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SENDETERMIN Do, 29.11.2018 | 21:00 Uhr | SWR Fernsehen

Neue Arbeitszeitmodelle Flexibler im Job

Nur noch fünf Stunden am Tag arbeiten – bei vollem Gehalt und Urlaub. Kann nicht funktionieren? Doch! Ein Bielefelder IT-Unternehmer macht in seiner Agentur die Probe aufs Exempel.

"Kurzarbeit" statt Dauerpräsenz

Der Arbeitstag bei der Bielefelder Kommunikationsagentur "Digital Enabler" dauert offiziell fünf Stunden, von 8 bis 13 Uhr. Ein Experiment, das Lasse Rheingans sich und seinen 15 Mitarbeitern vor einem Jahr verordnet hat, als er die Agentur frisch übernommen hatte. Hintergrund: Im vorherigen Job hatte der Vater zweier kleiner Kinder selbst oft zehn, zwölf Stunden im Büro zugebracht – und suchte nach einer Lösung, wie sich Beruf und Familie für ihn selbst und seine ebenfalls berufstätige Frau besser vereinbaren lassen. Die Reaktion der Kollegen reichte von Freude bis zu Skepsis, ob das Arbeitspensum denn in so kurzer Zeit zu schaffen sei.

Zeitfresser eliminieren

Zusammen mit seinem Team machte sich Rheingans auf die Suche nach den größten Zeitfressern. Ganz vorneweg: Die ständige Erreichbarkeit per E-Mail und Handy. Seither werden in Bielefeld die Mails nur noch zu Beginn und zum Ende des Arbeitstages gecheckt und geprüft, was wirklich dringend ist. Meetings werden kurzgehalten – und nur noch mit den Mitarbeitern abgehalten, die tatsächlich dabei sein müssen. Private Themen sollen die Kolleginnen und Kollegen am Nachmittag erledigen – und selbst das Schwätzchen an der Kaffeemaschine fällt mittlerweile meistens aus.

Ständige Erreichbarkeit auf dem Handy und E-Mail-Fluten stören die Konzentration

Ständige Erreichbarkeit auf dem Handy und E-Mail-Fluten stören die Konzentration. Unnötige Zeitfresser sollten daher möglichst eliminiert werden. Auch feste Verabredungen, Mails nur einmal morgens und einmal abends zu lesen helfen, den Arbeitstag besser zu strukturieren.

Kürzer ist produktiver

Arbeitspsychologen bestätigen: Kürzere Arbeitszeiten sind produktiver, pro Stunde schafft ein Mitarbeiter mehr als an einem langen Arbeitstag in der achten, neunten oder zehnten Stunde. Dieser Produktivitätsgewinn lässt sich durch höhere Motivation und anfänglich größere Leistungsfähigkeit erklären. Allerdings: Gleiches Pensum in kürzerer Zeit bedeutet auch mehr Arbeitsverdichtung und Druck. Man muss sich stärker konzentrieren, kleine Pausen fallen aus.

Flexible Arbeitszeitmodelle

Bei SAP im baden-württembergischen Walldorf geht man andere Wege: Hier gibt es eine Reihe verschiedener Arbeitszeitmodelle: Homeoffice, Sabbatical, Teilzeit – selbst in Führungspositionen. Der Grundgedanke: Mitarbeiter sollen ihre Ziele eigenständig und innerhalb der vereinbarten Zeit erreichen. An welchem Ort und in welcher Arbeitszeit, bleibt ihnen überlassen und ist Vertrauenssache. Präsenz im Büro ist nicht erforderlich, wird aber von vielen Mitarbeitern wegen des Austauschs mit den Kollegen geschätzt – mal häufiger, mal weniger. Aber auch die Arbeit im Homeoffice wird akzeptiert, die Vereinbarkeit von Familie und Beruf bezeichnet Deutschland-Personalchef Cawa Younosi als "ureigenstes Interesse" von SAP. Damit die besten Talente nach Walldorf kommen – und dort auch bleiben. Grundsätzlich gilt: Vertrauen schafft Leistung. Und – so belegt es eine aktuelle Studie des Instituts der deutschen Wirtschaft – funktioniert besser als permanente Kontrolle.

Ein kultureller Wandel bahnt sich an

Das Werben um Fachkräfte ist nötig – in Deutschland herrscht fast Vollbeschäftigung. Und die Vereinbarkeit von Familie und Beruf gehört für viele Mitarbeiter mittlerweile zu den zentralen Themen bei der Jobsuche. Geld ist nicht mehr so wichtig, überlange Präsenz am Arbeitsplatz gilt als überholt – ein kultureller Wandel bahnt sich an. Noch nicht in allen Branchen – aber zusehends mehr.

Ein kultureller Wandel bahnt sich an: Die Vereinbarkeit von Familie und Beruf ist mittlerweile bei der Jobsuche ein wichtiges Kriterium. Überlange Präsenz am Arbeitsplatz gilt als überholt.

Ein kultureller Wandel bahnt sich an: Die Vereinbarkeit von Familie und Beruf ist mittlerweile bei der Jobsuche ein wichtiges Kriterium. Überlange Präsenz am Arbeitsplatz gilt als überholt.

Selbst bei Schichtarbeit gibt es mehr und mehr die Möglichkeit, zumindest zwischen verschiedenen Schichten zu wählen oder Dienste zu tauschen. Und das wird von den Mitarbeitern sehr geschätzt.

Arbeitszeitmodelle kontinuierlich weiterentwickeln

In der Bielefelder Kommunikationsagentur von Lasse Rheingans wird das neue Arbeitszeitmodell kontinuierlich weiterentwickelt. Was funktioniert? Was muss verbessert werden? Weil das Private im fünfstündigen Normalarbeitstag zu kurz kommt, machen viele der Mitarbeiter mittlerweile gemeinsam Mittagspause – auch wenn sie eigentlich nach Hause gehen könnten. Wer sein Pensum nicht geschafft hat, der darf mittlerweile danach auch noch ein bisschen weiterarbeiten, wenn es nicht zur Regel wird. Denn die "Wissensarbeiter" sollen sich gut erholen, um am nächsten Tag mit frischen Ideen wieder kreativ ans Werk gehen zu können – auch das gehört zum Kalkül der Arbeitgeber.

Verkürzte Arbeitszeit – das Wichtigste auf einen Blick

Zeitfresser reduzieren
  • ständige Erreichbarkeit per E-Mail und Handy
  • zu lange Besprechungen mit zu vielen Teilnehmern
  • privater Austausch
Vorteil der verkürzten Arbeitszeit
  • mehr Raum für Familie und private Interessen
Nachteile der verkürzten Arbeitszeit
  • starke Verdichtung der Arbeit
  • mehr Druck
  • höhere Konzentration erforderlich
  • kaum Pausen
  • kaum privater Austausch
Fazit

Arbeitszeitmodelle müssen kontinuierlich überarbeitet und an die Bedürfnisse angepasst werden