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SENDETERMIN Do, 2.7.2015 | 22:00 Uhr | SWR Fernsehen

Naturschutz Gefährdete Kleinode

Naturschutzgebiete gehören zu den am strengsten geschützten Lebensräumen, die wir haben. Zumindest auf dem Papier. Doch die Realität sieht oft anders aus.

Strenger Schutzstandard

“Naturschutzgebiete sind unsere Natur-Perlen, die wir besonders schützen und pflegen sollten”, sagt Jörg Fürstenberger, Naturschützer des NABU Sinsheim im Kraichgau. Tatsächlich sind Naturschutzgebiete - neben den Nationalparks - die auf dem Papier am besten geschützten Lebensräume in Deutschland. 1.047 Naturschutzgebiete gibt es in Baden-Württemberg, sie bedecken 2,5 Prozent der Landesfläche. Ihr Schutz dient immer einem besonderen Zweck, der bei der Ausweisung als “Schutzzweck” definiert wird. Doch wird dieser oftmals nicht erreicht.

Arten verschwinden

Jörg Fürstenberger und Hilmar Grzesiak laufen durch das Naturschutzgebiet “Brühlwiesen” in Sinsheim. Die ehrenamtlichen Naturschützer wollen wissen, in welchem Zustand das Naturschutzgebiet ist. Es liegt am Ufer der Elsenz, die das Gebiet bei Hochwasser regelmäßig überflutet. Hilmar Grzesiak zieht aus seinen Unterlagen ein Foto von 1980. Es zeigt eine offene Fläche, bewachsen mit Schilf- und Riedgräsern.
Heute sieht diese Fläche ganz anders aus. Weiden haben die Gräser überwachsen und ragen fünf Meter in den Himmel hoch. Das Problem: Die Weiden rauben den Riedgräsern das Licht, an manchen Stellen sind die Gräser bereits verschwunden. Dabei waren die Riedgräser ein Grund, die Brühlwiesen im Jahr 1981 als Naturschutzgebiet auszuweisen. Der Erhalt der Riedgräser wird im “Schutzzweck” der Verordnung explizit als Ziel genannt. Wenn die Fläche jedoch weiter sich selbst überlassen wird, werden die Weiden die Riedgräser vollständig verdrängen, der Schutzzweck würde verfehlt.

Fehlende Pflegemaßnahmen

Um die Riedgräser zu erhalten, müsste man die Weiden entfernen. Eine Pflegemaßnahme, die ursprünglich auch mal geplant gewesen war. In den 1990er Jahren wurde ein “Pflege- und Entwicklungsplan” für das Naturschutzgebiet erstellt. Darin heißt es, dass die Feuchtflächen offen gehalten werden sollen. Passiert ist dies nicht.
Dass zum Erhalt von Lebensräumen notwendige Pflegemaßnahmen nicht durchgeführt werden, ist kein Einzelfall. Das weiß auch das zuständige Ministerium für Ländlichen Raum und Verbraucherschutz. In der 2013 veröffentlichten “Naturschutzstrategie Baden-Württemberg” heißt es ganz offiziell:

Zwei Männer laufen durch hohes Gras

“Die Betreuung […] der gesetzlich geschützten Biotope im Offenland […] ist oftmals ungenügend.” Auch der Grund wird genannt: “[…] die für die Kreispflegeprogramme zuständigen unteren Naturschutzbehörden können mit dem vorhandenen Personalbestand und den derzeit zur Verfügung gestellten Landschaftspflegemitteln bei Weitem nicht alle Anforderungen erfüllen.”

Politik verspricht Besserung

Der Minister, Alexander Bonde, verspricht Besserung: “Wir tragen mit einer besseren Landschaftspflegerichtlinie, auch mit mehr Personal in der Fläche über die Landschaftserhaltungsverbände hier Sorge, dass die Pflege verbessert wird.”
Pflege kann ganz unterschiedlich aussehen. Die Regierungspräsidien beschäftigen kleine Pflegetrupps, die aufwachsende Bäume entfernen, Wiesen mähen oder umgefallene Schilder erneuern. Viele Naturschutzgebiete werden auch von Naturschutzverbänden wie dem NABU oder dem BUND gepflegt. Oder von Landwirten, die Geld vom Staat erhalten, damit sie die Flächen im Sinne des Naturschutzes bewirtschaften. Dazu gehört zum Beispiel eine späte Wiesenmahd, damit Blütenpflanzen genügend Zeit haben, Samen zu bilden. Doch halten sich die Landwirte nicht immer an die Auflagen.

Missachtung der Vorschriften

Heidi Manschott beobachtet seit vielen Jahren die Situation im Naturschutzgebiet “Feuchtgebiete am Ilvesbach”, gleich neben der A6 in Sinsheim. Hier darf der Landwirt erst spät im Jahr mähen, das schreibt der Pflegevertrag mit der Stadt vor.
“Er hat sich nie an die Auflagen gehalten”, erzählt Heidi Manschott. “Er denkt natürlich an sich selbst, und dass er möglichst weiches Gras bekommt, wogegen wir Naturschützer mehr dran interessiert sind, dass die Blumen anfangen zu blühen, die Wiesenblumen, und dass die sich auch ein Weilchen halten.”
Heidi Manschott meldete ihre Beobachtungen immer wieder an die Naturschutzbehörden. Die suchten schließlich das Gespräch mit dem Landwirt. Möglich, dass er sich nun an die Auflagen halten wird. Der Fall zeigt, dass sich dort die Lage bessern kann, wo sich Menschen für die Naturschutzgebiete einsetzen.
Andererseits sind es aber auch die Bürger selbst, welche immer wieder Tiere und Pflanzen in den Naturschutzgebieten stören. Sie verlassen die erlaubten Gehwege, lassen ihre Hunde laufen, lagern oder missbrauchen das Gebiet als Mülldeponie.

Hui und Pfui

Wie komplex die Situation ist, zeigt das Naturschutzgebiet “Brühlwiesen”. Gleich neben den Riedgräsern, die von den Weiden verdrängt zu werden drohen, schließt sich ein trockener Steilhang an. Hier blühen zwischen alten Obstbäumen, Feldgehölzen und Steinriegeln hübsche Blütenpflanzen wie der Große Ehrenpreis, Klappertopf oder Wachtelweizen. Sie können sich nur hier halten, weil die Wiese regelmäßig gemäht und das Schnittgut entfernt wird. Hilmar Grzesiak findet diesen Teil des Naturschutzgebietes vorbildlich. “Wenn sie alle aussehen würden wie das hier”, sagt er, “dann wären wir zufrieden, dann wären wir einen ganzen Schritt weiter.”

aus der Sendung vom

Do, 2.7.2015 | 22:00 Uhr

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