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SENDETERMIN Do, 14.9.2017 | 22:00 Uhr | SWR Fernsehen

frag odysso Wie gefährlich sind Neonicotinoide?

Neonicotinoide gehören zu den meistverkauften Insektiziden in Deutschland. Doch sie gelten als schädlich für Bienen, Hummeln und andere nützliche Insekten. Was sagt die Wissenschaft?

Seit ein paar Jahren sind sie kaum noch zu finden, jene toten Insekten, die die Windschutzscheibe unserer Autos früher im Sommer verschmierten. Die klare Sicht unserer Zeit hat einen traurigen Grund, meinen Wissenschaftler. Verantwortlich dafür machen die Experten sogenannte Neonicotinoide, die in der Landwirtschaft eingesetzt werden. Nervengifte, mit denen die Schädlinge bekämpft werden sollen und die nun zum massenhaften Sterben der Insekten beitragen.

Wie gefährlich sind eigentlich diese Neonicotinoide wirklich?

Diese Insektizide verteilen sich etwa beim Mais aus dem mit Neonics-behandelten Saatgut heraus bis in die Wurzeln und Blattspitzen, wo sie eigentlich stechend-saugende Schädlinge töten sollen. Doch auch für die Pflanze völlig harmlose Insekten sterben. Von einem weltweiten Rückgang der Insekten von bis zu 80 Prozent ist die Rede, mitverursacht durch die Neonics. Dagegen will Dr. Frank Baum etwas tun. Der pensionierte Biochemiker gehört zu einer Gruppe von Naturschützern, die sich unseren heimischen Insekten verschrieben hat. In ihren Kontrollfallen, so stellen er und seine Mitstreiter fest, sind von Jahr zu Jahr immer weniger Krabbler zu finden. Auf die fehlenden Insekten in der Natur machte er sogar in einem offenen Brief die Landesregierung von Baden-Württemberg aufmerksam. Credo: stoppt das Insektensterben.

Welche Rolle könnten die Neonicotinoide seiner Meinung nach in Bezug auf das Insektensterben haben? „Sie haben sicherlich eine nicht zu vernachlässigende Wirkung auf das Ökosystem, speziell auf die Insekten. Da sind sich eigentlich alle unabhängigen Fachleute und Wissenschaftler einig. Das hat damit zu tun, dass die Neonicotinoide unterschiedlich lange aber überwiegend doch recht lange Haltbarkeitszeiten haben. Das heißt sie persistieren im Boden, im Wasser, auch im Grundwasser, werden langsam, zu langsam abgebaut und zum anderen sind sie halt hochtoxisch und das macht sie so gefährlich“ meint der Naturschützer.

Mitauslöser des Bienensterbens

Wie gefährlich diese Insektizide tatsächlich sind, zeigt sich etwa im Jahr 2008 als sich im Südwesten das deutschlandweit größte Bienensterben ereignet. Verantwortlich dafür: ein Neonicotinoid das Maispflanzen schützen sollte. Die Bienen werden davon orientierungslos, finden den Bienenstock nicht mehr. Bilanz: rund 11.500 geschädigte Bienenvölker in Baden-Württemberg. 2013 beschränkt deshalb die EU den Pestizid-Einsatz. Und heute? Nach wie vor sind diverse Neonics im Einsatz. An die Universität Koblenz-Landau beginnen gerade Forschungsarbeiten zur Langlebigkeit der hochwirksamen Gifte. Im Fokus der Umweltwissenschaftler um Ralf Schäfer steht die Wirkung auf das Wasser. Kontaminierte Blattreste etwa könnten Jahre nach der Ausbringung des Giftes von den Wassertieren als Nahrung aufgenommen werden. Damit könnte der Neonics-Einsatz vor allem für die Wasser-Insekten dramatische Folgen haben, meint der Umweltwissenschaftler. „Durch ihre Wasserlöslichkeit dringen sie eben in die Pflanze ein, wirken sozusagen systemisch in allen Pflanzenteilen. Und da stellt sich die Frage, was dann passiert. Und wenn diese Insektengruppen ausfallen, dann kann das durchaus beeinträchtigt sein. Und hat auch Rückwirkungen auf die Wasserqualität von den Menschen.“ Denn Wasserinsekten fressen etwa Mikroben, die bei unkontrollierter Vermehrung unser Trinkwasser gefährden können. So gefährden die Neonics indirekt auch den Menschen.

