis protokolliert. Denn anders als Filmaufnahmen, die unter bestimmten Bedingungen erlaubt sind, sind Tonaufnahmen strikt verboten.

In einer Stadt im Südwesten starten wir unseren Test mit zwei oft zusammen verschriebenen Blutdrucksenkern und einem Schmerzmittel mit Diclophenac. Wird dies zusammen mit den Blutdrucksenkern eingenommen, kann die Nierenfunktion zusammenbrechen, und der Kaliumspiegel im Blut lebensbedrohlich ansteigen.

Erste Apotheke: Nebenwirkungen nicht erkannt

Die freundliche Apothekerin blickt kurz auf mein Rezept: "Die Firmen haben wir nicht, wie sie auf dem Rezept stehen. Sind sie da flexibel?" Wir: "Wenn ich es richtig verstehe, geht es ja um den Wirkstoff. Das ist okay." Dann folgt tatsächlich eine Beratung über Nebenwirkungen: "Die nehmen sie dann nach dem Frühstück. Die können bei dauerhafter Einnahme lichtempfindlich machen. Manchmal bekommen Patienten auch Husten. Im Winter denkt man leicht, dass sei eine Erkältung. Aber das kann vom Medikament kommen. Das sollte man wissen." Wir fragen noch einmal nach, schließlich sogar explizit nach den möglichen schweren Wechselwirkungen und der Gefahr für die Nieren. Die Apothekerin antwortet knapp: "Wenn der Arzt das so verordnet, dann werde ich mich da nicht reinhängen."

Das Nierenproblem bleibt unentdeckt. Mal sehen, ob die nächste Apotheke über mehr Informationen verfügt. Zunächst ist man hier kulant und kommt mir bei Preis und Packungsgröße entgegen. "Ich gebe Ihnen zweimal Fünfzig zum Preis der Hunderter-Packung." Spätestens, wenn die Medikamente gebongt werden, müsste die Datenbank Alarm geben. Kein Signal: "Dann sind es 46 Euro und 40 Cent." Wieder geben wir einen Hinweis: "Die Blutdrucksenker nehme ich schon lange. Das Schmerzmittel nicht. Aber die zusammen sind kein Problem?" Die Apothekerin verfügt offenbar nicht über die entsprechenden Informationen: "Nein, das gibt kein Problem. Wenn Nebenwirkungen auftreten, dann noch mal mit dem Arzt abklären. Aber sonst gibt’s hier kein Problem."

Mehr Sicherheit durch elektronische Patientenakte

Apotheke

Pharmakologe Haefeli hat dieses Ergebnis erwartet. Doch er sieht noch ein anderes Problem beim Umgang mit Medikamenten. Wer im Durchschnitt fünf Medikamente am Tag einnimmt, wie viele ältere Menschen es tun müssen, könne sich Einnahmemengen und -zeiten nicht merken, sondern müsse sich diese Angaben notieren. "Wenn Sie sich anschauen, wie unklar das notiert ist, dann wird verständlich, dass man mit solchen Notizen nicht arbeiten kann", sagt Haefeli und zeigt Beispiele von chaotisch erscheinenden Notizen, teilweise durchgestrichen, teilweise mit Datum und Uhrzeit versehen.

Haefeli plädiert deshalb für eine Art elektronischer Patientenakte. Diese mit persönlichen Informationen gefütterte Datenbank enthält einen Medikationsplan mit allen wichtigen Angaben zur Einnahme einer Arznei sowie Hinweise zum richtigen Umgang mit dem betreffenden Medikament. Patienten hätten über Smartphone, Tablett-PC oder einen anderen Computer ständig Zugriff darauf. So ließen sich zahlreiche Fehlerquellen ausschließen, sagt Haefeli und nennt ein Beispiel. "Es gibt Tabletten, die darf man nicht teilen, und trotzdem werden sie zum Teilen verschrieben. Man zerstört aber mit der Teilung die Tablette." Das kann sogar gefährlich werden, wenn die Beschichtung eine Tablette vor Magensäure schützen soll. "Dann kann es zu Vergiftungserscheinungen kommen", sagt der Pharmakologe.

Unzureichende Aufklärung in der Apotheke

Apropos Vergiftung: ein weiterer Besuch in einer Apotheke. Auch hier gibt sich die Apothekerin engagiert: "Nehmen sie die Medikation schon länger oder ist das neu?" Wir: "Neu." Die Apothekerin: "Dann müssen sie darauf achten, dass sie den Blutdruck kontrollieren."

Eine erstaunliche Information, finden wir. Schließlich geht es um Blutdrucksenker. Wer sie neu bekommt, wird von seinem Arzt in der Anfangsphase engmaschig überwacht. Auf unsere gezielte Frage nach Wechselwirkungen gerät die Apothekerin ins Faseln: "Also mit den Wechselwirkungen, Moment, da sollten wir noch mal. Dadurch, dass es auch sozusagen eine Retard-Form ist, sollten Sie das eine halbe Stunde vor dem Essen nehmen."

Mehrheit der Apotheken fällt beim Test durch

Unser Apothekentest zu gefährlichen Wechselwirkungen fällt eindeutig negativ aus. Die Schilderungen von zu beachtenden Nebenwirkungen waren erstaunlich unterschiedlich aus, obwohl es immer um dieselbe Medikamentenkombination ging. Von acht besuchten Apotheken erkannten auch nach gezielter Nachfrage nur zwei die Gefahr für die Nieren mit dem Risiko für einen tödlich hohen Kaliumspiegel im Blut. Ein absolut erschreckendes Ergebnis, finden wir. Kein Wunder, urteilt Pharmakologe Prof. Haefeli: "Wir haben sehr viele verschiedene Medikamente. Über 60.000 verschiedene Verpackungen sind im Handel. Für die braucht es Hilfen. Die können fast nur elektronisch sein." Es gehe darum, Ärzte, Apotheker und Patienten zu unterstützen, sagt Haefeli.

Unser Fazit: Wären wir nicht vorinformiert gewesen, hätten wir uns in allen Apotheken gut beraten gefühlt. Tatsächlich war die Beratung aber in sechs von acht Fällen ungenügend. Bei einem hohen Medikamentenkonsum sind Wechselwirkungen ein ernstes Problem, das wir auf keinen Fall unterschätzen sollten.

aus der Sendung vom

Do, 11.12.2014 | 22:00 Uhr

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Donnerstags um 22.00 Uhr im SWR Fernsehen.