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SENDETERMIN Do, 9.4.2015 | 22:00 Uhr | SWR Fernsehen

Passive Sterbehilfe Freiheit der Selbstbestimmung

Die Freiheit zur Selbstbestimmung zählt zu unseren Grundrechten. Deshalb ist es laut Medizinanwalt Wolfgang Putz von zentraler Bedeutung, dass Menschen selbst bestimmen, wann und wie sie sterben möchten.

Eine Frau liegt in einem Bett. Sie hält Blumen in ihren verschlossenen Händen.

"In der Medizin haben wir zwei Störfaktoren", sagt Wolfgang Putz. "Das sind die Ärzte, die glauben, sie dürfen allein entscheiden und die Lebensschützer, die glauben, alles was ein Leben verlängert, müsse zum Einsatz kommen. Beiden ist gemeinsam, dass sie nicht respektieren, was der Patient für richtig hält."

Der Anwalt für Medizinrecht kämpft seit über 30 Jahren für ein Recht auf selbstbestimmtes Sterben. Er studierte Ende der 1960er Jahre. Das hat ihn geprägt. Wolfgang Putz demonstrierte mit seinen Kommilitonen gegen die Notstandsgesetze, die Regelungen des Grundgesetzes einschränken sollten, um die Handlungsfähigkeit des Staates in Krisensituationen auszuweiten. Das schärfte sein Rechtsbewusstsein: "Ich hab gemerkt, wie wichtig es ist, dass wir eine der freiheitlichsten Verfassungen auf der ganzen Welt haben", so der Münchner. "Die Freiheit der Selbstbestimmung, die Freiheit der Religionsausübung - das alles sind die obersten Werte unserer Rechtsordnung. Das war für mich ein Grund dafür zu kämpfen."

Die Patientenverfügung verhindert Konflikte

Wenn Wolfgang Putz heute seine Mandanten berät, dann beruft er sich ausschließlich auf das Grundgesetz. Und hier auf Artikel zwei, der das Recht auf Selbstbestimmung garantiert, solange man dabei keine Rechte von anderen verletzt. Damit sei auch die eigene Definition von Würde verfassungsrechtlich geschützt. Genau die sieht der Münchner bei vielen Sterbenden verletzt: "Wenn ein Patient ein Weiterleben mit Alzheimer, kompletter Lähmung oder im Koma ablehnt, dann müssen wir das respektieren", erklärt Putz. "Wenn man ihn dann gegen seinen Willen ärztlich behandelt, dann ist das Körperverletzung und das ist strafbar."

Die Konflikte entstehen trotzdem. Und zwar dann, wenn nicht klar ist, was der Sterbende möchte beziehungsweise wenn dies nicht in Form einer Patientenverfügung fixiert wurde. Dann fühlen viele Ärzte sich verpflichtet, Leben zu erhalten. Oder Angehörige wollen die Entscheidung zur Abschaltung der Geräte nicht fällen. Es kann aber auch noch weiter gehen und auch hier scheiden sich die Geister: "Für mich ist die Beihilfe zur Selbsttötung eines Patienten dann ethisch zu vertreten, wenn der Patient, dem ich helfe, freiverantwortlich ist und trotz aller Angebote bei seiner Entscheidung bleibt", so Putz.

Sterbehilfe als Kostenbremse?

Demgegenüber heißt es bei der Bundesärztekammer: "Ärzte dürfen keine Hilfe zur Selbsttötung leisten." Zwar haben nur zehn der 17 Landesärztekammern diesen Satz übernommen, andere haben ihn abgeschwächt. Bayern und Baden-Württemberg ließen ihn ganz weg.
Doch was ist, wenn in einer alternden Gesellschaft diese passive Sterbehilfe tatsächlich zur Kostenbremse eingesetzt wird? Wenn Alte und Kranke dazu gedrängt würden, ihrem Leben ein Ende zu setzen? "Das kann eine Gesellschaft alles", verdeutlicht Wolfgang Putz. "Nur dann muss man die Gesellschaft ändern. Dann muss man Kampagnen machen und Geld in die Versorgung der Alten pumpen. Aber man kann das nicht korrigieren, indem man den Menschen ihr Recht nimmt, eine zukünftige Lebensgestaltung als nicht mehr lebenswert anzusehen und sich zum Beispiel nicht mehr künstlich lebensverlängern zu lassen."

Vorurteile ausräumen

Hier will der Anwalt Ordnung schaffen. Sein Ziel ist es, Emotionalitäten aus dem Prozess zu verbannen und Vorurteile auszuräumen. Im US Bundesstaat Oregon ist assistierte Selbsttötung zum Beispiel seit 1997 erlaubt. Seitdem ist die Zahl der assistierten Suizide nicht angestiegen. Sie liegt konstant bei zwei Promille sämtlicher Sterbefälle. Zudem zeigen Untersuchungen, dass die wenigen Patienten, die einen Suizid erwägen und sich dann Medikamente besorgen, diese häufig gar nicht einsetzen.

Verantwortungsvoll mit dem Tod umgehen

Sein eigenes Sterben hat Wolfgang Putz schon genau geregelt. Dabei soll die Palliativmedizin eine wichtige Rolle spielen. Besonders wichtig ist ihm auch, dass seine Frau bis zum Ende bei ihm ist: "Meine Sicht der Dinge ist mit meiner kritisch religiösen Sicht vereinbar. Wenn der liebe Gott mich ruft, komme ich halt gleich." So hat für ihn das Sterben seinen Schrecken verloren. Allerdings nur, wenn es so abläuft, wie er es für richtig hält.