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SENDETERMIN Do, 9.10.2014 | 22:00 Uhr | SWR Fernsehen

Schleckermäuler Fledermäuse mit Kariesschutz

Zucker macht Karies. Aber bei Fruchtfledermäusen offenbar nicht. Die naschen die ganze Nacht und haben trotzdem gute Zähne. Wie sie das machen, haben Forscher herausgefunden.

Fledermäusen sind auf bestimmte Nahrung spezialisiert – einige Arten fressen nur Insekten, andere Blütennektar und wieder andere nur Früchte.

Die "Jamaika-Fruchtfledermaus" steht auf reife Feigen. Pro Nacht frisst sie bis zu fünfzehn Früchte. Und die sind extrem süß. Ihr Saft enthält dreimal so viel Zucker wie Apfelsaft. Müsste so viel Zucker nicht den Zähnen schaden?

Der Frage sind Wissenschaftler aus Ulm nachgegangen. Dazu reisten sie erst einmal nach Panama. Denn dort ist es möglich, die nachtaktiven Fruchtfledermäuse in ihrem natürlichen tropischen Lebensraum zu untersuchen. Die Forscher fingen die freilebenden Tiere ein und untersuchten sie genau, vor allem natürlich ihre Zähne.

Kaum Karies trotz Süßkram

Die Zahnbefunde der Fruchtfledermäuse waren für Professor Bernd Haller von der Universitätsklinik für Zahnerhaltungskunde und Parodontologie der Uniklinik Ulm erstaunlich. Von 230 untersuchten Tieren haben sie nur bei sechs Karies gefunden. Und das immer nur in Verbindung mit Zahnverletzungen, etwa wenn ein Zahn abgebrochen war. Auch Plaquebefall war absolut selten. Unter diesen Bakterienbelägen bildet sich häufig Karies.

Die Tiere müssen also über einen besonderen Kariesschutz verfügen. Professor Peter Dürre, Direktor des Institutes für Mikrobiologie und Biotechnologie an der Universität Ulm, sieht zwei mögliche Erklärungen: „Entweder gibt es Substanzen im Speichel, die die Entwicklung der Bakterien hemmen, die bei uns Karies machen. Oder die Zähne haben eine andere Struktur als menschliche Zähne.“

Ist der Schutz im Speichel?

Um den Speichel der Naschmäuler zu untersuchen, nahmen die Wissenschaftler in Panama Proben von den Tieren. Diese analysierten sie dann später im Labor in Deutschland.

Speichel unterm Mikroskop

Keine "Streptococcus mutans" im Fledermausspeichel

Sie hoffen in den Speichelproben eine hemmende Substanz gegen "Streptococcus mutans" zu finden, den Hauptauslöser von Karies. Doch Peter Dürre und seine Kollegen wurden enttäuscht: „Leider haben die Untersuchungen gezeigt, dass der Speichel keine hemmenden Substanzen enthält.“

Die Fledermauszähne müssen also einen ganz anderen Schutzmechanismus haben. Eine weitere Möglichkeit sahen die Forscher in der Zahnoberfläche.

Zähne mit Lotuseffekt

Daher analysierte Rolf Diebolder vom Institut für Lasertechnologien in der Medizin und Messtechnik in Ulm mit Lasertechnik die Zahnstruktur der Fruchtfledermäuse. Beim Vergleich mit menschlichen Zähnen beobachtete er Unterschiede in der Zahnschmelz-Oberfläche: „Bei dem menschlichen Zahn haben wir eher eine Löcherstruktur, vergleichbar mit dem Golfball. Die Zahnoberfläche der Fledermäuse hat hingegen eine leichte Noppenstruktur, eine Hügelstruktur. Man kann sie vergleichen mit der Funktionalität der Oberflächenstruktur von Lotusblättern.“

Bei der Lotuspflanze perlt Wasser in Tropfen von den Blättern ab. Dabei reißt das Wasser Schmutzpartikel von der Oberfläche mit und reinigt das Blatt dadurch. Der gleiche Mechanismus sorgt offenbar für die „automatische Zahnreinigung“ bei der Fruchtfledermaus. So können sich Plaque und Karies gar nicht erst bilden.

Von den Fledermäusen profitieren

Der Zahnmediziner Bernd Haller ist überzeugt, dass diese Erkenntnisse auch Gewinn für den Menschen bringen. Zur Kariesprophylaxe gibt es bisher zum Beispiel die Anwendung eines Fluoridlackes. „So könnte man strukturbildende Materialien auftragen“, erzählt Bernd Haller, „zum Beispiel in Form eines Lackes, der dann die entsprechenden Mikro- oder Nanostrukturen - wie wir das beim Fledermauszahn beobachtet haben - nachahmen könnte. Und auf diese Art wäre dann die Zahnoberfläche imprägniert.“

So könnte der Kariesschutz der Fruchtfledermäuse auch den Menschen noch zu Gute kommen. Vielleicht können dann irgendwann auch wir Menschen den ganzen Tag Süßes naschen, ohne uns Sorgen um die Zähne machen zu müssen.

aus der Sendung vom

Do, 9.10.2014 | 22:00 Uhr

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Donnerstags um 21.00 Uhr im SWR Fernsehen.