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SENDETERMIN Do, 21.3.2013 | 22:00 Uhr | SWR Fernsehen

Feinstaub Stuttgart - dreckig, dreckiger, am dreckigsten

Beim Feinstaub liegt die Stadt der Kehrwoche weit vorn: Stuttgart hat auch im Jahr 2012 im bundesweiten Feinstaubranking den ersten Platz belegt - zum achten Mal in Folge. Es drohen hohe Strafen. Stuttgarts Feinstaub-Dilemma löst das nicht.

Autos verursachen den meisten Feinstaub

Am Neckartor in Stuttgart donnern jeden Tag bis zu 80.000 Fahrzeugen an alten Jugendstilhäusern vorbei. Die Bundestraße 14 ist nur eine der drei großen Verkehrsadern, die Stuttgart mit vier bis sechs Spuren durchschneiden. Laut dem Umweltamt der Stadt sind Autos für zwei Drittel des Feinstaubs in Stuttgart verantwortlich.

6-spurig ausgebaute Hauptverkehrsstraße voller Autos

Das Neckartor: hohe Verkehrsdichte und höchste Feinstaubbelastung Deutschlands.

Für das menschliche Auge ist Feinstaub unsichtbar, da er nur etwa zehn Mikrometer groß ist. Feinstaub entsteht bei den Verbrennungsprozessen in KFZ-Motoren und beim Abrieb von Reifen und Bremsen. Durch den Verkehr wird Feinstaub immer wieder hochgewirbelt und in der Luft verteilt. Die feinen Partikel können bis tief in die Lunge vordringen und die Anteile unter 2,5 Mikrometer sogar ins Blut gelangen. Krankheiten an Lunge, Herz und Kreislauf können die Folge sein. Eine Studie der Europäischen Union (EU) aus dem Jahr 2005 geht von 65.000 vorzeitigen Todesfällen in Deutschland durch Feinstaub aus.

Anwohner klagen gegen die Stadt Stuttgart

Die EU hat deshalb ein Gesetz verabschiedet, bei dem Grenzwerte die Luft rein halten sollen. Im Tagesmittel beträgt der Grenzwert 50 Mikrogramm pro Kubikmeter und darf maximal an 35 Tagen im Jahr überschritten werden. Seit 2005 müssen außerdem alle Kommunen, die die Grenzwerte überschritten haben, sogenannte Luftreinhaltepläne vorlegen. Wo die Werte überschritten werden, kann jeder Bürger auf der Internetseite des Umweltbundesamtes nachsehen. Hier veröffentlicht die Behörde die Werte aus ihrem bundesweiten Messnetz.

Autos rasen an Feinstaubmessstation am Stuttgarter Neckartor vorbei

Mitten im Verkehrsgeschehen: die Messstation am Neckartor.

Auf dieser Grundlage lässt sich einem betroffenen Bundesland relativ einfach der Prozess machen. Roland Kugler ist Anwalt der Anwohner am Neckartor in Stuttgart und hat bereits drei solcher Prozesse gegen das Regierungspräsidium Stuttgart geführt. Auch aktuell läuft eine Klage vor dem Verwaltungsgericht.

Kessellage verschärft die Belastung durch Feinstaub

Zwar hat das Regierungspräsidium einiges unternommen, doch bisher ließ der Feinstaub sich bloß reduzieren. Am besten wirkten ein Durchfahrtsverbot für LKW und das schrittweise Einführen einer Umweltzone im Stadtgebiet. Allerdings sind die Messwerte am Neckartor auch im Jahr 2012 noch doppelt so hoch wie erlaubt.

Zwei Männer schauen sich zwei Filter an, wovon einer

Täglicher Wechsel: Nach nur 24 Stunden sieht ein frischer Staubfilter richtig schwarz aus.

Neben dem Verkehr verschärft Stuttgarts Kessellage die Situation beim Feinstaub. Sie erschwert die Belüftung der Stadt. Wenn sich im Winter zusätzlich eine warme Luftschicht über die kalte Luft am Boden schiebt, kann sich der Feinstaub im Kessel noch mehr konzentrieren. Je nach Wetterlage erreicht Stuttgart dann oft über mehrere Tage lang Spitzenwerte.

Tempolimit scheint keine Lösung zu sein

Weil die Topographie Stuttgarts nur schwer zu ändern ist, richten sich bisher alle Schritte auf den Verkehr. 2011 beauftragte das Regierungspräsidium die Universität Stuttgart mit einem Gutachten, um zu untersuchen, wie Tempo 40 die Luftqualität beeinflussen würde. Das Ergebnis: An den Bundesstraßen in Stuttgart gäbe es weniger Feinstaub, weil weniger Autos fahren würden. Der Verkehr würde sich in Randzonen und kleinere Seitenstraßen verlagern und dort die Feinstaubmenge steigen lassen. Aus diesem Grund bekam Stuttgart kein Tempolimit von 40 Stundenkilometern im Stadtgebiet. Kritiker des Gutachtens bemängeln allerdings, die Berechnungen hätten Autofahrer, die auf Busse und Straßenbahnen umsteigen, nicht berücksichtigt.

Gutachter plädiert für bundesweite City-Maut

Um den Feinstaub zu reduzieren, schlägt der Leiter des Gutachtens, Prof. Rainer Friedrich von der Universität Stuttgart, eine Straßenbenutzungsgebühr oder City-Maut vor. Diese sollte nicht auf das Stuttgarter Stadtgebiet begrenzt sein, damit Menschen zum Einkaufen nicht auf andere Städte im Umland ausweichen. Der Verkehrsplaner hält eine bundesweit einheitliche City-Maut für den einzig gangbaren Weg, um das Verkehrsaufkommen messbar zu vermindern. Eine City-Maut ist in Deutschland aber gesetzliches Neuland. Hier wären die Verkehrsminister der Bundesländer gefordert.

Finger fährt über ein Fenstersims voller Staubpartikel

Sichtbare Ablagerungen: Überall an Gebäudefassaden kleben Staubparitikelschichten.

Von einer Bewirtschaftung des Parkraums, wie sie der Stuttgarter Oberbürgermeister Fritz Kuhn erwägt, hält Prof. Friedrich wenig. Er rechnet auch nicht damit, dass moderne Autos nach der sogenannten Euro-6 Norm oder Elektrofahrzeuge in den nächsten zehn Jahren den Feinstaub verringern. Denn auch bei Fahrzeugen mit Null-Ausstoß reiben sich Bremsen und Reifen ab, und sie wirbeln Feinstaubs auf.

EU könnte Baden-Württemberg verklagen

Die aktuellen Möglichkeiten, um Feinstaub zu reduzieren, sind alle umgesetzt. Wie es weiter gehen soll, ist unklar. Neue gesetzliche Regelungen könnten neue Wege eröffnen. Doch auf Zeit können die aktuellen Entscheider in Stuttgart nicht spielen. Denn die EU-Kommission hat die vom Land Baden-Württemberg eingereichten Anträge auf eine Fristverlängerung zur Luftverbesserung Ende Februar abgelehnt. Ob die EU das Land verklagen wird, ist im Moment offen.

aus der Sendung vom

Do, 21.3.2013 | 22:00 Uhr

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Die dreckigste Stadtluft in Deutschland

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