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SENDETERMIN Do, 27.10.2016 | 22:00 Uhr | SWR Fernsehen

Fehlerkultur Mein größter Fehler

Warum machen selbst kluge Menschen immer wieder dumme Fehler? Oft sind dafür Denkmuster verantwortlich, die über Jahrmillionen erfolgreich waren, heute aber nichts mehr taugen.

Von 300 Mitarbeitern auf 0

Bert Overlack muss tief durchatmen, wenn er in die Lagerhalle tritt: Früher wurde er auf dem Firmengelände in Rastatt von allen Seiten gegrüßt, es roch nach Holz, überall stapelten sich edle Furniere, es herrschte rege Betriebsamkeit. 300 Mitarbeiter waren bei „Overlack Furniere“ angestellt. Heute ist hier kaum noch jemand unterwegs, denn das Unternehmen ging pleite. Der ehemalige Geschäftsführer ist mit sich und seinem Schicksal alleine. Ein schmerzlicher Moment, weiß er doch, dass vor allem er für diese Misere verantwortlich ist. „Ich hatte ein zu großes Ego. Ich kann dem Leben nicht vorwerfen, dass es mir keine Hinweise gegeben hat. Aber ich habe viel zu stark an mich geglaubt, habe auch in die Fähigkeiten des Unternehmens überschätzt.“

Viele kleine Entscheidungsfehler

Dabei fing alles so gut an: 1996 übernimmt er das Holzfurnierunternehmen seines Vaters und leitet es 13 Jahre lang erfolgreich. Die Firma wächst stetig, ist europaweit der siebtgrößte Hersteller von Holzfurnieren. Doch 2009 geht in der Finanzkrise der Absatz radikal zurück. Anstatt Investitionen zurückzuhalten und das Unternehmen zu verkleinern, kurbelt Bert Overlack das Wachstum an. Sein Ziel: Mit seiner Firma unter die Top drei in Europa zu kommen. Längst wird er von allen Seiten gewarnt, sowohl im privaten Umfeld, als auch von Beratern, doch Bert Overlack hört nicht zu. „Ich stand zwei Jahre unter Strom. Unter Vollstress. Und in der Phase war ich gar nicht mehr in der Lage, Situationen objektiv einzuschätzen“. Es folgt eine ganze Reihe kleiner Entscheidungsfehler, die ihn und sein Unternehmen weiter in den Abgrund stürzen. „Sicherlich ein Punkt war, Konflikten aus dem Weg zu gehen, ich hätte Mitarbeitern auf die Füße treten müssen, es hätte die ein oder andere personelle Maßnahme geben müssen, davor habe ich mich gedrückt.“

Warum machen wir Fehler?

Ulrich Frey kennt dieses Phänomen. Der Stuttgarter Philosoph und Biologe beschäftigt sich mit häufigen Denkfehlern in Alltag und Wissenschaft. Laut Frey ist in
der Evolutionsgeschichte unser Gehirn in Anpassung an andere, simplere, Problemstellungen entstanden. So ist es schlicht nicht darauf ausgelegt, Netzwerke in der Dimension ganzer Ökosysteme zu überblicken. Der Umstand, dass wir trotzdem versuchen es zu tun, kommt uns teuer zu stehen, so wie Bert Overlack.

Doch Denkfehler haben in den Augen des Wissenschaftlers auch einen Sinn, denn die schnelle Entscheidung war oft überlebenswichtig. „Wenn sie eine komplexe Situationen in den Griff bekommen oder analysieren wollen, können sie alle Fakten sammeln, da sind sie aber sehr lange Zeit beschäftigt und sie sehen sofort in einer natürlichen Umgebung in einer Situation in der sie schnell handeln müssen funktioniert das nicht.“ So schützen uns diese Mechanismen vor ständigem Zweifeln – anstatt endlos zu zögern und zu zaudern, bleiben wir Handlungsfähig. Fällt die Entscheidung richtig aus, haben wir eine Chance weiterzukommen. Warum wir allerdings nicht auf Warnungen von anderen hören, darüber ist Ulrich Frey immer wieder erstaunt, beruht dieses Verhalten doch auf einem der häufigsten Denkfehler.

„Es ist verblüffend zu sehen wie wir mit unseren Meinungen hartnäckig bleiben und sie werden gegen alle anderen Belege, die das angreifen könnten, verteidigt.“ So zeigen sogar wissenschaftliche Experimente, dass 60 Prozent der Versuchsteilnehmer auf alten komplizierten Lösungswegen beharren, obwohl viel einfachere Lösungswege zur Verfügung stünden.

Der Weg aus der Krise

Heute arbeitet Bert Overlack als Coach und Personal Trainer. Der Wiedereinstieg in die Berufswelt ist nicht leicht gewesen, denn das Selbstwertgefühl des gescheiterten Firmenchefs war angekratzt. Seine Fehler hatten ihn innerlich erschüttert. Das merkte er vor allem bei Bewerbungsversuchen als Geschäftsführer. „Da bin ich nicht mit der Kompetenz und der Stärke aufgetreten wie ich es gebraucht hätte. Das merken sie über Körpersprache über Formulierungen die sich einschleichen.“ Doch er geht in die Offensive und spricht bei Vorträgen und einer sogenannten „Fuck-Up Night“ in Stuttgart offen über seine Fehler. Unternehmensgründer treffen sich deutschlandweit in solchen Nächten, um die eigenen Pleiten zu „feiern“. Ziel ist es den offenen Umgang mit Fehlern zu etablieren und aus Ihnen zu lernen.

Laut Fehlerforscher Ulrich Frey ist das der erste Schritt, um neue Fehler zu vermeiden. „Ich würde mal behaupten, dass die Fehlerkultur noch nicht so ausgeprägt ist wie sie es sein könnte. Vor allem wenn man an die ganzen Kosten denkt, die Fehler verursachen.

Bert Overlack kosteten seine Fehler die Existenz. Und doch fühlt er sich von der Krise gestärkt. „Ich glaube, dass ich heute mit ähnlichen Situationen ganz anders umgehen würde bzw. ich unterstütze ja auch Menschen mit solchen Situationen umzugehen. Das könnte ich, ohne die eigene authentische Erfahrung, nie in der Weise wie ich es heute tun kann.

Fehler können also eine Chance sein, wenn man über sie spricht, und ihre Ursachen ergründet.

Buch

Ulrich Frey, Johannes Frey

Fallstricke, die häufigsten Denkfehler in Alltag und Wissenschaft

Verlag:
C.H. Beck; Auflage: 3 (2011)
Genre:
Sachbuch
aus der Sendung vom

Do, 27.10.2016 | 22:00 Uhr

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