Auch Wassertiere sind betroffen

Erste Ergebnisse an Flohkrebsen zeigen, dass auch diese Wassertiere, obwohl keine Insekten, empfindlich auf Neonicotinoide reagieren, denn sie ernähren sich von Blättern. Je mehr Gift diese enthalten, umso stärker zeigt sich eine Änderung im Fressverhalten der Krebse. Bei zunehmender Konzentration fressen die Tiere weniger von ihrem Laubmaterial. „Das ist im Prinzip wie eine ungewollte Diät. Je nachdem wie lange so eine Belastung anhält, ist das natürlich ungünstig für das Individuum, für den Bachflohkrebs und auf längere Sicht natürlich auch für seine ganze Population“, meint der Landauer Umweltforscher Dominic Englert. Die Wissenschaftler an der Uni Koblenz-Landau drücken sich noch zurückhaltend aus, doch der Einsatz langlebiger Neonics sogar im privaten Gartenbedarf bis hin zum Antiflohmittel im Haushalt, lässt vermuten, dass unsere Umwelt über die Ausbringung in der Landwirtschaft hinaus mehr und mehr belastet wird.

Auch wenn noch die Ergebnisse zur Langzeitwirkung fehlen: die Insekten sterben massenhaft. Müsste also nicht der großflächige Einsatz von Pestiziden stärker reguliert, die Neonics verboten werden werden? Dazu befragten wir den baden-württembergischen Landwirtschaftsminister Peter Hauk.

Landwirtschaftsminister sieht kaum Gefahren

„Die Neonics sind zugelassen und so insofern sie nach entsprechenden Vorgaben ausgebracht werden auch unproblematisch und ungefährlich. Wenn allerdings die Vorgaben der Ausbringung nicht eingehalten werden, da haben wir schon vor zehn Jahren das Bienensterben gehabt. Das war nicht zurückzuführen das Neonicotinoide verwendet wurden, sondern das war auf eine unsachgemäße Ausbringung und Aufbereitung des Materials zurückzuführen.“ Der Minister sieht also keinen großen Handlungsbedarf, hält Neonics bei richtiger Anwendung für ungefährlich.

Bisherige wissenschaftliche Ergebnisse deuten in eine andere Richtung, auch wenn der tatsächliche Beweis eines Zusammenhangs von Insektensterben und Neonikotinoiden tatsächlich noch nicht erbracht werden konnte. Wissenschaftler bemängeln, dass Feldstudien dies nicht leisten können, da die negativen Einflüsse auf Bienen und Co sich nicht trennen lassen. Neben der Pestizidbelastung gefährden etwa die Zerschneidung der Landschaften mit Straßen, Industrieflächen und Wohngebieten neben der Zerstörung natürlicher Wiesen die Arten.

Sicher ist, Insekten sind wichtige Bestäuber, und die Nahrungsgrundlage für andere ebenfalls bedrohte Tiere, wie Vögel oder Fledermäuse. Und auch unsere Ernährung wird ganz unmittelbar von der Honig-Biene gesichert. Wenn also die Entwicklung weiter geht, werden sie und andere Arten aus unserer Landschaft verschwinden und Pestizide werden an diesem Sterben beteiligt sein.

Wie gefährlich sind nun die Neonicotinoide? Ich würde sagen: ziemlich gefährlich, auch weil man noch gar nicht weiß, welche mittelfristigen und langfristigen Auswirkungen sie auf die Umwelt und damit eben auch auf uns Menschen haben werden. In jedem Fall sollte man ganz genau kontrollieren, wo und wie sie in der Landwirtschaft, aber auch in unseren Gärten und im Haushalt eingesetzt werden.

aus der Sendung vom

Do, 14.9.2017 | 22:00 Uhr

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