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SENDETERMIN Do, 6.8.2009 | 22:00 Uhr | SWR Fernsehen

Folgen von Diabetes Unnötige Fußamputationen

Es beginnt häufig mit einem Kribbeln in den Füßen, so als wäre ein Heer von Ameisen dort unterwegs. Wer an Diabetes leidet sollte dieses Warnsignalernst nehmen, denn dann ist der Fuß in Gefahr. Wer nicht schnell reagiert und eine Gefäßbehandlung vornehmen lässt, dem bleibt irgendwann nur noch die Amputation. Nun würde man denken, dass in unseren Kliniken alles getan wird, um Gliedmaßen zu erhalten und das Abtrennen wirklich die allerletzte Option ist. Doch dieses Denken scheint sich bei vielen Chirurgen noch nicht durchgesetzt zu haben.

Zwei nackte Füße

Füße müssen viel aushalten

Dabei sind unsere Füße ein ganz besonderes Körperteil. Sie führen uns im Schnitt zwei Mal um die Erde. Sie gehen, laufen und springen ohne das Gleichgewicht zu verlieren. Dabei lastet das gesamte Körpergewicht auf ihnen. Ein Viertel der 208 bis 215 Knochen des Menschen, 26 pro Fuß, und 23 verschiedene Muskeln sorgen dafür, dass das gut geht. Der Fuß ist also ein komplexes System, bei dem der Verlust auch nur eines Teiles große Einschränkungen nach sich zieht.

Gestörte Durchblutung

Insgesamt 62.000 Amputationen werden jährlich in Deutschland durchgeführt. Zwei Drittel davon haben als Ursache den Diabetes. Man spricht vom diabetischen Fußsyndrom. Durch den Diabetes wird die Durchblutung des Beines und des Fußes gestört. Dazu kommt, dass die Nervenstränge absterben. Somit merkt der Diabetiker oft Verletzungen seiner Gliedmaßen nicht. Sogar Brüche im Fuß bleiben unbemerkt. Das führt dazu, dass die verletzten Bereiche am Ende absterben.

So kommt es in Folge des Diabetes in Deutschland jährlich zu etwa 40.000 Amputationen von Ober- und Unterschenkeln, Füßen oder Zehen. Nach Meinung des Diabetolgen Professor Maximilian Spraul vom Mathias-Spital in Rheine sind das deutlich zu viele Amputationen: „Man kann davon ausgehen, dass bis zu 50 Prozent vermeidbar sind. Dies ist auch eine Forderung der Internationalen Diabetesgesellschaft, der IDF, die sagt, 50 Prozent weniger Amputationen durch entsprechende Vorsorge und gute Behandlung. In Deutschland haben wir dies sicherlich nicht erreicht, in einzelnen Ländern wie Dänemark oder in einzelnen Bezirken von Schweden wurde das erreicht.“

Medizinisches Entwickungsland

Deutschland dagegen ist, was die Versorgung des diabetischen Fußes angeht, immer noch ein Entwicklungsland. Deshalb landen auch in Rheine immer wieder Patienten die nicht sorgfältig untersucht und behandelt wurden. Ein Beispiel ist Peter Sydow. Dem Rentner wurde nach einer Achillesfersenverletzung eine Schiene angepasst, die ihm fast das Bein kostete. Denn der behandelnde Orthopäde hatte nicht beachtet, dass Peter Sydow Diabetiker ist. Die Schiene drückte am Fuß. Mehr oder weniger zufällig kam der Rentner dann in das Mathias-Spital, eine von rund hundert Diabetes Fachkliniken in Deutschland. Erst dort traf er auf Fachärzte die seinen Fuß jetzt strukturiert behandeln.

