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SENDETERMIN Do, 9.6.2016 | 22:00 Uhr | SWR Fernsehen

Ernährungsleitlinien Fragwürdige Ernährungsrichtlinien

Die Empfehlungen der deutschen Gesellschaft für Ernährung sind längst nicht mehr auf dem Stand der wissenschaftlichen Erkenntnisse, sagen Kritiker.

Der Mainzer Wochenmarkt ist ein Einkaufspardies. Hier gibt es alles, was der Magen begehrt. Aber ist es auch gesund? Bei Obst und Gemüse kann man nicht viel falsch machen. Die sind voller Vitamine. Und in Getreideprodukten und Kartoffeln gibt es die guten Ballaststoffe. Aber im Fleisch lauern doch Rückstände oder? Hormone, Antibiotika – regelmäßig erscheinen in der Presse negative Berichte. Und Cholesterin in Wurstprodukten und im Käse gilt als gefährlich für Herz und Kreislauf.

So sieht das die Deutsche Gesellschaft für Ernährung (DGE). Die uns erklärt, was wir zu essen haben. Angeblich streng nach dem Erkenntnisstand der Wissenschaft verbreitet sie prägnante Ernährungsregeln. Ihr „Ernährungskreis“ soll zeigen, wovon wie viel gesund ist. Kohlenhydrate, Eiweiß, Fette. Angeblich muss das alles richtig dosiert sein. Fleisch und Eier sollten nur in Maßen konsumiert werden, heißt es auf der Website. Und im DGE-Ernährungskreis machen diese Eiweiße nur einen schmalen Sektor aus. Wegen der Risiken für Herz und Kreislauf. Das predigt die DGE seit Jahrzehnten. Kohlenhydrate dagegen aus Getreide und Kartoffeln seien immer gesund – sagt die DGE.

Die alten Zöpfe der DGE

Das ist gefährlicher Unsinn, hält Dr. Johannes Scholl, Vorsitzender der Akademie für Präventivmedizin dagegen. Die DGE hinke der Wissenschaft hinterher: „Die Ernährungsempfehlungen der DGE sind nach meiner Einschätzung schon seit mehr als zehn Jahren wissenschaftlich überholt. Ich halte es für einen schwerwiegenden Fehler, allen viele Kohlenhydrate zu empfehlen. Denn gerade im Zeichen von Bewegungsmangel, immer mehr Übergewichtigen führt eine hohe Kohlenhydrat-Zufuhr, wenn die nicht durch sportliche Tätigkeiten verdient ist, zu Problemen mit mehr Fettleber und mehr Diabetes.“

Auch Prof. Peter Nawroth, Direktor der Heidelberger Klinik für Stoffwechselkrankheiten, sieht keinen Sinn in den engen Vorgaben der DGE. Schon gar nicht als allgemeine Empfehlungen für Alle. „Es ist nicht richtig, dass der Nahrungskorridor so eng ist und dass ich anders im Kehrsatz weiß, welches für Sie genau die richtige Ernährung ist. Wir Menschen unterscheiden uns mehr als Kostformen und bis jetzt kann ich als Arzt oder als Wissenschaftler nicht vorhersagen, was für sie die richtige Ernährung ist – Wenn ich drunter verstehe: richtige Ernährung zur Verhinderung von Krankheiten. Das kann ich bis heute nicht.“

Viele der DGE-Empfehlungen stammen aus sogenannten Beobachtungsstudien. Ernährungsverhalten und Gesundheitszustand vieler Menschen werden dabei protokolliert. In diesen Beobachtungsstudien zeigt sich tatsächlich ein Zusammenhang zwischen hohem Fleischkonsum und vielen Krankheiten. Doch das ist zunächst nur eine sogenannte Korrelation, eine zufällige Übereinstimmung der Daten.

Irreführende Korrelationen in Beobachtungsstudien

Tatsächlich hatten Personen, die viel Gemüse aßen, weniger Krankheiten. Aber auch das ist nur eine Korrelation. Denn Gemüseesser sind auch insgesamt gesundheitsbewusster. Rauchen seltener und trinken weniger Alkohol, machen mehr Sport. Betrachtet man die Fleischesser mit demselben gesunden Lebensstil, haben die nicht mehr Krankheiten als die Gemüsefreunde. Korrelationen zwischen Daten zeigen eben nicht notwendiger Weise einen ursächlichen Zusammenhang.

Peter Nawroth wundert sich daher, wie leichtfertig trotzdem mit solchen Korrelationen umgegangen wird. Und er hat einige absurde Beispiele gesammelt: „Eine Korrelation ist zunächst mal nur eine Hypothese und muss weiter untersucht werden. Es ist eine Annahme und diese Annahme kann absoluter Quatsch sein.“

So gäbe es eine Korrelation zwischen Scheidungsrate und Margarine-Konsum in Maine (USA). Ebenso ließe sich eine Korrelation zwischen Motorradunfällen und dem Konsum von saurer Sahne finden. Oder – um noch ein verrücktes Beispiel zu geben – die Korrelation von versehentlichem Strangulieren mit Bettzeug und dem Konsum von Käse. Der Heidelberger Mediziner ist sich sicher: „Also es ist offensichtlich: Mit Korrelationen kann man Menschen verwirren. Man kann Unfug stiften. Und deswegen kennen wir in der Medizin den Unterscheid zwischen Beobachtungsstudien und Interventionsstudien.“

Mit Interventionsstudien lassen sich echte ursächliche Zusammenhänge von Daten zeigen. Dazu werden Versuchsteilnehmer zufällig auf zwei Gruppen verteilt. Nur eine Gruppe erhält eine Intervention – beispielsweise besonders viel tierisches Fett. Dann wird untersucht, ob sich zwischen den Gruppen Unterschiede in der Gesundheit entwickeln. Diese Studien zeigten: eine Gefahr durch tierisches Fett, wie die DGE sie sieht, gibt es nicht.

Präventionsmediziner Johannes Scholl kritisiert, dass die DGE mit ihren Empfehlungen an den wahren Problemen vorbei zielt: „Die Fokussierung der DGE auf die bösen Fette, auf die gesättigten Fette, war ebenfalls nicht richtig. Wir haben ganz andere Probleme, die mehr in die Richtung einer zu hohen Zuckerbelastung gehen. Insbesondere bei Bewegungsmangel. Und betrachtet man die Entwicklung in den letzten Jahrzehnten: die Leute haben weniger Fett gegessen und sind trotzdem dicker geworden. Offensichtlich hat das ja so nicht funktioniert.“

Ernährung ist für viele eine Ersatzreligion

Doch warum hält die DGE so beharrlich an ihren Positionen fest? Ist es ihr peinlich, zuzugeben, dass sie Jahrzehnte lang mit ihren Empfehlungen daneben lag? Peinlichkeit – sagt Peter Nawroth – sei nicht das Problem. Sondern es sei die Ersatzreligion Ernährung und die Ersatzreligion Lebensstil, von der sich die DGE offensichtlich nicht verabschieden könne.

Die perfekte Ernährung – es gibt sie nicht. Zum Glück. Sonst wären wir vermutlich längst ausgestorben. Stattdessen hat sich unser Körper in Millionen Jahren Evolution an ganz unterschiedliche Ernährungsbedingungen angepasst. Und so bleibt als Ernährungsempfehlung eigentlich nur eine wesentliche Erkenntnis gültig: abwechslungsreich essen.

aus der Sendung vom

Do, 9.6.2016 | 22:00 Uhr

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