Kein Spezialist für Diabetischer Fuß

Älterer Mann sitzt am Krankenbett und hält schnallt die Stützmanschette auf

Peter Sydow hat Glück gehabt

Peter Sydow ist kein Einzelfall. Immer wieder werden Beine oder Füße amputiert, weil die Folgen des Diabetes von den behandelnden Ärzten missachtet werden, kritisiert Maximilian Spraul: „Man hat sich viele Jahre um den diabetischen Fuß wenig gekümmert. Die Diabetologen haben sich wenig gekümmert, aber auch die anderen Professionen. Der diabetische Fuß ist ein Krankheitsbild, das, sagen wir mal, in die Bettritze fällt. Keiner ist richtig zuständig, oder alle sind zuständig. Manchmal werden die Patienten vom Chirurgen betreut oder vom Gefäßchirurgen, manchmal vom Hautarzt, manchmal vom Hausarzt.“

Auch wenn sich die Situation langsam verbessert - für eine flächendeckende Versorgung gibt es in Deutschland noch immer zu wenig spezialisierte Kliniken wo, wie in Rheine, Diabetologen, Internisten, Chirurgen und Gefäßchirurgen direkt zusammen arbeiten und sich ergänzen.

Gefäßverengung im Bein

Eine besondere Rolle kommt der Gefäßchirurgie zu. Denn die Durchblutungsstörungen des Fußes haben ihre Ursache häufig schon in Gefäßverengungen im Bein. Und die können vom Gefäßspezialisten früh erkannt, und dann durch einen Bypass, ähnlich wie bei Herzoperationen, behoben werden. Die Durchblutung im Fuß bleibt so erhalten. Der Gefäßchirurg Gerd Rudolf Lulay vom Mathias-Spital fordert deshalb, dass Diabetiker schon bei geringsten Verletzungen am Fuß oder Bein auch zum Gefäßspezialisten gehen sollten. Liegen solche Strukturen nicht vor, passiert es schnell, dass eine falsche Entscheidung getroffen wird, denn häufig bleibt wenig Zeit zum handeln.

Amputation lohnenswerter als die Erhaltung des Beines

Für Prof. Spraul kommt auch noch ein finanzielles Problem hinzu: "Es ist tatsächlich so: Wenn Sie den Unterschenkel abschneiden, haben Sie nach 14 Tagen den Patienten entlassen und er geht in eine Rehabilitation, die die Kasse zahlen muss, aber nicht das Krankenhaus. Und das Krankenhaus hat daran verdient. Wenn wir einem Patienten das Bein erhalten, und ihn sechs oder acht Wochen stationär behandeln, was häufig der Fall ist, dann bekommt unser Krankenhaus dafür weniger Geld. So lange das so ist, werden auch sicherlich weiterhin in kleineren Krankenhäusern ohne spezialisierte Abteilung fleißig Unterschenkel amputiert werden."

Gesundheitsreform und die Fallpauschalen

Eine der Ursachen liegt in der Gesundheitsreform. 2004 kam das Gesundheitsministerium auf die Idee, die Verweildauer in Krankenhäusern zu verkürzen. Das Ergebnis war die Einführung von Fallpauschalen. Die Krankenhäuser sollten nach Leistung bezahlt werden. Dr. Klaus Theo Schröder, Staatssekretär im Gesundheitsministerium, ist zufrieden: „(...) Wir haben weniger Komplikationen, weniger schwere Fälle und das zeigt, dass die Behandlungskonzepte und deren Finanzierung im Grundsatz richtig aufgestellt sind.“

Wenig Einsicht also im Ministerium für Gesundheit. Dabei ist auch dort bekannt, dass die Amputationszahlen in Deutschland immer noch zu hoch sind. Somit bleibt dem Patienten letztlich nur der Selbstschutz. Das heißt zuerst einmal besonderes Augenmerk auf die eigenen Füße gepaart mit gründlicher Fußpflege. Dann ist die Wahl eines kompetenten Hausarztes besonders wichtig. Kompetent heißt: gute Kenntnis des Diabetes und die Fähigkeit, die Diabetespatienten bei auftretenden Risiken schnell an Spezialisten oder an spezialisierte Kliniken weiterzuleiten.

aus der Sendung vom

Do, 6.8.2009 | 22:00 Uhr

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